Auf ein Wort, meine Herren.

Bevor wir unser Gespräch beginnen, gestehe ich Ihnen ganz direkt, dass es mich nicht stört, wenn Sie mir Komplimente für mein Äußeres machen. Ich sage das nur zur Entspannung unseres Verhältnisses.

Kürzlich wurde von einer jungen Politikerin folgende Regel aufgestellt, die wohl ein kategorischer Imperativ sein soll: „Erstens: Fasse niemanden an, den du nicht kennst. Zweitens: Rede nicht über den Körper von Menschen, die du nicht kennst.“ Verwirrung ist die Folge.

Heutzutage weiß man (ich meine: Mann) ja gar nicht mehr, was er sagen oder wohin er schauen soll, oder ob er zur Begrüßung meine Hand ergreifen darf.

Bei mir dürfen Sie sogar diese Hand küssen, mein Herr. Das kann ich gut gebrauchen für mein Selbstwertgefühl, denn wir Frauen sollen uns ja immerzu fragen, ob wir nicht grade herabgewürdigt werden. Mich würdigt ein Kompliment jedenfalls nicht herab.

Schauen Sie! Loben Sie! Wenn ich aus dem Haus gehe, möchte ich auffallen, sonst hätte ich kein so schönes Kleid angezogen. Wenn mir jemand sagt, dass ich schön bin, dann heißt das für mich doch nicht, dass er mich für geistig minderwertig hält. Nein, ganz im Gegenteil. Ich betrachte meine körperlichen Vorzüge durchaus als Teil meiner Persönlichkeit, meines Ganzen. Nur sind das eben die Eigenschaften, die man von außen besser erkennt als meine inneren Werte.

Aber immerhin sieht der, der mich ansieht und meint, dass ich schön bin, schon mal genauer hin, wenn er mich nicht übersieht. Ich habe jedenfalls noch nie erlebt, dass ein Mensch, egal ob Mann oder Frau, sich vom Geist und Esprit eines anderen hätte bestricken lassen, ohne dass ihm zuvor das Äußere dieses Menschen aufgefallen wäre.

Und da gibt es die Schönen einerseits, und andrerseits die Attraktiven, die Spannenden, welche dich in den Bann ziehen, ohne dass du sagen könntest, warum, vielleicht trotz ihrer Hässlichkeit. Kein sprühender Geist erfüllt einen Körper, der nicht attraktiv ist. Der Geist macht doch erst die Ausstrahlung, den Ausdruck.

Verstehen Sie mich aber nicht miss, ich würde jetzt nicht so weit gehen, dass ein Kompliment für meinen Arsch mich geradezu für einen Pulitzerpreis nominiert – aber immerhin hätten wir dann einen Anknüpfungspunkt, denn ich würde Ihnen ja zustimmen, dass er ein Prachtstück ist, dieser Arsch.

Diejenigen, die Komplimente als Entwürdigung empfinden, missfällt die scheinbare Reduzierung auf ihre bloße Körperlichkeit.

Nun, wenn sie so empfinden, muss man ihnen wohl Recht geben, auch juristisch, wenn´s sein muss. Aber ich frage Sie, was ist denn unangenehmer, was ist aufdringlicher: Wenn jemand Ihren Körper beurteilt oder Ihren Verstand?

Hypersensible, die es weit von sich weisen, wenn man sie auf ihre Lebenstatsachen anspricht, etwa: „Sie haben aber einen tollen Busen!“, sagen schamlos und in aller Öffentlichkeit, dass sie einen für „hochintelligent“ oder „tiefempfindsam“ halten– eine klare Grenzüberschreitung, wenn Sie mich fragen!

Diese Leute geben Kommentare ab, wie es in mir aussieht, obwohl sie es gar nicht sehen können – und verwehren sich dagegen, dass ihnen jemand sagt, wie sie aussehen – dabei ist das doch offensichtlich!

Salomé Balthus

Maria, die Mätresse Gottes

Jean Fouquet: „Madonna mit Kind und Engeln“ um 1450, ©  Koninklijk Museum voor Schonen Kunsten, Antwerpen
Jean Fouquet: „Madonna mit Kind und Engeln“ um 1450, © Koninklijk Museum voor Schonen Kunsten, Antwerpen

Ernst Jünger mochte sie nicht. In „Siebzig verweht“ reibt er sich am Widerspruch und der Dämonie des Motivs, als er Jean Fouquets „Maria mit Kind und Engeln“ zum ersten Mal im Antwerpener „Koninklijk Museum voor Schone Kunsten“ gegenüber stand.

Der Antagonismus des Bildes verwirrt und verzaubert.

Jahrhunderte lang haben auch Kunsthistoriker in dieser heiligen Jungfrau die ganz und gar nicht jungfräuliche Geliebte des französischen Herrschers Karl VII erkennen wollen (dem eine andere heilige Jungfrau, Jeanne d’Arc, zu Ruhm verhalf), nämlich Agnès Sorel.

Die schöne Agnès, genannt „Dame de Beauté“ hat als die erste aller Königs-Mätressen in den Geschichtsbüchern Unsterblichkeit erlangt. Ihr irdisches Dasein war indes nicht von Dauer, wurde sie doch von ihrem Stiefsohn, dem späteren Ludwig XI, so munkelt man, durch Giftmord ihrem Wirkungskreis entzogen.

Diese „schönste Frau Frankreichs“ verfügte nämlich nicht allein über fleischliche Reize, vielmehr war sie eine Frau von Geist, die ihre Gottesgaben mit vielen Registern auszuspielen vermochte, oft feinsinnig, intrigant bisweilen, doch stets verführerisch. Vorzugsweise ließ sie sich mit Schlössern und Grundstücken beschenken, wodurch der Begriff „Liegenschaften“ einen pikanten Doppelsinn bekam.

Sogar in der Mode hat diese galante Geliebte Geschichte geschrieben, denn sie kreierte das Kostüm „oben ohne“, eine Robe, bei der sie eine nackte Brust dem Hofstaat zum Staunen darbot.

Jean Fouquet: „Agnès Sorel“
Jean Fouquet: „Agnès Sorel“

 

Eine Mätresse als Vorbild der Mutter Gottes?

Schon Fra Filippo Lippi (ein Florentiner Mönch) hatte Huren als Modelle für seine Marienbildnisse angeworben, warum nicht auch ein Flame wie Jean Fouquet?

Hat gar der König den Maler beauftragt, seiner Mitwelt mit dieser scheinbaren Häresie eine Botschaft zu übermitteln? „Was Gott kann, das kann ich auch!“

Für den Renaissance-Menschen glich Gott mehr dem Jupiter als dem Jehova. Auch er war nur ein Herrscher, der auf seinem Recht der „primae noctis“ bestand, jenem Brauch, bei dem der Fürst jede Braut seines Reiches entjungfern durfte, bevor dem braven Gatten gewährt wurde, das Bett mit ihr zu teilen (denken Sie an Mozarts „Figaros Hochzeit“!).

Diese süffisante Deutung würde erklären, warum den frommen Christen Fouquets Madonna attraktiv und abstoßend zugleich vorkommen mag.

Sollte ihnen entgangen sein, dass es die Päpste waren, die mit Hilfe von Mätressen schon im Mittelalter für ihr leibliches Wohl zu sorgen wussten? Zwischen den Jahren 900 und 1000 haben elf Generationen heiliger Väter den Stuhl Petri durch Beischlaf erklommen und verteidigt.

Ihre Renaissance erlebte diese päpstliche Pornokratie durch die schöne Julia Farnese („la bella Giulia“), Mätresse Papst Alexanders VI, die flugs ihren Bruder an die Führungsspitze der römischen Kurie lancierte – und damit der Familie Farnese auf Dauer Ruhm und Reichtum bescherte. „Fregnese“ (deutsch: „Fotzese“) wurden die Farnese deshalb unverblümt im Volksmund genannt.

Eine der größten Pop-Ikonen unserer Tage, Madonna, der man nach-unkt, dass sie ihre Karriere als Porno-Darstellerin gestartet habe, und die sich gerne provokant in Szene setzt, lebt als luzides Beispiel für die immer noch gültige Affinität von Heiliger und Hure.

Während man Männern nachsieht, wenn sie mit Waffengewalt ihren Machtwillen verwirklichen und dabei Schlachtfelder in Schlachthäuser verwandeln, macht sich eine Frau moralisch verdächtig, die ihre Vagina als gewaltfreie Wehrkraft einzusetzen weiß.

Dies ist eine ganz und gar misogyne Moral, finden Sie nicht?

Und wenn Sie genauso fasziniert sind wie ich von Jean Fouquets „Madonna“, dann vielleicht auch deshalb, weil der Maler mit der Verlogenheit dieser Moral seinen Schabernack treibt.

Auftraggeber des Bildes war Etienne de Chevalier, der seine verstorbene Gattin gern als Madonna verewigt wissen wollte. Doch der Maler gab der braven Verblichenen die Züge der „femme plus belle“, Agnès Sorel. – Was dem Spießbürger vielleicht als Schmähung, dem Fürsten de Chevalier jedoch als Kompliment erschien.

Paradox wirkt auch die Porzellan-ähnliche Haut der Madonna, die auf jene Reinheit einer Virgo intacta verweisen könnte. Auch die entblößte Brust lässt sich als keusche Lactation erklären. Zugleich aber wirkt sie erotisch und erregend, denn die modische Entblößung diente der Agnès Sorel ja bekanntlich nicht zur Speisung Minderjähriger, vielmehr zur Triebförderung und Testosteron-Vermehrung der Mächtigen und Reichen.

Nicht zuletzt wecken die prä-pubertären Engel-Nackedeis den Argwohn des Sittenwächters („Kinder-Porno? Oh, Gott im Himmel!“), wo doch der Gebildete und Bibelfeste wissen sollte, dass es sich getreu der Heiligen Schrift um rote Seraphin („Entflammer“, „Erglüher“) und um blaue Cherubin handelt.

Honi soit, qui mal y pense! – In diesem Sinne: frohe Weihnacht!

Text von Greta Brentano

Generation OK

von Salomé Balthus

 OK
Irgendwie OK
Total OK
Echt OK
Echt total OK
Sowas von OK
OK?
Eigentlich nicht OK
Nicht so OK
Nicht ganz OK
Nicht so ganz OK
Überhaupt nicht OK
Total nicht OK
Gar nicht OK
Nicht OK

Oder eine Orgie

 

OK: OK ist, wenn etwas OK ist. Ist etwas OK, dann ist das: unter Kontrolle.

OK heißt: kein Thema. OK bedeutet, darüber muss nicht mehr nachgedacht werden. Das ist OK, heißt, denken Sie nicht drüber nach, da haben andere schon drüber nachgedacht und das passend gemacht. Sonst wäre es ja nicht OK. OK heißt, das passt. OK passt immer! OK ist die Passform schlechthin. Wer über OK-es nachdenkt, verschwendet kostbare Zeit. Und das wäre gar nicht OK.

OK heißt, damit muss man sich nicht beschäftigen. Es ist OK, OK zu sagen, wenn einen etwas nicht interessiert.  Das Ok-e fordert nicht unseren Ärger, unsere Wut, unseren Eifer und auch nicht unseren Jubel. OK ist mild. OK will nicht Empathie und schon gar keine heftige. Regen Sie sich nicht auf, das ist OK. Sei nicht traurig, das ist schon OK. Wie sehe ich aus? –OK. Wie findest du das, ja, wie findest du denn das?! – OK. Ich verlasse dich! – OK. Wie war denn das große Abenteuer Ihres Lebens? – OK. Na dann, kusch, geh wieder an deine Arbeit! – OK.

OK wird niemals von Ihnen verlangen, eine Haltung einzunehmen.

OK kennt nur OK. Wer OK ist, kann tun, was er will, er ist ja OK, oder, noch schlimmer, IRGENDWIE OK.

OK wird Ihrem Ruf niemals schaden. Ihr Lebenslauf sollte auf jeden Fall OK sein. Sie selbst sollten stets OK sein. Denn sonst wären Sie ja nicht OK.

OK sagt, egal was Sie tun, haben Sie sich unter Kontrolle. Die Gefühle. Sind OK. Aber nur, wenn sie OK sind. Es ist OK, keine Meinung zu etwas zu haben. Nicht jede Meinung ist OK. Aber keine Meinung ist immer OK. Also ist es OK, immer keine Meinung zu haben. Es ist schließlich das Recht eines jeden, sich aus allem heraus zu halten.

So halten es alle, die zwischen 18 und 38 sind. Und also OK für alle Einsatzgebiete. Für alle Einsatzgebiete, die OK sind, versteht sich. Diese ganze Generation ist ja so was von OK. Sie führen das Wort „OK“ ständig im Munde. Bei jeder Gelegenheit. Sie kriegen es irgendwie hin, immer OK zu sein, IRGENDWIE OK. Es ist die GENERATION OK.

Wofür sollte man ihnen auch zurufen: Brenne, deutsche Jugend, brenne! Das erinnert ja wieder an Zeiten, die nicht OK waren. Und wofür sollten sie denn brennen?  Etwa für Dinge, die nicht OK sind? Aber Dinge, die OK sind, lassen nun mal gerade kein Herz in Flammen aufgehen. Das wäre wider ihre Natur, denn: Großbrände sind nicht OK.

Sie meinen, ich spräche von meiner Generation, als gehörte ich nicht dazu? Wissen Sie, ich habe mir von niemandem als eben dieser Generation selbst oft genug anhören müssen, ich sei NICHT OK. Was könnte ich da erwidern? Habe ich diese Kategorien vielleicht erfunden? Voilà: Dass ich NICHT OK bin, sehe ich als evident an.

Einsamkeit ist nicht OK. Hass ist nicht OK. Sucht ist nicht OK.

OK, OK, OK! Was hat das denn mit Erotik zu tun? Zu sagen, Erotik wäre OK, mag OK sein. Aber OK ist nicht erotisch. Überhaupt nicht. Kein Bisschen. In der Erotik ist nämlich das, was OK ist, überhaupt nicht OK.

Also entweder Sie sind OK, oder Sie sind erotisch.

Da müssen Sie sich schon entscheiden.

Freudenfrauen

Was unserer frustrierten Gesellschaft fehlt.

Von Paloma da Ponte

Egon Schiele „Freudenmädchen“ 1914 © Albertina Wien

Die Geradlinigkeit des Mannes stößt – trotz gelegentlicher Brutalitäten – allgemein auf wenig Bedenken. Die Frau als irrationales und emotionales Wesen dagegen wird als eine Bedrohung der funktionalen Gesellschaft gesehen.
Verdächtigerweise denkt sie irgendwie anders, ihre Logik ist nicht nachvollziehbar, und ihre Allüren und Eskapaden können jeden Mann zur Weißglut treiben. In ihrem Charakter zutiefst unberechenbar ist die Frau immer eine Gefahr, potentieller Brandherd und Unruhestifterin, im harmlosesten Fall die ständige Nervensäge, die den reibungslosen und effizienten Ablauf der Dinge sabotiert.

Da verwundert es nicht, dass diese unsichere Kandidatin Frau seit alters her für nicht ganz voll genommen wird. Unermüdlich hat der Mann versucht, ihr Vernunft beizubringen.
Leider mit nur mäßigem Erfolg. Selbst in Zeiten der Gleichberechtigung gibt sich das widerborstige Wesen nicht zufrieden. Die Warteräume der Psychiater sind überfüllt mit labilen, von unerklärlichen Zuständen und Ausbrüchen heimgesuchten Frauen, der Konsum von Psychopharmaka in der weiblichen Klientel ist enorm.
Was läuft hier falsch? Die gewitzte Tochter des Hysteria-Arztes Dr. Dalrymple bringt es auf den Punkt: Die weibliche Hysterie gibt es nicht. Es gibt nur von ihren Männern sexuell nicht befriedigte Frauen.
Die unterdrückte Sexualität als des Pudels Kern? Aber hatten wir nicht Freud und Konsorten, die diese Crux hinlänglich aufgeklärt haben? Eine sexuelle Revolution, welche die Fesseln der Lustfeindlichkeit sprengte, Tabus und Schamhaftigkeit pulverisierte?
Offensichtlich hat diese Aufklärung nicht ausgereicht. Weibliche Lust und Sinnenfreude stehen immer noch im Zwielicht, gefürchtet und abgewertet. Frustrierte und Besessene, verstohlene Verehrer und verbitterte Verächter – Geschädigte zuhauf tummeln sich in beiden Lagern.

 

Dante Gabriel Rossetti „Lilith“ © Tate Gallery London
Dante Gabriel Rossetti „Lilith“ © Tate Gallery London

Kleiner Fehltritt mit Folgen

Schon Henry Miller forschte nach der Ursache dieses alarmierenden Missstandes. Der wagemutige Vorreiter sexueller Befreiung sprach sich vehement gegen ein profanes Verständnis des Sexuellen aus und erklärte, alle Obszönität müsse sinnvoll auf einen höheren Zweck, eine religiöse Dimension ausgerichtet sein.
Damit sind Kirche und christliche Religion als Sündenbock schnell ausgemacht: Die Basisideologie der westlichen Gesellschaften fußt auf der fundamentalen Ausgrenzung der spirituellen, transformativen Kraft des Sexuellen. Die Frau und ihre Sinnlichkeit wird seit Evas Eskapade mit dem Teufel in Schlangengestalt auf ewig schuldig gesprochen am Unglück der Welt, sie wird zum Inbegriff der Sünde und Verwerflichkeit.
Evas kleiner Fehltritt wurde zum Alibi-Argument der Männergesellschaft, den Frauen sei per se einfach nicht zur trauen. Die Frau als Personifizierung des  Sündenfalls, als Bündnispartnerin des Teufels muss dominiert und domestiziert werden – so die männliche Logik. Der Geschlechterkampf ist entfacht. Er überdauert Aufklärung und vermeintliche Emanzipation und führt uns auf direktem Wege in das fatal verkappte Patriarchat der Gegenwart.

Bartolomeo Veneto „Flora als Kurtisane“ © Städel-Museum Frankfurt Main
Bartolomeo Veneto „Flora als Kurtisane“ © Städel-Museum Frankfurt Main

Huldigung an Aphrodite

Der männlich dominierten Sexualwelt fehlt also die spirituelle Dimension. Hier betritt die heilige Hure das Parkett. Mit Nancy Qualls-Corbett, Psychologin und Autorin des Kult-Buches ‘The Sacred Prostitute’, machen wir einen Ausflug in die griechische Antike.
Die alten Hellenen praktizierten in ihren Tempeln einen ausgeklügelten Initiations-Ritus, mit dem die unschuldigen Mädchen in den Stand der Frau erhoben wurden. Zentrale Komponente der rituellen Frauwerdung war dabei die sexuelle Vereinigung der Kandidatinnen mit ihnen unbekannten Männern. So jedenfalls die Legende.
Aus heutiger Sicht ein skandalöser Vorgang, ein ungeheuerlicher Akt der Erniedrigung, die willkürliche Vergewaltigung jugendlicher Unschuld in einer (wie es scheint) brutalen, unzivilisierten Gesellschaft. In den Augen der Antike hingegen ein zur weiblichen Entfaltung unerlässlicher Vorgang, die magische Vereinigung der geschlechtlichen Gegensätze in der sexuellen Hingabe und die erst damit mögliche Öffnung des Menschlichen zum Göttlichen. Pflichtübung und huldreiche Verneigung vor der Schirmherrin Aphrodite.

Rituelle Hingabe an das phallische Biest

Die heilige Hure als versöhnende Heilerin von Sexualität und Spiritualität? Die Kraft der Sexualität, die freigesetzt den Zugang zu unterbewussten, transformativen Schichten des Mystischen eröffnet?
Die Hingabe an das phallische Biest, die rituelle Vereinigung im Liebesakt mit dem unpersönlichen Fremden erst macht das Mädchen zur Frau, führt sie zu ihrer Weiblichkeit und nimmt ihr die Furcht vor dem Männlichen.
Vor allem aber etabliert der rituelle Akt die Frau und ihre Sexualität als integralen Bestandteil der antiken Lebenswelt. Die Notwendigkeit der kosmologischen Verbindung zur göttlichen Dimension ist essentiell im Denken des antiken Menschen. Die Frau spielt dabei als Kontaktperson zur Götterwelt den entscheidenden Part. Sie wird geehrt und respektiert.

Republik der unerfüllten Liebe

Zurück in die Gegenwart, im Schatten der lustfeindlichen Doktrin abendländischen Denkens. Kirche und Staat haben die Göttinnen abgeschafft und die Frau als mystisches, sexuelles Wesen in die Verbannung geschickt. Die Riten des Altertums, welche die körperliche Lust als heilsames und wertvolles Bindeglied zu spirituellen Lebensquellen pflegten, sind vergessen. Die Lust ist tabuisiert, profanisiert, zur Sünde oder Unschicklichkeit erniedrigt.
Diese gründliche Verdrängungskunst bescherte uns ein System der von unerfüllter Liebe Getriebenen, die fasziniert den Reiz des Weiblichen suchen, aber zugleich, von Zwang der Abwertung beherrscht, das Weibliche fürchten und verachten. Diese verlorene Lust-Verehrung plagt die Seele und verwandelt Menschen in rastlose Effizienzmaschinen, die ihre eigene Sehnsucht verfluchen.
Die essentielle Versöhnung der Geschlechter über die sexuelle Transformation, die Vereinigung weiblicher Kreativität und männlicher Kontinuität bleibt aus.

In der modernen Demokratie ist der Frau zwar gestattet, Karriere zu machen bis hin zur Bundekanzlerin, um ein zweckdienliches Mitglied der Gesellschaft zu sein.
Doch sobald sie ihren Charme und ihre Scham, ihren Kopf und ihre Koketterie, ihre Schönheit und ihre Geilheit dazu einsetzt, sich und andere zu höchster Lust zu beflügeln, wird dies nicht als heilbringend und heilig bewertet, sondern nur als Hurerei.
Die Priesterin der Lust, die Prostituierte, sieht sich verfolgt, verachtet und verboten.
Nun denn, Ihr Kleingeister, wenn Ihr uns schon nicht als Göttinnen akzeptiert, dann doch wenigstens als Teufelsweiber!

Ernst-Ludwig Kirchner „Tanzpaar“ 1914 © Kirchner Museum Davos
Ernst-Ludwig Kirchner „Tanzpaar“ 1914 © Kirchner Museum Davos