Jung und schön


„Jung und Schön“ – dieser Film von Francois Ozon

handelt von einer jungen Hure.

Kunst? Kitsch? Lüge oder Wahrheit?

Lesen Sie, was eine junge Hure dazu sagt:

Heute war ich* mit meiner Gefährtin Gwendolyn Nightwood im Kino. Wir wollten uns mal den neuen Film von Francois Ozon anschauen.

Wollten sehen, wie ein Monsieur Ozon uns sieht. Sehen – schauen – anschauen – sich an einem Anblick weiden, sich in Betrachtung versenken… für viele Konsumenten dieses Films wird, das war uns schon beim Betreten des Kinos klar, das Gaffen die Hauptmotivation sein, das delektierende Anstarren der Bilder, die Hoffnung auf einen Pornofilm in Spielfilmlänge und mit der sittlichen Legitimation frankophilen Kultur-Cinéasmus.

Solche Hoffnungen haben, ganz allgemein, ja ihre Berechtigung – ob dieser Film sie zu befriedigen vermag, kann ich nicht sagen. Voyeurismus ist eine sensible Passion. Objekt des Voyeurismus zu sein, oder sich einzufühlen in das Objekt der Betrachtung und der Begierde, ist auch eine Form des Voyeurismus, aber eine, die den Narzissmus einschließt. Lustvolle Selbst-Beobachtung. Wie beim Sex vor dem Spiegel.

Isabelle, Ozons Protagonistin, hat in einer Szene Sex vor einem Spiegel. Auch Gwendolyn und ich machen so etwas gelegentlich. Und wie bei Isabelle, ist unser promiskes Dasein nicht damit erschöpft, dass wir uns von Voyeuren anschauen lassen (und was sonst noch dazu gehört) – wir selbst sind auch Voyeure, Voyeurinnen unserer hingebungsfähigen Körper, und somit mehr als bloße Objekte. Kontrollierte Selbst-Objektivierung ist unser Tun. So wie Isabelle, die bei ihrer Entjungferung aus ihrem Körper heraustritt und das Geschehen aus einigen Schritten Abstand betrachtet, mit kühlem Interesse.

Ich finde, das hat der Herr Ozon recht aufmerksam beobachtet.

Wohlmöglich versteht er Frauen wie uns, oder beinahe wie uns: abgesehen von dem im Film wenig bedeutenden Unterschied, dass die junge Isabelle sich in der Illegalität bewegt (erstens, weil Prostitution in Frankreich leider verboten ist, zweitens, weil sie erst 17 ist), sind ihre Erfahrungen den unseren sehr ähnlich.

Ich würde sagen, es ist ein sehenswerter, anschaulicher Film. Man darf sich getrost eine Kinokarte kaufen, wenn man wissen möchte, wie es so ist – was es ist, was wir in unserem Beruf meistens so tun. Und was ihn so reizvoll für uns macht: Der immer wiederkehrende Moment, wenn wir auf einen Fremden treffen, von dem wir nichts wissen, außer, dass er uns begehrt.  Das Herzklopfen kurz nach dem Betreten des Hotelzimmers, die Aufregung des Fremden, die uns ehrt. Die Magie des Entkleidens. Die ersten Berührungen, bevor die Körper verschmelzen. Und das Danach, das sich harmonisch anfühlen kann und wärmend, oder aber unsereins mit kühler Selbstgewissheit erfüllt. Oder mit süßer Melancholie. Das wohlige Duschen nach dem Akt. Die Rückkehr in die Welt der normalen Menschen, während wir ein köstliches Geheimnis in uns tragen, das uns Stärke schenkt.

Es ist etwas, das ich jeder Frau wünsche. Und eine Situation, in der jede Frau sich selbst einmal beobachten sollte, wenn ihr an ihrer weiblichen Raffinesse gelegen ist.

Der Reiz des Films aber bestand für mich nicht in seiner angenehm unaufgeregten Dokumentation solcher Szenen – sie sind für mich nichts Neues, kaum der  Rede wert. Ich persönlich käme nicht auf die Idee, sie für mitteilenswert zu halten  – aber das mögen die meisten Menschen anders beurteilen.

Das wirklich Überraschende im Film war das Verhältnis der Frauen zu einander.

Das Verhältnis von Mutter und Tochter. Es ist anders als bei mir. Isabelle hält ihre Tätigkeit geheim. Und auch, als es herauskommt, spricht sie mit ihrer Mutter nicht darüber. Die Mutter schlägt ihre Tochter, ist außer sich, sie empfindet Ekel und Verachtung. Sie ist so lasterhaft, klagt sie, während ihr Ehemann das Offensichtliche erkennt: Isabelle ist wunderschön. Diese schlichte Wahrheit aber ist nicht das, was die Mutter hören möchte. Handelt es sich um einen klassischen Schneewittchen-Konflikt? Ist die Mutter eifersüchtig auf ihre Tochter, die sie zur Staffelübergabe in Sachen weiblicher Begehrlichkeit zwingt?

Vielmehr ist es ist das Drama der Mutter-Kind-Symbiose, die von Seiten des Kindes aufgekündigt wird. Eine Symbiose, die vielleicht schon lange nicht mehr gilt, aber von der Mutter als Selbstverständlichkeit angesehen wurde. Das „eigene“ Kind, das „eigene Fleisch und Blut“, wird von der Mutter als Teil ihrer Selbst beansprucht. Als Bestandteil ihrer Selbstdarstellung, als ausgelagerter Teil ihres Ego. Die Tochter ist zur Mutter gehörig wie ein Abbild ihrer selbst, ihr Spiegelbild. Wenn nun das „eigene“ Kind ein Eigenleben entwickelt, und zwar eines, was sich so gänzlich von dem Leben, ja selbst der Vorstellungskraft der Mutter unterscheidet, wenn das „eigene“ Kind zum Fremden wird, oder, wie man´s nimmt, zu einem Menschen mit Anspruch auf Autonomie – dann ist das für eine solche Mutter unerträglich. Sie verliert die Orientierung, ist gezwungen, das schöne Spiegelbild zu ersetzen durch ein mehr realistisches, das sie auf sich selbst reduziert, als Bilanz vieler Jahre aufopferungsvoller Erziehung und unwiederbringlicher Jugend. Es ist das Drama des Verrats.

Und dann ist da noch Charlotte Rampling. Noch eine Frau, aber eine, die ganz anders ist. Die Würde, die Selbstsicherheit in Person. Sie spielt die Ehefrau eines Kunden, des Stammkunden von Isabelle, desjenigen, der beim Liebesakt unter ihr eines Todes stirbt, um den ihn viele Männer beneiden dürften (eine Szene, die weder ich noch Gwendolyn bisher erlebt haben).

Diese Frau nun möchte diese Léa kennenlernen, die ihren Mann als letztes gesehen hat. Und sie möchte mit ihr in das Hotelzimmer gehen, in dem sich die beiden regelmäßig trafen. Ohne jeden Vorwurf, ohne die geringste Spur von Eifersucht, ohne Hass oder Rachegedanken. Sie lässt sich leiten von der wunderbaren menschlichen Regung vorurteilsfreier Neugier, wirklicher Offenheit und dem Wunsch, zu verstehen. Mit dieser Empfehlung würde ich jeden auffordern, diesen aufschlussreichen Film zu schauen.

Oder, noch besser, falls Sie über das nötige Taschengeld verfügen: ein Treffen mit einer von uns glücklichen Frauen zu wagen, seien Sie nun ein Mann oder ebenfalls eine Frau.

Und falls Sie Charlotte Rampling sind: Sie, Madame, sind es, von der ich träume, manchmal, in der süßen Melancholie des Danach.

Text: © Salomé Balthus

„Jung und schön“ läuft ab Mitte November 2013 in deutschen Kinos.

Buch & Regie François Ozon
Produzenten Eric & Nicolas Altmayer
Kamera Pascal Marti
Originalmusik Philippe Rombi
Ton Brigitte Taillandier
Herstellungsleiter Sylvain Monod
1. Regieassistent Jérôme Brière
Casting Sarah Teper, Leïla Fournier
Ausstattung Katia Wyszkop

Vortrag am I. f. Erotosophie zu Berlin. Vortragende: Salomé B.

Lob der lustvollen Schwestern

 

Guten Abend meine Damen und Herren!

Darf ich bekannt machen? Nein, keine Person ist es, die ich Ihnen ankündige – sondern ein wissenschaftliches Phänomen. Dieses wird Ihnen zwar nicht unbekannt sein – was mein Unterfangen, es Ihnen vorzustellen zugegebener Maßen erschwert, wenn nicht unmöglich macht. Doch wenn ich Ihnen nun sage, dass Erkenntnis auf Wiedererkennen beruht, dass wir also auch neues Wissen nur aufnehmen, wenn wir uns paradoxerweise an ein früheres Erlebnis erinnern? Dessen seien Sie also eingedenk, wenn ich Sie jetzt an das besagte Phänomen erinnere, das Ihnen bekannt sein dürfte, das aber bislang wenig beachtet, ja vernachlässigt geblieben ist – selbst an unserer überaus progressiven Lehranstalt… Doch ich komme nun zur Sache!

Der Mensch erscheint bekannter Weise symmetrisch gewachsen. Die Rede ist von der Symmetrie des menschlichen Körpers. Er hat eine Mittellinie – natürlich ist es nur eine gedachte Linie. Sie verläuft vom Scheitel bis zur der Stelle, wo die Beine abzweigen, und an der Wirbelsäule entlang wieder zum Scheitel. Links und Rechts dieser Spiegelachse sind die Gliedmaßen angeordnet, Arme und Beine, Hände und Füße. Es gibt eine linke Hand, die den Daumen rechts hat, und ihr Gegenstück auf der anderen Seite. Es gibt überhaupt nichts an unserer äußeren Gestalt, das sich der Symmetrie der Spiegelachse entzieht.

Jetzt werden Sie vielleicht sagen: Halt! Der Mensch hat wohl zwei Beine und Arme, aber doch nur einen Kopf! Dem will ich entgegnen: Gewiss, aber was findet sich in diesem Kopf? Zwei Gehirnhälften! Und auch der Kopf selbst ist durch und durch symmetrisch: links und rechts die Ohren – und das Gesicht mit seinen zwei Augen und Wangen. Zugegeben: Es gibt nur eine Nase, aber diese hat zwei Nasenlöcher! Es zeigt sich nur ein Mund, aber seine Lippen sind idealer Weise symmetrisch geschwungen. Je symmetrischer ein Gesicht, desto attraktiver erscheint es uns. Symmetrie bedeutet nicht nur Ordnung und Schönheit, sie ist auch notwendig für die Balance des Bewegungsapparats. Der Mensch verfügt über zwei parallele Füße mit spiegelgleich ausgefächerten Zehen; er hat zwei nahezu gleichlange Beine, die in ihrem Übergang in den Rumpf die Gesäßbacken bilden. Jene werden von der Mittellinie regelrecht gespalten, und dieses ausdrucksstarke Gebilde nennt sich korrekterweise und symmetrisch formuliert: Popo.

„Ein Po allein macht noch keinen Analverkehr!“, wie unser ehrwürdiger Dekan kürzlich in seiner Habilitationsschrift konstatierte. Auch die Geschlechtsorgane sind Objekte besonders raffinierter Spiegellungen: Zwei Hoden entsprechen zwei Paar Schamlippen. Aber warum gibt es immer nur einen Penis und nur eine Vagina? Auf diesen Einwand habe ich natürlich gewartet, aber so leicht irritiert man mich nicht, denn immerhin dürfte doch auch einem Blinden auffallen, dass sich diese beiden, nennen wir sie Organe, genau auf der Mittellinie befinden, auf der gestrengen Symmetrie-Achse, von der ich nicht unbedingt behaupten möchte, sie wäre die Leitlinie unserer äußerlichen Gestalt, aber als von einem Grundgesetz würde ich bei der Symmetrie schon sprechen wollen.

Wie sieht es nun im Inneren des Körpers aus? Zwei Mandeln, Bronchien, Lungenflügel, auch zwei Nieren – wundervoll! Symmetrisch angeordnet – alles Bestens. Aber sonst, man fasst es kaum: komplettes Chaos! Wie seltsam und unförmig sind die inneren Organe! Nur eine Leber, ein Magen und auch nur ein Herz! Und sonst ein wirres Geschlinge von Gekröse, dessen Hässlichkeit und Unordnung im krassen Widerspruch steht zur äußeren Gestaltung des Menschen. Warum dieses innere Tohuwabuhu? Es ist ja gerade so, als hätte jemand in das äußerlich fertige und symmetrisch perfekte Wesen die restlichen Organe einfach so hineingestopft – wenigstens den Darm hätte man doch zu einer ordentlichen Rolle aufwickeln können… aber wer wäre hier schon ernsthaft zur Verantwortung zu ziehen? Etwa Gott, dessen Existenz wir an unserer Universität so entschieden negieren? – doch ich schweife ab…

Ich möchte mich nun einem besonderen Bereich des Körpers widmen, wo die Symmetrie den Höhepunkt ihrer Präsenz erreicht: Dies ist der Brustbereich. Der Busen, meine Damen und Herren! An diesem befinden sich zwei Punkte – einander gegenüber gemäß der Symmetrie. Sie sind erhaben, zart oder intensiv gefärbt, sie sind delikat – Sie werden mir zustimmen, dass sie eine Zierde sind. Von der deutschen Sprache wird diese Zierde undankbarer Weise mit der Bezeichnung Brustwarzen verunziert. Warzen! Eine der schmucksten Körperstellen des Menschen muss sich mit einer Hautkrankheit gleichsetzen lasse! Doch ich kann mich hier nicht damit aufhalten, sämtliche sprachliche Missstände anzuprangern, die am Rande des Weges der Erkenntnis liegen.

Die Symmetrie der Brustwarzen ist nicht nur eine optische, sondern auch, wie ich gleich demonstrieren werde, eine nervlich-sensuelle. Denn was hier eine Seite empfängt, dessen bedarf immer auch die andere. Streift man eine der beiden Brustwarzen mit dem Finger bloß zwei oder drei Mal, so wird sich nicht nur eine gesteigerte Sensibilisierung bei dieser einstellen, sondern auch ein Gefühl des Bedarfs, der Vernachlässigung und des Mangels von Seiten ihrer symmetrischen Schwester. Ganz anders, wenn man sich ein Auge reibt: Hat man dann sogleich das Bedürfnis, auch das zweite zu reiben? Oder würde etwa das Zupfen an einem Ohrläppchen ein unwiderstehliches Verlangen in seinem Brüderchen auf der gegenüberliegenden Schädelseite auslösen? Davon kann doch gar nicht die Rede sein! Und auch unsere Beine ertragen gern ein ungleiches Maß an Beanspruchung, weshalb es ja kaum etwas ausmacht und auch nicht an der Weltordnung kratzt, dass es ein bevorzugtes Sprungbein gibt.

Bei den Händen ist die Ungleichheit bestimmend, und sie hängt auf verschlungenen Wegen mit den beiden Hälften oder Seiten des Gehirns zusammen, kurz: Die ganze Körpersymmetrie hat keine nervlich-empfindsame Übereinstimmung, nur bei den Brüsten gibt es dieses typische Streben nach Harmonie wie bei eineiigen Zwillingen. (Hat sich nicht einst ein poetischer Kopf, der von den Brüsten seiner Geliebten sprach, zu einem Vergleich wie „zwei Rehzwillinge“ verstiegen?). Die Reizung in der einen erhöht nicht nur deren eigene Empfindsamkeit und schürt das Verlangen nach weiteren Stimuli, sondern sie bewirkt dies ebenso in der anderen, der nicht berührten Zwillings-Mamilla. Optisch lässt sich dann bei der gereizten Brustwarze eine Verhärtung und Erhebung feststellen, die bald darauf auch die andere ergreift. Nicht zu Unrecht wird diese Reaktion als Erektion der Brustwarzen bezeichnet. Je länger die einseitige Stimulans anhält, umso dringender wird das Bedürfnis nach Ausgleich, nach Gerechtigkeit. Man versuche es deshalb auch durch Kitzeln, Kneifen oder Beißen. Möglichst sollten zunächst die zaghaften und zärtlichen Berührungen erfolgen, hernach die immer stärkeren.

Ein idealtypischer Reizverlauf stellt sich, zumindest für meine Person, folgendermaßen dar: Erst sollte die Spitze der noch nicht erigierten Warze leicht beklopft oder angetippt werden, dann sanft gestreichelt, bis sich eine Erektion derselben einstellt. Danach: Umkreisen mit dem Finger sowie zunächst sanftes, dann stärker werdenden Kneifen. Das Kneifen darf längere Zeit anhalten, da es die Durchblutung anregt. Damit ist die Warze vorbereitet auf den Einsatz der Zunge und der Zähne, auf Lecken und Nagen, das sich in der Intensität behutsam steigern sollte, über mindestens fünf Minuten. Schließlich ist die Erektion der Warze auf das Umfeld der jeweiligen Brust übergegangen, und die solchermaßen hart angeschwollene Brust verträgt, ja verlangt nach noch stärkerem Kneifen, nach Kneten mit Fäusten und sogar nach Schlägen. Spätestens an diesem Punkt wird sich bei sensiblen Menschen mitunter ein schlechtes Gewissen einschleichen, jedoch nicht aus Mitleid mit der traktierten Brust, sondern mit der anderen, die man vernachlässigt hat, und deren Gleichbehandlung man schleunigst nachholen sollte, ohne sich erst bitten zu lassen. Nur die ganz unbegabten Anfänger im Bereich der Busenerotik muss ich immer noch ermahnen: Die andere Seite auch!

Auf diese Weise erreichen wir das Stadium neuro-sensitiver Symmetrie, welches undenkbar wäre bei etwa einem Kuss auf die Wange, und das einzig und allein im Bereich der Brustwarzen zu beobachten ist.

Dieses Phänomen, das Ihnen zwar nicht unbekannt sein dürfte, an das ich Sie aber dennoch erinnern möchte, wird von der Forschung so wenig beachtet, dass es noch nicht einmal einen Namen hat. Darum sieht die Verfasserin sich in der Pflicht, es nun wissenschaftlich auf den Begriff zu bringen.
Intuitiv ist man vielleicht geneigt, es einfach Gleichseitigkeit zu nennen – doch dieser Begriff gehört bereits der Wissenschaft der Geometrie, wo er beispielsweise für Dreiecke angewandt wird. Um eine Verwechslung mit jener besonderen, sehr exakten Gleichseitigkeit der Mathematik auszuschließen,  nehme ich also Abstand von dieser Vokabel. Als Alternative bietet sich an, dem in Frage stehenden Phänomen den Namen Beidseitigkeit zu verleihen. Dies erwägend, fiel mir jedoch die Unsinnigkeit des aus der Umgangssprache stammenden Ausdrucks auf, da es sich dabei um nichts geringeres als eine Dopplung handelt – denn wenn von Seiten die Rede ist, so ist es evident, das es nicht nur eine, sondern (mindestens) zwei geben muss, und beide im Begriff gemeint sind – sonst müsste man wohlweislich von Einseitigkeit sprechen.

Jacopo Robusti „Tintoretto“: Bildnis einer Frau mit entblößter Brust
Jacopo Robusti „Tintoretto“: Bildnis einer Frau mit entblößter Brust

Der Begriff Beidseitigkeit erscheint mir daher unsinnig; ein solcher Terminus sollte zumindest aus wissenschaftlichen Kontexten verbannt werden. An diesem Punkt der Überlegung liegt der richtige Begriff aber nun endlich auf der Hand:

x (unbekanntes Phänomen) sei genannt: Die Seitigkeit.

Definition D(x): Die Seitigkeit beschreibt die besonderen, diplomatischen, nervlich-sensuellen Beziehungen zwischen der linken und rechten Brustwarze.

Sicher wird diese profunde Erkenntnis in der progressiven Atmosphäre unserer Universität auf fruchtbaren Boden fallen. – Ich Danke für Ihre Aufmerksamkeit!

 

 

Erwiderung des Prof. Dr. P.

Leiter des Graduiertenkollegs für Historische Perversionen und des Sonderforschungsbereiches für Sexualpragmatismus

 

Geschätzte Kollegin – Madame!

Zunächst beglückwünsche ich Sie zu Ihrem wissenschaftlichen Ehrgeiz, mit dem Sie zügig voranschreiten, unsere Fakultät zu bereichern! Bei zahlreichen Veranstaltungen im Rahmen des Instituts sind Sie uns bereits mit Ihrer Spontaneität und Ihrer, nun, nennen wir es Frische, positiv aufgefallen. Dies sei vorausgeschickt, und auch die Versicherung meiner persönlichen Sympathie, wenn ich mir nun erlaube, kritisch auf Ihren Beitrag einzugehen:

Wenn von einer Symmetrie in Bezug auf den Menschen die Rede sein soll, dann kann dies bei diesem konkreten Wesen nur näherungsweise zutreffen, die Werte liegen im Bereich der Annäherung. Daraus machen Sie nun, wenn ich mir den Kalauer erlauben darf, vor allem die Annäherung des einen Menschen an den anderen bzw. der potentiellen Geschlechtspartner.  Ich bitte Sie, verehrte Kollegin, die Reizbarkeit der von ihnen bezeichneten Drüsen ist nicht in einem ästhetischen Konzept wie dem der Symmetrie begründet, sondern hat seine guten Gründe an anderer Stelle. Auch den Begriff, den Sie gefunden haben, erscheint mir etwas unglücklich: „Seitigkeit“ – das erinnert bei ungenauem Hinhören doch zu sehr an Seichtigkeit, finden Sie nicht?  –

Peter Paul Rubens: Cimon und Pero 1625
Peter Paul Rubens: Cimon und Pero 1625

Liebe Freundin,  Sie haben Ihre Brust nicht nur zum Spaß! Was Sie mit Ihren Überlegungen vollständig vernachlässigen, ist der Säugetieraspekt, die animalische Natur von uns allen. Der Mensch ist, solange nichts Gegenteiliges festgestellt wurde, ein Tier, und zwar ein Säugetier – so genannt, weil wir genau wie andere Säugetiere uns an den Brüsten unserer Mütter genährt haben. Dass die Frau zwei Brüste hat, erkennen wir als Ergebnis der Evolution: Dieses eine Paar ist den Hominiden geblieben von den vielfachen, reihenweise angeordneten Brüsten, bzw. Zitzen beispielsweise mancher Huftiere. Die Ursache begründet sich durch die im Verlauf der Höherentwicklung der Gattungen abnehmende Größe des Wurfes – mich amüsiert übrigens dieses Wort: Wurf – als ob die Mutter ihre Neugeburt von sich schleudern würde!

Nun ja. Jedenfalls, der von Ihnen so aufgeweckt entdeckte Zusammenhang der Reizbarkeit dient dem saugenden Säugling, und zwar nicht bei einem ziellosen, gar hedonistischen erotischen Kontakt, wie Sie es beschreiben, sondern dem Saugen von Muttermilch. Warum, glauben Sie, inspirieren Brüste wie die Ihrigen zu diesem sentimentalen, für die sexuelle Reproduktion komplett irrelevanten Nuckeln? Es ist die Erinnerung, oder das Wiedererwachen eines Urinstinkts! Das Nuckeln des Neugeborenen an der einen Brust regt die Milchproduktion in der andern Seite mit an. Eventuell ergreift der Säugling auch die Gelegenheit, während des Trinkens nach der benachbarten Brustwarze zu grapschen und damit zu spielen. All dies führt dazu, dass die zweite Brust schon auf das Stillen vorbereitet ist, wenn der Milchfluss in der ersteren versiegt, und die Mutter ihr Kind gewissermaßen an der Ersatzbrust anlegt.

Spontane Äußerung der Nachwuchsforscherin B., die es ihr Wert erscheint, ins Protokoll dieser Sitzung aufgenommen zu werden:

Oh, ich gebe es ja zu – Sie haben mich ertappt! Der Gedanke an Mutterschaft war mir in Anbetracht meiner Brüste noch gar nicht in den Sinn gekommen. Ein klassischer Fall von Verdrängung, wie mir jetzt aufgeht. Muss ich mich einer Psychotherapie unterziehen?

 

Kommentar von Heiko B. Berlin (August 2013)

Was Prof. Dr. P. allerdings übersehen hat, ist die ‚erotische‘ Komponente der Stimulation. Für das Fortpflanzen (wieso eigentlich “pflanzen”?!) und Säugen ist diese ja wohl gänzlich unnötig, und dass die Paarhufer die Zitzen ihrer Damen mit den Hufen zur Brunft stimulieren wäre mir doch neu! Wohl war ihm nicht präsent, dass von den Brüsten der Frauen die ganz besondere Energie ausgeht, die ihre köstlichen Organe der Lust im Bauch zum Glühen bringen. Und zwar symmetrisch. Schließlich haben Frauen keine Doppelreihen-Motoren, die auch funktionieren, wenn eine Zylinderreihe keine Zündung erfährt! Daher behaupte ich, dass es sich hier um eine zutiefst in sich verbundene Einheit von – wenn auch verteilten – Körperteilen handelt. Schließlich gibt es keine linke oder rechte Seite der Lust!

Außerdem unterscheidet den Menschen vom Tier eben genau die Freude an der Lust ohne den Zweck des Säugetierischen, mithin ganz irrational, subjektiv und – göttlich! Falls das noch nicht überzeugen sollte, gestatte ich mir noch den Hinweis auf den besonders erotischen Bereich der analen Freuden. Hier ist wohl keinerlei Argument mehr zu finden, wozu das evolutionär oder sonst wie seriös gut sein sollte. Aber wozu auch? Hier ist in Steigerung des Bisherigen sogar eine Punktsymmetrie zu genießen, deren gekonnte Stimulation durchaus zur (positiven) Weißglut führen kann. Wenn das nicht göttlich-menschlich ist, was dann? Und was interessiert uns dann eigentlich noch das mit dem Säugetierischen.

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Buchtipp: Philip Roth „The Breast“ (Die Brust)
Holt, Rinehart & Winston, New York 1972

Übersetzung: Kai Molvig
Carl Hanser Verlag, München / Wien 1979
Rowohlt Taschenbuch, Reinbek 2004
ISBN 3-499-23833-0, 94 Seiten, 6.90 € (D)

 

 

Auf ein Wort, meine Herren.

Bevor wir unser Gespräch beginnen, gestehe ich Ihnen ganz direkt, dass es mich nicht stört, wenn Sie mir Komplimente für mein Äußeres machen. Ich sage das nur zur Entspannung unseres Verhältnisses.

Kürzlich wurde von einer jungen Politikerin folgende Regel aufgestellt, die wohl ein kategorischer Imperativ sein soll: „Erstens: Fasse niemanden an, den du nicht kennst. Zweitens: Rede nicht über den Körper von Menschen, die du nicht kennst.“ Verwirrung ist die Folge.

Heutzutage weiß man (ich meine: Mann) ja gar nicht mehr, was er sagen oder wohin er schauen soll, oder ob er zur Begrüßung meine Hand ergreifen darf.

Bei mir dürfen Sie sogar diese Hand küssen, mein Herr. Das kann ich gut gebrauchen für mein Selbstwertgefühl, denn wir Frauen sollen uns ja immerzu fragen, ob wir nicht grade herabgewürdigt werden. Mich würdigt ein Kompliment jedenfalls nicht herab.

Schauen Sie! Loben Sie! Wenn ich aus dem Haus gehe, möchte ich auffallen, sonst hätte ich kein so schönes Kleid angezogen. Wenn mir jemand sagt, dass ich schön bin, dann heißt das für mich doch nicht, dass er mich für geistig minderwertig hält. Nein, ganz im Gegenteil. Ich betrachte meine körperlichen Vorzüge durchaus als Teil meiner Persönlichkeit, meines Ganzen. Nur sind das eben die Eigenschaften, die man von außen besser erkennt als meine inneren Werte.

Aber immerhin sieht der, der mich ansieht und meint, dass ich schön bin, schon mal genauer hin, wenn er mich nicht übersieht. Ich habe jedenfalls noch nie erlebt, dass ein Mensch, egal ob Mann oder Frau, sich vom Geist und Esprit eines anderen hätte bestricken lassen, ohne dass ihm zuvor das Äußere dieses Menschen aufgefallen wäre.

Und da gibt es die Schönen einerseits, und andrerseits die Attraktiven, die Spannenden, welche dich in den Bann ziehen, ohne dass du sagen könntest, warum, vielleicht trotz ihrer Hässlichkeit. Kein sprühender Geist erfüllt einen Körper, der nicht attraktiv ist. Der Geist macht doch erst die Ausstrahlung, den Ausdruck.

Verstehen Sie mich aber nicht miss, ich würde jetzt nicht so weit gehen, dass ein Kompliment für meinen Arsch mich geradezu für einen Pulitzerpreis nominiert – aber immerhin hätten wir dann einen Anknüpfungspunkt, denn ich würde Ihnen ja zustimmen, dass er ein Prachtstück ist, dieser Arsch.

Diejenigen, die Komplimente als Entwürdigung empfinden, missfällt die scheinbare Reduzierung auf ihre bloße Körperlichkeit.

Nun, wenn sie so empfinden, muss man ihnen wohl Recht geben, auch juristisch, wenn´s sein muss. Aber ich frage Sie, was ist denn unangenehmer, was ist aufdringlicher: Wenn jemand Ihren Körper beurteilt oder Ihren Verstand?

Hypersensible, die es weit von sich weisen, wenn man sie auf ihre Lebenstatsachen anspricht, etwa: „Sie haben aber einen tollen Busen!“, sagen schamlos und in aller Öffentlichkeit, dass sie einen für „hochintelligent“ oder „tiefempfindsam“ halten– eine klare Grenzüberschreitung, wenn Sie mich fragen!

Diese Leute geben Kommentare ab, wie es in mir aussieht, obwohl sie es gar nicht sehen können – und verwehren sich dagegen, dass ihnen jemand sagt, wie sie aussehen – dabei ist das doch offensichtlich!

Salomé Balthus

Generation OK

von Salomé Balthus

 OK
Irgendwie OK
Total OK
Echt OK
Echt total OK
Sowas von OK
OK?
Eigentlich nicht OK
Nicht so OK
Nicht ganz OK
Nicht so ganz OK
Überhaupt nicht OK
Total nicht OK
Gar nicht OK
Nicht OK

Oder eine Orgie

 

OK: OK ist, wenn etwas OK ist. Ist etwas OK, dann ist das: unter Kontrolle.

OK heißt: kein Thema. OK bedeutet, darüber muss nicht mehr nachgedacht werden. Das ist OK, heißt, denken Sie nicht drüber nach, da haben andere schon drüber nachgedacht und das passend gemacht. Sonst wäre es ja nicht OK. OK heißt, das passt. OK passt immer! OK ist die Passform schlechthin. Wer über OK-es nachdenkt, verschwendet kostbare Zeit. Und das wäre gar nicht OK.

OK heißt, damit muss man sich nicht beschäftigen. Es ist OK, OK zu sagen, wenn einen etwas nicht interessiert.  Das Ok-e fordert nicht unseren Ärger, unsere Wut, unseren Eifer und auch nicht unseren Jubel. OK ist mild. OK will nicht Empathie und schon gar keine heftige. Regen Sie sich nicht auf, das ist OK. Sei nicht traurig, das ist schon OK. Wie sehe ich aus? –OK. Wie findest du das, ja, wie findest du denn das?! – OK. Ich verlasse dich! – OK. Wie war denn das große Abenteuer Ihres Lebens? – OK. Na dann, kusch, geh wieder an deine Arbeit! – OK.

OK wird niemals von Ihnen verlangen, eine Haltung einzunehmen.

OK kennt nur OK. Wer OK ist, kann tun, was er will, er ist ja OK, oder, noch schlimmer, IRGENDWIE OK.

OK wird Ihrem Ruf niemals schaden. Ihr Lebenslauf sollte auf jeden Fall OK sein. Sie selbst sollten stets OK sein. Denn sonst wären Sie ja nicht OK.

OK sagt, egal was Sie tun, haben Sie sich unter Kontrolle. Die Gefühle. Sind OK. Aber nur, wenn sie OK sind. Es ist OK, keine Meinung zu etwas zu haben. Nicht jede Meinung ist OK. Aber keine Meinung ist immer OK. Also ist es OK, immer keine Meinung zu haben. Es ist schließlich das Recht eines jeden, sich aus allem heraus zu halten.

So halten es alle, die zwischen 18 und 38 sind. Und also OK für alle Einsatzgebiete. Für alle Einsatzgebiete, die OK sind, versteht sich. Diese ganze Generation ist ja so was von OK. Sie führen das Wort „OK“ ständig im Munde. Bei jeder Gelegenheit. Sie kriegen es irgendwie hin, immer OK zu sein, IRGENDWIE OK. Es ist die GENERATION OK.

Wofür sollte man ihnen auch zurufen: Brenne, deutsche Jugend, brenne! Das erinnert ja wieder an Zeiten, die nicht OK waren. Und wofür sollten sie denn brennen?  Etwa für Dinge, die nicht OK sind? Aber Dinge, die OK sind, lassen nun mal gerade kein Herz in Flammen aufgehen. Das wäre wider ihre Natur, denn: Großbrände sind nicht OK.

Sie meinen, ich spräche von meiner Generation, als gehörte ich nicht dazu? Wissen Sie, ich habe mir von niemandem als eben dieser Generation selbst oft genug anhören müssen, ich sei NICHT OK. Was könnte ich da erwidern? Habe ich diese Kategorien vielleicht erfunden? Voilà: Dass ich NICHT OK bin, sehe ich als evident an.

Einsamkeit ist nicht OK. Hass ist nicht OK. Sucht ist nicht OK.

OK, OK, OK! Was hat das denn mit Erotik zu tun? Zu sagen, Erotik wäre OK, mag OK sein. Aber OK ist nicht erotisch. Überhaupt nicht. Kein Bisschen. In der Erotik ist nämlich das, was OK ist, überhaupt nicht OK.

Also entweder Sie sind OK, oder Sie sind erotisch.

Da müssen Sie sich schon entscheiden.