Les Solistes ignites the senses

deutsche Version ->
Caesar van Everdingen „Bacchus mit Nymphe und Cupido“ 1660 © Gemäldegalerie Dresden
Caesar van Everdingen „Bacchus mit Nymphe und Cupido“ 1660 © Gemäldegalerie Dresden

Life is Worth Living – Even on Mondays.

My guest had a hankering for a Michelin-starred menu that had really earned the accolade. No problem in Berlin, one would think. But it was Monday, the official day off for upmarket gastronomic establishments.

Fischers Fritz at the Hotel Regent is open on Mondays in theory, but in reality Christian Lohse’s two-star culinary art is so in demand that I couldn’t get a table ad hoc. However, Les Solistes in the new Waldorf-Astoria offered not only the good fortune of free spaces, but also true bliss for every bon vivant.

Les Solistes is run under the watchful eye of Parisian three-star chef Pierre Gagnaire, described by journalist Heinz Horrmann as, “For me, the best culinary artist in the world.” This highly acclaimed chef is rarely found slaving over the stove himself in Berlin, but the head chef, a Belgian by the name of Roel Lintermans who himself has received two stars for his cooking in Gagnaire’s London restaurant, is very close to matching his master’s works.

My guest followed the oriental custom of having all the dishes served at once, allowing us to let our tasting desires run free. We enjoyed the very finest langoustine, sea bass, lobster, and maritime summer vegetables, all accompanied by a 1990 Gevrey-Chambertin Grand Cru.

And while the menus themselves might look unspectacular (as in all the finest hotels and restaurants, only the best ingredients are found here), with their dishes Gagnaire and Lintermans prove themselves to be unique inventors of a new style of cooking that is far removed from pretentious gimmicks.

Everything presented on the plates here has a powerful aroma and the rustic flavor one would normally associate with a Provençal brasserie. Sea bass, lobster, sole, langoustine, and oysters are served freshly caught and full of the scent of the sea, as if they had come straight off the cutter. The skill of the chefs is to take these hearty flavor notes and to combine them in surprising and sometimes daredevil ways.

Thus, we were treated to sea bass heartily combined with crispy onion rings, beans and carrots, crab and jellied fennel with Bavarian cream. The langoustine is served in a down-to-earth fashion as “Terre de Sienne” from the pan with St. George’s mushroom and almonds; in a terrine variation with algae, chicory, leek, and sake; and finally, as tartare with coconut milk and lime.

 

My guest, a passionate gourmand who never misses an opportunity to explore a culinary temple, from New York to Singapore, was as surprised and delighted by the refined simplicity of Les Solistes as I was. The enjoyment itself was a topic of conversation here.

But what we liked even more was the fact that eating and drinking are not treated as a religious exercise here. As lovers, you can enjoy a casual meal and develop an appetite together for what lies ahead that evening.

The waiters drift by your table discreetly and unobtrusively; your glasses are refilled and new bottles punctually delivered as if by magic. Not a soul breaks through the cocoon of intimacy around guests lost in conversation and knowing glances. And this is not least thanks to the master sorcerer, maître d’ Vedad Hadziabdic, whose work I had admired in the past in his previous domain, the Aqua at the Ritz Wolfsburg.

In nuce: should you wish to crown your Berlin trip with an exquisite meal, and would prefer not to spend your evening alone, but rather with a woman who awakens and ignites your senses (and is familiar with fine food and good wine), I would like to put myself forward to accompany you – or choose one of the 12 muses available from Greta Brentano®. www.greta-brentano.com

I would be happy to reserve a table for you.

Muse’s kisses,

Sharon Novalis

 

My restaurant recommendations:

Les Solistes by Pierre Gagnaire at the Waldorf-Astoria www.waldorfastoriaberlin.com/deu/Restaurants-Lounges/LesSolistes

Tim Raue‎ (two stars) www.timraue.com

Fischers Fritz (Christian Lohse, two stars) at the Hotel Regent www.fischersfritzberlin.com

„Facil“ at The Mandala (Michael Kempf, 2 stars) www.facil.de

Reinstoff (Daniel Achilles, two stars) www.reinstoff.eu

 

Gastronomy guides I would recommend:

Four – The World’s Best Food Magazine www.fourmagazine.com

Sternefresser www.sternefresser.de

Die besten Hotels der Welt by Heinz Horrmann  www.heinzhorrmann.info/news/die-10-bestenhotels-weltweit

 

Vortrag am I. f. Erotosophie zu Berlin. Vortragende: Salomé B.

Lob der lustvollen Schwestern

 

Guten Abend meine Damen und Herren!

Darf ich bekannt machen? Nein, keine Person ist es, die ich Ihnen ankündige – sondern ein wissenschaftliches Phänomen. Dieses wird Ihnen zwar nicht unbekannt sein – was mein Unterfangen, es Ihnen vorzustellen zugegebener Maßen erschwert, wenn nicht unmöglich macht. Doch wenn ich Ihnen nun sage, dass Erkenntnis auf Wiedererkennen beruht, dass wir also auch neues Wissen nur aufnehmen, wenn wir uns paradoxerweise an ein früheres Erlebnis erinnern? Dessen seien Sie also eingedenk, wenn ich Sie jetzt an das besagte Phänomen erinnere, das Ihnen bekannt sein dürfte, das aber bislang wenig beachtet, ja vernachlässigt geblieben ist – selbst an unserer überaus progressiven Lehranstalt… Doch ich komme nun zur Sache!

Der Mensch erscheint bekannter Weise symmetrisch gewachsen. Die Rede ist von der Symmetrie des menschlichen Körpers. Er hat eine Mittellinie – natürlich ist es nur eine gedachte Linie. Sie verläuft vom Scheitel bis zur der Stelle, wo die Beine abzweigen, und an der Wirbelsäule entlang wieder zum Scheitel. Links und Rechts dieser Spiegelachse sind die Gliedmaßen angeordnet, Arme und Beine, Hände und Füße. Es gibt eine linke Hand, die den Daumen rechts hat, und ihr Gegenstück auf der anderen Seite. Es gibt überhaupt nichts an unserer äußeren Gestalt, das sich der Symmetrie der Spiegelachse entzieht.

Jetzt werden Sie vielleicht sagen: Halt! Der Mensch hat wohl zwei Beine und Arme, aber doch nur einen Kopf! Dem will ich entgegnen: Gewiss, aber was findet sich in diesem Kopf? Zwei Gehirnhälften! Und auch der Kopf selbst ist durch und durch symmetrisch: links und rechts die Ohren – und das Gesicht mit seinen zwei Augen und Wangen. Zugegeben: Es gibt nur eine Nase, aber diese hat zwei Nasenlöcher! Es zeigt sich nur ein Mund, aber seine Lippen sind idealer Weise symmetrisch geschwungen. Je symmetrischer ein Gesicht, desto attraktiver erscheint es uns. Symmetrie bedeutet nicht nur Ordnung und Schönheit, sie ist auch notwendig für die Balance des Bewegungsapparats. Der Mensch verfügt über zwei parallele Füße mit spiegelgleich ausgefächerten Zehen; er hat zwei nahezu gleichlange Beine, die in ihrem Übergang in den Rumpf die Gesäßbacken bilden. Jene werden von der Mittellinie regelrecht gespalten, und dieses ausdrucksstarke Gebilde nennt sich korrekterweise und symmetrisch formuliert: Popo.

„Ein Po allein macht noch keinen Analverkehr!“, wie unser ehrwürdiger Dekan kürzlich in seiner Habilitationsschrift konstatierte. Auch die Geschlechtsorgane sind Objekte besonders raffinierter Spiegellungen: Zwei Hoden entsprechen zwei Paar Schamlippen. Aber warum gibt es immer nur einen Penis und nur eine Vagina? Auf diesen Einwand habe ich natürlich gewartet, aber so leicht irritiert man mich nicht, denn immerhin dürfte doch auch einem Blinden auffallen, dass sich diese beiden, nennen wir sie Organe, genau auf der Mittellinie befinden, auf der gestrengen Symmetrie-Achse, von der ich nicht unbedingt behaupten möchte, sie wäre die Leitlinie unserer äußerlichen Gestalt, aber als von einem Grundgesetz würde ich bei der Symmetrie schon sprechen wollen.

Wie sieht es nun im Inneren des Körpers aus? Zwei Mandeln, Bronchien, Lungenflügel, auch zwei Nieren – wundervoll! Symmetrisch angeordnet – alles Bestens. Aber sonst, man fasst es kaum: komplettes Chaos! Wie seltsam und unförmig sind die inneren Organe! Nur eine Leber, ein Magen und auch nur ein Herz! Und sonst ein wirres Geschlinge von Gekröse, dessen Hässlichkeit und Unordnung im krassen Widerspruch steht zur äußeren Gestaltung des Menschen. Warum dieses innere Tohuwabuhu? Es ist ja gerade so, als hätte jemand in das äußerlich fertige und symmetrisch perfekte Wesen die restlichen Organe einfach so hineingestopft – wenigstens den Darm hätte man doch zu einer ordentlichen Rolle aufwickeln können… aber wer wäre hier schon ernsthaft zur Verantwortung zu ziehen? Etwa Gott, dessen Existenz wir an unserer Universität so entschieden negieren? – doch ich schweife ab…

Ich möchte mich nun einem besonderen Bereich des Körpers widmen, wo die Symmetrie den Höhepunkt ihrer Präsenz erreicht: Dies ist der Brustbereich. Der Busen, meine Damen und Herren! An diesem befinden sich zwei Punkte – einander gegenüber gemäß der Symmetrie. Sie sind erhaben, zart oder intensiv gefärbt, sie sind delikat – Sie werden mir zustimmen, dass sie eine Zierde sind. Von der deutschen Sprache wird diese Zierde undankbarer Weise mit der Bezeichnung Brustwarzen verunziert. Warzen! Eine der schmucksten Körperstellen des Menschen muss sich mit einer Hautkrankheit gleichsetzen lasse! Doch ich kann mich hier nicht damit aufhalten, sämtliche sprachliche Missstände anzuprangern, die am Rande des Weges der Erkenntnis liegen.

Die Symmetrie der Brustwarzen ist nicht nur eine optische, sondern auch, wie ich gleich demonstrieren werde, eine nervlich-sensuelle. Denn was hier eine Seite empfängt, dessen bedarf immer auch die andere. Streift man eine der beiden Brustwarzen mit dem Finger bloß zwei oder drei Mal, so wird sich nicht nur eine gesteigerte Sensibilisierung bei dieser einstellen, sondern auch ein Gefühl des Bedarfs, der Vernachlässigung und des Mangels von Seiten ihrer symmetrischen Schwester. Ganz anders, wenn man sich ein Auge reibt: Hat man dann sogleich das Bedürfnis, auch das zweite zu reiben? Oder würde etwa das Zupfen an einem Ohrläppchen ein unwiderstehliches Verlangen in seinem Brüderchen auf der gegenüberliegenden Schädelseite auslösen? Davon kann doch gar nicht die Rede sein! Und auch unsere Beine ertragen gern ein ungleiches Maß an Beanspruchung, weshalb es ja kaum etwas ausmacht und auch nicht an der Weltordnung kratzt, dass es ein bevorzugtes Sprungbein gibt.

Bei den Händen ist die Ungleichheit bestimmend, und sie hängt auf verschlungenen Wegen mit den beiden Hälften oder Seiten des Gehirns zusammen, kurz: Die ganze Körpersymmetrie hat keine nervlich-empfindsame Übereinstimmung, nur bei den Brüsten gibt es dieses typische Streben nach Harmonie wie bei eineiigen Zwillingen. (Hat sich nicht einst ein poetischer Kopf, der von den Brüsten seiner Geliebten sprach, zu einem Vergleich wie „zwei Rehzwillinge“ verstiegen?). Die Reizung in der einen erhöht nicht nur deren eigene Empfindsamkeit und schürt das Verlangen nach weiteren Stimuli, sondern sie bewirkt dies ebenso in der anderen, der nicht berührten Zwillings-Mamilla. Optisch lässt sich dann bei der gereizten Brustwarze eine Verhärtung und Erhebung feststellen, die bald darauf auch die andere ergreift. Nicht zu Unrecht wird diese Reaktion als Erektion der Brustwarzen bezeichnet. Je länger die einseitige Stimulans anhält, umso dringender wird das Bedürfnis nach Ausgleich, nach Gerechtigkeit. Man versuche es deshalb auch durch Kitzeln, Kneifen oder Beißen. Möglichst sollten zunächst die zaghaften und zärtlichen Berührungen erfolgen, hernach die immer stärkeren.

Ein idealtypischer Reizverlauf stellt sich, zumindest für meine Person, folgendermaßen dar: Erst sollte die Spitze der noch nicht erigierten Warze leicht beklopft oder angetippt werden, dann sanft gestreichelt, bis sich eine Erektion derselben einstellt. Danach: Umkreisen mit dem Finger sowie zunächst sanftes, dann stärker werdenden Kneifen. Das Kneifen darf längere Zeit anhalten, da es die Durchblutung anregt. Damit ist die Warze vorbereitet auf den Einsatz der Zunge und der Zähne, auf Lecken und Nagen, das sich in der Intensität behutsam steigern sollte, über mindestens fünf Minuten. Schließlich ist die Erektion der Warze auf das Umfeld der jeweiligen Brust übergegangen, und die solchermaßen hart angeschwollene Brust verträgt, ja verlangt nach noch stärkerem Kneifen, nach Kneten mit Fäusten und sogar nach Schlägen. Spätestens an diesem Punkt wird sich bei sensiblen Menschen mitunter ein schlechtes Gewissen einschleichen, jedoch nicht aus Mitleid mit der traktierten Brust, sondern mit der anderen, die man vernachlässigt hat, und deren Gleichbehandlung man schleunigst nachholen sollte, ohne sich erst bitten zu lassen. Nur die ganz unbegabten Anfänger im Bereich der Busenerotik muss ich immer noch ermahnen: Die andere Seite auch!

Auf diese Weise erreichen wir das Stadium neuro-sensitiver Symmetrie, welches undenkbar wäre bei etwa einem Kuss auf die Wange, und das einzig und allein im Bereich der Brustwarzen zu beobachten ist.

Dieses Phänomen, das Ihnen zwar nicht unbekannt sein dürfte, an das ich Sie aber dennoch erinnern möchte, wird von der Forschung so wenig beachtet, dass es noch nicht einmal einen Namen hat. Darum sieht die Verfasserin sich in der Pflicht, es nun wissenschaftlich auf den Begriff zu bringen.
Intuitiv ist man vielleicht geneigt, es einfach Gleichseitigkeit zu nennen – doch dieser Begriff gehört bereits der Wissenschaft der Geometrie, wo er beispielsweise für Dreiecke angewandt wird. Um eine Verwechslung mit jener besonderen, sehr exakten Gleichseitigkeit der Mathematik auszuschließen,  nehme ich also Abstand von dieser Vokabel. Als Alternative bietet sich an, dem in Frage stehenden Phänomen den Namen Beidseitigkeit zu verleihen. Dies erwägend, fiel mir jedoch die Unsinnigkeit des aus der Umgangssprache stammenden Ausdrucks auf, da es sich dabei um nichts geringeres als eine Dopplung handelt – denn wenn von Seiten die Rede ist, so ist es evident, das es nicht nur eine, sondern (mindestens) zwei geben muss, und beide im Begriff gemeint sind – sonst müsste man wohlweislich von Einseitigkeit sprechen.

Jacopo Robusti „Tintoretto“: Bildnis einer Frau mit entblößter Brust
Jacopo Robusti „Tintoretto“: Bildnis einer Frau mit entblößter Brust

Der Begriff Beidseitigkeit erscheint mir daher unsinnig; ein solcher Terminus sollte zumindest aus wissenschaftlichen Kontexten verbannt werden. An diesem Punkt der Überlegung liegt der richtige Begriff aber nun endlich auf der Hand:

x (unbekanntes Phänomen) sei genannt: Die Seitigkeit.

Definition D(x): Die Seitigkeit beschreibt die besonderen, diplomatischen, nervlich-sensuellen Beziehungen zwischen der linken und rechten Brustwarze.

Sicher wird diese profunde Erkenntnis in der progressiven Atmosphäre unserer Universität auf fruchtbaren Boden fallen. – Ich Danke für Ihre Aufmerksamkeit!

 

 

Erwiderung des Prof. Dr. P.

Leiter des Graduiertenkollegs für Historische Perversionen und des Sonderforschungsbereiches für Sexualpragmatismus

 

Geschätzte Kollegin – Madame!

Zunächst beglückwünsche ich Sie zu Ihrem wissenschaftlichen Ehrgeiz, mit dem Sie zügig voranschreiten, unsere Fakultät zu bereichern! Bei zahlreichen Veranstaltungen im Rahmen des Instituts sind Sie uns bereits mit Ihrer Spontaneität und Ihrer, nun, nennen wir es Frische, positiv aufgefallen. Dies sei vorausgeschickt, und auch die Versicherung meiner persönlichen Sympathie, wenn ich mir nun erlaube, kritisch auf Ihren Beitrag einzugehen:

Wenn von einer Symmetrie in Bezug auf den Menschen die Rede sein soll, dann kann dies bei diesem konkreten Wesen nur näherungsweise zutreffen, die Werte liegen im Bereich der Annäherung. Daraus machen Sie nun, wenn ich mir den Kalauer erlauben darf, vor allem die Annäherung des einen Menschen an den anderen bzw. der potentiellen Geschlechtspartner.  Ich bitte Sie, verehrte Kollegin, die Reizbarkeit der von ihnen bezeichneten Drüsen ist nicht in einem ästhetischen Konzept wie dem der Symmetrie begründet, sondern hat seine guten Gründe an anderer Stelle. Auch den Begriff, den Sie gefunden haben, erscheint mir etwas unglücklich: „Seitigkeit“ – das erinnert bei ungenauem Hinhören doch zu sehr an Seichtigkeit, finden Sie nicht?  –

Peter Paul Rubens: Cimon und Pero 1625
Peter Paul Rubens: Cimon und Pero 1625

Liebe Freundin,  Sie haben Ihre Brust nicht nur zum Spaß! Was Sie mit Ihren Überlegungen vollständig vernachlässigen, ist der Säugetieraspekt, die animalische Natur von uns allen. Der Mensch ist, solange nichts Gegenteiliges festgestellt wurde, ein Tier, und zwar ein Säugetier – so genannt, weil wir genau wie andere Säugetiere uns an den Brüsten unserer Mütter genährt haben. Dass die Frau zwei Brüste hat, erkennen wir als Ergebnis der Evolution: Dieses eine Paar ist den Hominiden geblieben von den vielfachen, reihenweise angeordneten Brüsten, bzw. Zitzen beispielsweise mancher Huftiere. Die Ursache begründet sich durch die im Verlauf der Höherentwicklung der Gattungen abnehmende Größe des Wurfes – mich amüsiert übrigens dieses Wort: Wurf – als ob die Mutter ihre Neugeburt von sich schleudern würde!

Nun ja. Jedenfalls, der von Ihnen so aufgeweckt entdeckte Zusammenhang der Reizbarkeit dient dem saugenden Säugling, und zwar nicht bei einem ziellosen, gar hedonistischen erotischen Kontakt, wie Sie es beschreiben, sondern dem Saugen von Muttermilch. Warum, glauben Sie, inspirieren Brüste wie die Ihrigen zu diesem sentimentalen, für die sexuelle Reproduktion komplett irrelevanten Nuckeln? Es ist die Erinnerung, oder das Wiedererwachen eines Urinstinkts! Das Nuckeln des Neugeborenen an der einen Brust regt die Milchproduktion in der andern Seite mit an. Eventuell ergreift der Säugling auch die Gelegenheit, während des Trinkens nach der benachbarten Brustwarze zu grapschen und damit zu spielen. All dies führt dazu, dass die zweite Brust schon auf das Stillen vorbereitet ist, wenn der Milchfluss in der ersteren versiegt, und die Mutter ihr Kind gewissermaßen an der Ersatzbrust anlegt.

Spontane Äußerung der Nachwuchsforscherin B., die es ihr Wert erscheint, ins Protokoll dieser Sitzung aufgenommen zu werden:

Oh, ich gebe es ja zu – Sie haben mich ertappt! Der Gedanke an Mutterschaft war mir in Anbetracht meiner Brüste noch gar nicht in den Sinn gekommen. Ein klassischer Fall von Verdrängung, wie mir jetzt aufgeht. Muss ich mich einer Psychotherapie unterziehen?

 

Kommentar von Heiko B. Berlin (August 2013)

Was Prof. Dr. P. allerdings übersehen hat, ist die ‚erotische‘ Komponente der Stimulation. Für das Fortpflanzen (wieso eigentlich “pflanzen”?!) und Säugen ist diese ja wohl gänzlich unnötig, und dass die Paarhufer die Zitzen ihrer Damen mit den Hufen zur Brunft stimulieren wäre mir doch neu! Wohl war ihm nicht präsent, dass von den Brüsten der Frauen die ganz besondere Energie ausgeht, die ihre köstlichen Organe der Lust im Bauch zum Glühen bringen. Und zwar symmetrisch. Schließlich haben Frauen keine Doppelreihen-Motoren, die auch funktionieren, wenn eine Zylinderreihe keine Zündung erfährt! Daher behaupte ich, dass es sich hier um eine zutiefst in sich verbundene Einheit von – wenn auch verteilten – Körperteilen handelt. Schließlich gibt es keine linke oder rechte Seite der Lust!

Außerdem unterscheidet den Menschen vom Tier eben genau die Freude an der Lust ohne den Zweck des Säugetierischen, mithin ganz irrational, subjektiv und – göttlich! Falls das noch nicht überzeugen sollte, gestatte ich mir noch den Hinweis auf den besonders erotischen Bereich der analen Freuden. Hier ist wohl keinerlei Argument mehr zu finden, wozu das evolutionär oder sonst wie seriös gut sein sollte. Aber wozu auch? Hier ist in Steigerung des Bisherigen sogar eine Punktsymmetrie zu genießen, deren gekonnte Stimulation durchaus zur (positiven) Weißglut führen kann. Wenn das nicht göttlich-menschlich ist, was dann? Und was interessiert uns dann eigentlich noch das mit dem Säugetierischen.

_____________________________________

Buchtipp: Philip Roth „The Breast“ (Die Brust)
Holt, Rinehart & Winston, New York 1972

Übersetzung: Kai Molvig
Carl Hanser Verlag, München / Wien 1979
Rowohlt Taschenbuch, Reinbek 2004
ISBN 3-499-23833-0, 94 Seiten, 6.90 € (D)

 

 

Ben Johnsons „Volpone“ im Amphitheater Berlin

Geld, Gier und gute Laune

Dem Berliner Hexenkessel-Theater gelingt mit Ben Jonsons „Volpone“ eine entwaffnende Mischung aus Schmierentheater und allerbester Commedia dell‘arte. Bravo! e Da capo!

Ben Jonson hat Saison. Die Klamauk-Komödie ‘Volpone’ des lange vergessenen Shakespeare-Zeitgenossen erfreut sich auf den Spielplänen deutschsprachiger Theaterhäuser erheblicher Beliebtheit. Von Wiesbaden über Darmstadt nach Bochum, von Berlin nach Zürich und bis in die hinterste Provinz erlebt die elisabethanische ‚Commedia dell’arte-Groteske zu Gier und Niedertracht‘ ein erstaunliches Revival. Selbst die Sarkasmus-Ikone Harald Schmidt war sich nicht zu schade in seiner ersten großen Theaterollen den ‘Fuchs Volpone’ am Staatstheater Stuttgart zu geben.

In Berlin hat sich das Hexenkessel-Theater den Jonson-Klassiker in diesem Jahr für seine Sommer-Spielzeit vorgenommen – und damit eine exzellente Wahl getroffen. Ensemble und Stück passen wunderbar zusammen, in hinreißendem Tempo durchgängig kraftvoll gespielt gelingt den Berlinern eine tosende und dabei immer leichtgängige Slapstick-Inszenierung, die den Applaus seines Publikums vollauf verdient.

Geldgier scheitert grandios

Der Plot des ‘Volpone’ ist denkbar simpel. Der ohnehin unermesslich reiche venezianische Kaufmann Volpone (der Fuchs) beschließt sein Vermögen mit einer so raffinierten wie skurrilen Intrige zu mehren. Er will sein baldiges Ableben vortäuschen, damit seine Geschäftspartner (die Aasvögel) Corbaccio (böse Krähe), Corrino (der Rabe) und Voltore (der Geier) anlocken, diese mit der Hoffnung auf ein baldiges, umfassendes Erbe zu reichen Geschenken ihrerseits verlocken, um sich dann mit der Beute abzusetzen. Der mit seinem gemein-verschlagenen Diener Mosca (die Schmeißfliege) zunächst trefflich umgesetzte Plan fliegt dann natürlich auf und scheitert grandios. In der finalen aberwitzigen Gerichtsverhandlung verliert der geschlagene Volpone zwar zunächst sein gesamtes Vermögen, versteht es aber letztlich doch wieder der Nutznießer zu sein.

Ein Patchwork exaltierter Impressionen

Dem Hexenkessel-Ensemble gelingt es, den Volpone-Plot in ein Patchwork exaltierter Impressionen zu verwandeln. Die Kontinuität des Handlungsstranges tritt in den Hintergrund, doch die Faszination der Schlag auf Schlag folgenden Überraschungen trägt und treibt das Stück voran. Der Hexenkessel-Dramaturgie glückt dabei das schwierige und subtile Kunststück, mit perfektem Timing eine zündende Komik zu erzeugen und über fast den gesamten Spielverlauf zu erhalten. Komödien sind ja für Regie und Schauspieler oft viel anstrengender als Tragödien, weil sie dieses Timing und Tempo erfordern.

Es ist eine laute Inszenierung. Da wird geschrien, geheult, gebrüllt, gespuckt und geflennt. Dennoch gelingt dabei der Balanceakt zwischen dem banal-Vulgären und tiefgründiger Ironie. Die triebhaften Leidenschaften, die Gier, die Lust, werden ausgelebt und vorgeführt, doch immer in gekonnt skurriler Reflektion. Die Tragik der zwanghaften menschlichen Abgründe erscheint uns gar sympathisch und durch das Groteske gelindert, der existenzielle Schrecken löst sich auf in herzhaftes Lachen.

So lachhaft ist der Ernst des Lebens.

Die Tragik der Gefangenschaft in ihren Leidenschaften und die Befreiung im Akt der komischen Übersteigerung macht die Charaktere im „Volpone“ zu Menschen aus Fleisch und Blut. Volpone selbst – immer im herrlichen Schlagabtausch mit dem raffinierten Mosca – wird angetrieben vom Größenwahn und unstillbarer Geltungssucht. Er tut so fein, spricht so gewählt und hält sich für so oberschlau, dass die Lachmuskeln schon unwillkürlich in Bewegung geraten, obwohl und gerade weil man sich und seine Mitmenschen so peinlich ertappt fühlt. Eine Glanzleistung des Hauptdarstellers Andreas Köhler.

Durchweg überzeugend auch die Ausarbeitung der anderen Charaktere: Corbaccio, Corvino und Voltare. Die schwadronierende Tölpelhaftigkeit der Richterin ist vielleicht etwas arg übertrieben und die gestelzte Tugendhaftigkeit der Corvino-Ehefrau Celia etwas zu fade umgesetzt. Umso mehr überzeugt mich ihre Darstellerin, Rebekka Köbernick, in der Doppelbesetzung als Hure Canina mit ihrem outriertem Selbstbewusstsein. In summa ist das Stück gekonnt inszeniert, und das Ensemble spielt auf hohem Niveau.

Wildes und virtuoses aus der Wundertüte

Die Hexenkessel-Inszenierung greift mit vollen Händen in die Stilmittelkiste. Da wird modern improvisiert und klassisch rezitiert, antiker Sprachduktus trifft auf flapsiges Gehabe, gelungene gestische Expressivität auf liederliches Durcheinanderrennen. Was wir dabei erleben, ist eine wilde, mit Detailbesessenheit komponierte Tour de Force an Intensiv-Komik. Das improvisierte Ambiente unter freiem Himmel im ‚Amphitheater am Monbijouplatz‘ verleiht der Szenerie jenen Zauber, den wir im Theater sonst so oft vermissen.

Sie wollen sich einen schönen Sommerabend machen und weder von belanglosen Witzen beleidigen, noch von bemühtem Tiefsinn belehren lassen? Dann empfehle ich Ihnen das Amphitheater. Viel Vergnügen!

 

Paloma de Ponte

 

„Volpone“ von Ben Jonson, in einer Regieeinrichtung von Frieder Venus.
Amphitheater im Monbijoupark.
Spielzeit bis 31. August 2013, Di. bis Sa. 21.30 Uhr.

Ebenfalls sehr zu empfehlen: „Sarg niemals nie“ ein Musical zum Totlachen. Im Studio der Neuköllner Oper Berlin

 

Auf ein Wort, meine Herren.

Bevor wir unser Gespräch beginnen, gestehe ich Ihnen ganz direkt, dass es mich nicht stört, wenn Sie mir Komplimente für mein Äußeres machen. Ich sage das nur zur Entspannung unseres Verhältnisses.

Kürzlich wurde von einer jungen Politikerin folgende Regel aufgestellt, die wohl ein kategorischer Imperativ sein soll: „Erstens: Fasse niemanden an, den du nicht kennst. Zweitens: Rede nicht über den Körper von Menschen, die du nicht kennst.“ Verwirrung ist die Folge.

Heutzutage weiß man (ich meine: Mann) ja gar nicht mehr, was er sagen oder wohin er schauen soll, oder ob er zur Begrüßung meine Hand ergreifen darf.

Bei mir dürfen Sie sogar diese Hand küssen, mein Herr. Das kann ich gut gebrauchen für mein Selbstwertgefühl, denn wir Frauen sollen uns ja immerzu fragen, ob wir nicht grade herabgewürdigt werden. Mich würdigt ein Kompliment jedenfalls nicht herab.

Schauen Sie! Loben Sie! Wenn ich aus dem Haus gehe, möchte ich auffallen, sonst hätte ich kein so schönes Kleid angezogen. Wenn mir jemand sagt, dass ich schön bin, dann heißt das für mich doch nicht, dass er mich für geistig minderwertig hält. Nein, ganz im Gegenteil. Ich betrachte meine körperlichen Vorzüge durchaus als Teil meiner Persönlichkeit, meines Ganzen. Nur sind das eben die Eigenschaften, die man von außen besser erkennt als meine inneren Werte.

Aber immerhin sieht der, der mich ansieht und meint, dass ich schön bin, schon mal genauer hin, wenn er mich nicht übersieht. Ich habe jedenfalls noch nie erlebt, dass ein Mensch, egal ob Mann oder Frau, sich vom Geist und Esprit eines anderen hätte bestricken lassen, ohne dass ihm zuvor das Äußere dieses Menschen aufgefallen wäre.

Und da gibt es die Schönen einerseits, und andrerseits die Attraktiven, die Spannenden, welche dich in den Bann ziehen, ohne dass du sagen könntest, warum, vielleicht trotz ihrer Hässlichkeit. Kein sprühender Geist erfüllt einen Körper, der nicht attraktiv ist. Der Geist macht doch erst die Ausstrahlung, den Ausdruck.

Verstehen Sie mich aber nicht miss, ich würde jetzt nicht so weit gehen, dass ein Kompliment für meinen Arsch mich geradezu für einen Pulitzerpreis nominiert – aber immerhin hätten wir dann einen Anknüpfungspunkt, denn ich würde Ihnen ja zustimmen, dass er ein Prachtstück ist, dieser Arsch.

Diejenigen, die Komplimente als Entwürdigung empfinden, missfällt die scheinbare Reduzierung auf ihre bloße Körperlichkeit.

Nun, wenn sie so empfinden, muss man ihnen wohl Recht geben, auch juristisch, wenn´s sein muss. Aber ich frage Sie, was ist denn unangenehmer, was ist aufdringlicher: Wenn jemand Ihren Körper beurteilt oder Ihren Verstand?

Hypersensible, die es weit von sich weisen, wenn man sie auf ihre Lebenstatsachen anspricht, etwa: „Sie haben aber einen tollen Busen!“, sagen schamlos und in aller Öffentlichkeit, dass sie einen für „hochintelligent“ oder „tiefempfindsam“ halten– eine klare Grenzüberschreitung, wenn Sie mich fragen!

Diese Leute geben Kommentare ab, wie es in mir aussieht, obwohl sie es gar nicht sehen können – und verwehren sich dagegen, dass ihnen jemand sagt, wie sie aussehen – dabei ist das doch offensichtlich!

Salomé Balthus