Die Sehnsucht der Töchter. Und das Versagen der Eltern.

Kommentar eines Lesers zu Francois Ozons Film „Jung und schön“.

Ich finde den Film gemischt. Salomé hat recht, dass Ozon mehr daraus hätte machen müssen, eben wegen der aktuellen Diskussion zur Prostitution in Frankreich und Deutschland und weil es schon mutigere Werke gab.

Wenn man nämlich einige Hintergründe nicht kennt, wird man viele Dinge, die der Film in Andeutungen enthält, nicht erkennen.

Das grundsätzliche Thema, noch über den Film hinaus, ist die weitgehende Unverbundenheit der (angeblichen) Erwachsenen mit den Heranwachsenden. Das wenige, was zwischen den beiden Gruppen abläuft, dreht sich um Hausaufgaben, mal ins Theater usw. Für die jungen Leute in ihrem Suchen total belanglos! Die Eltern nehmen im Wesentlichen die gesellschaftlichen Interessen war, aus den jungen Leuten produktive Werktätige zu machen, immerhin mit ein bisschen Kultur, da sind die Franzosen gut. Alles andere, meinen die Erwachsenen, würde in der Schule oder von selbst passieren. Und so müssen sie keine unangenehmen Gespräche führen, in denen die eigene Unfähigkeit, Unreife und Fehlbarkeit zutage kommt. Und das sie alles weichspülen oder unter den Teppich kehren. Wahrscheinlich genau so, wie sie es selbst mit ihren Eltern erlebt haben.

Dumm nur, dass Lehrpersonal natürlich nicht zum Erwachsen-werden-helfen geeignet ist, und die Gleichaltrigen mangels Erfahrung natürlich ahnungslos sind. So müssen die Heranwachsenden also versuchen, das Rad selbst neu zu erfinden, was aber allzu oft nicht klappt. Siehe die “Erwachsenen”.

Im Film bemüht sich die Mutter entsprechend überhaupt nicht darum, ihrer Tochter etwas über das Frau-werden zu vermitteln. Stattdessen wirft sie der Tochter vor, dass diese ihr etwas angetan habe. Dabei ist es umgekehrt, sie hat ihre Tochter mit ihren Problemen allein gelassen. Das ist ihr aber nicht bewusst. Konsequent sagt sie der Tochter nicht klar, was sie nun mit ihrem Bekannten Peter laufen hat.

Der Stiefvater benutzt die bequeme Ausflucht, dass er nicht der leibliche Vater ist. Der Tochter könnte er als Mann zwar nicht das geben, was die Mutter geben könnte, aber er macht auch der Mutter nicht klar, dass sie sich um ihre Tochter kümmern müsste. Immerhin hat er mit seiner Aussage festgestellt, dass die Tochter voll geschlechtsreif ist und damit angedeutet, dass sie offensichtlich biologisch erwachsen ist und für ALLE geschlechtsreifen Männer eine vollwertige Frau darstellt. Nicht mal das war der Mutter klar. Das die Tochter formal minderjährig ist, zeigt wie die Gesellschaft das Problem verstärkt – gut gemeint als Schutz, aber zu verallgemeinernd weil der Frau-Zustand eben meist früher eintritt und diese schon-Frauen dann mit den gleichaltrigen noch-Jungen vorlieb nehmen müssten. Mit Pädophilie hat das also nichts zu tun. Wenn der Film gesagt hätte, sie sei 18 hätte das jeder geglaubt, und die paar Monate sind eben nur formaljuristisch ein Unterschied.

Die Tochter hat also in der Prostitution einen wesentlichen Teil dessen gesucht und gefunden, was man ihr vorenthalten hat, bzw. was sie von Gleichaltrigen (ihr erster Lover) nicht bekommen hat. Das ist Kontakt mit Erwachsenen, deren Erotik, deren Erfahrungen, deren dunkle Seiten. Und deren Geld, womit sie allerdings nichts angefangen hat – sie hat die Kleidung ihrer Mutter benutzt und sich davon nichts gekauft. Es ging also nicht um Geld!

Versagt hat dann der Therapeut – und der Film. Da wäre DIE Chance gewesen, der Tochter und ganz dringend der Mutter – und damit dem Publikum – zu erklären, worum es überhaupt ging! Aber der Therapeut war genauso ahnungslos, wie alle Erwachsenen in dem Film, die noch nicht das Alter und die Reife des Stammkunden und dessen Frau erreicht hatten.

Ohne den Kontakt zu Erwachsenen – und das bedeutet insbesondere auch Nicht-Eltern – bleiben nämlich die meisten Leute Heranwachsende. So lange, bis ihnen um die Mitte 40 bis 50 Jahre langsam dämmert, dass da etwas nicht stimmt, dass ihnen etwas fehlt. Schade nur, dass dann Jahrzehnte unwiederbringlich vergangen sind, in denen sie nicht erwachsen waren, sondern nur der Gesellschaft produktive Werktätige waren. Industrialisierte Menschen.

Wenn sie Glück und genug Mut haben, stürzen sie sich dann in eine veritable Mid-life-Crisis und holen möglichst viel von dem nach, was ihnen in ihrer Jugend versagt blieb. Und wenn sie Männer sind, dann buchen sie fleißig bei Greta Brentano. Sofern sie immerhin dafür produktiv genug waren und/oder Stil haben.

Die Frauen haben da leider weniger Möglichkeiten, abnehmende Attraktivität und (deswegen?) ein Mangel an männlichen Escorts, oder ihr “Mindset” aus Moral und sonst was lassen sie ziemlich allein mit sich selbst und ihrem Therapeuten und Töpferkurs.

Deshalb ist es auch verpönt, das ältere Männer mit jüngeren Frauen Erotik haben oder womöglich Paare werden. Siehe Presse.

Immerhin wird uns im Film noch gezeigt, dass die Tochter eine höhere erotische Kompetenz erworben hat als ihr zweiter Lover, als sie ihm ihren Finger in den Po steckt. Ganz schön kleiner Tabubruch in einem Film, der das Riesentabu Pseudo-Erwachsene-erklären-ihren-Kindern-endlich-das-Leben/Vögeln hätte klar herausstellen können. Hat er leider nicht. Dommage!

Die gesamte Gesellschaft nimmt ihre Aufgabe und Verantwortung nicht wahr, heranwachsende Menschen bei ihrem Weg zu unterstützen. In älteren und weniger “zivilisierten” Kulturen ist das ein zentraler Teil der Entwicklung des Lebens. In der “hochentwickelten” Gesellschaft wird nicht mehr der Mensch entwickelt sondern nur die Wirtschaft.

Heiko B., Berlin im Dezember 2013

 

Wer sich (jetzt) dafür interessiert, und nun endlich ein richtiger Mann oder eine richtige Frau werden will, dem sei folgende Literatur empfohlen:

Robert Bly, “Eisenhans – Ein Buch über Männer” (engl. Originaltitel: „Iron John“) KINDLER Verlag;   ISBN-10: 3463401665   ISBN-13: 978-3463401669

Clarissa Pinkola Estés, “Die Wolfsfrau – Die Kraft der weiblichen Urinstinkte” HEYNE Verlag;   ISBN-10: 3453132262    ISBN-13: 978-3453132269

 

 

Jung und schön


„Jung und Schön“ – dieser Film von Francois Ozon

handelt von einer jungen Hure.

Kunst? Kitsch? Lüge oder Wahrheit?

Lesen Sie, was eine junge Hure dazu sagt:

Heute war ich* mit meiner Gefährtin Gwendolyn Nightwood im Kino. Wir wollten uns mal den neuen Film von Francois Ozon anschauen.

Wollten sehen, wie ein Monsieur Ozon uns sieht. Sehen – schauen – anschauen – sich an einem Anblick weiden, sich in Betrachtung versenken… für viele Konsumenten dieses Films wird, das war uns schon beim Betreten des Kinos klar, das Gaffen die Hauptmotivation sein, das delektierende Anstarren der Bilder, die Hoffnung auf einen Pornofilm in Spielfilmlänge und mit der sittlichen Legitimation frankophilen Kultur-Cinéasmus.

Solche Hoffnungen haben, ganz allgemein, ja ihre Berechtigung – ob dieser Film sie zu befriedigen vermag, kann ich nicht sagen. Voyeurismus ist eine sensible Passion. Objekt des Voyeurismus zu sein, oder sich einzufühlen in das Objekt der Betrachtung und der Begierde, ist auch eine Form des Voyeurismus, aber eine, die den Narzissmus einschließt. Lustvolle Selbst-Beobachtung. Wie beim Sex vor dem Spiegel.

Isabelle, Ozons Protagonistin, hat in einer Szene Sex vor einem Spiegel. Auch Gwendolyn und ich machen so etwas gelegentlich. Und wie bei Isabelle, ist unser promiskes Dasein nicht damit erschöpft, dass wir uns von Voyeuren anschauen lassen (und was sonst noch dazu gehört) – wir selbst sind auch Voyeure, Voyeurinnen unserer hingebungsfähigen Körper, und somit mehr als bloße Objekte. Kontrollierte Selbst-Objektivierung ist unser Tun. So wie Isabelle, die bei ihrer Entjungferung aus ihrem Körper heraustritt und das Geschehen aus einigen Schritten Abstand betrachtet, mit kühlem Interesse.

Ich finde, das hat der Herr Ozon recht aufmerksam beobachtet.

Wohlmöglich versteht er Frauen wie uns, oder beinahe wie uns: abgesehen von dem im Film wenig bedeutenden Unterschied, dass die junge Isabelle sich in der Illegalität bewegt (erstens, weil Prostitution in Frankreich leider verboten ist, zweitens, weil sie erst 17 ist), sind ihre Erfahrungen den unseren sehr ähnlich.

Ich würde sagen, es ist ein sehenswerter, anschaulicher Film. Man darf sich getrost eine Kinokarte kaufen, wenn man wissen möchte, wie es so ist – was es ist, was wir in unserem Beruf meistens so tun. Und was ihn so reizvoll für uns macht: Der immer wiederkehrende Moment, wenn wir auf einen Fremden treffen, von dem wir nichts wissen, außer, dass er uns begehrt.  Das Herzklopfen kurz nach dem Betreten des Hotelzimmers, die Aufregung des Fremden, die uns ehrt. Die Magie des Entkleidens. Die ersten Berührungen, bevor die Körper verschmelzen. Und das Danach, das sich harmonisch anfühlen kann und wärmend, oder aber unsereins mit kühler Selbstgewissheit erfüllt. Oder mit süßer Melancholie. Das wohlige Duschen nach dem Akt. Die Rückkehr in die Welt der normalen Menschen, während wir ein köstliches Geheimnis in uns tragen, das uns Stärke schenkt.

Es ist etwas, das ich jeder Frau wünsche. Und eine Situation, in der jede Frau sich selbst einmal beobachten sollte, wenn ihr an ihrer weiblichen Raffinesse gelegen ist.

Der Reiz des Films aber bestand für mich nicht in seiner angenehm unaufgeregten Dokumentation solcher Szenen – sie sind für mich nichts Neues, kaum der  Rede wert. Ich persönlich käme nicht auf die Idee, sie für mitteilenswert zu halten  – aber das mögen die meisten Menschen anders beurteilen.

Das wirklich Überraschende im Film war das Verhältnis der Frauen zu einander.

Das Verhältnis von Mutter und Tochter. Es ist anders als bei mir. Isabelle hält ihre Tätigkeit geheim. Und auch, als es herauskommt, spricht sie mit ihrer Mutter nicht darüber. Die Mutter schlägt ihre Tochter, ist außer sich, sie empfindet Ekel und Verachtung. Sie ist so lasterhaft, klagt sie, während ihr Ehemann das Offensichtliche erkennt: Isabelle ist wunderschön. Diese schlichte Wahrheit aber ist nicht das, was die Mutter hören möchte. Handelt es sich um einen klassischen Schneewittchen-Konflikt? Ist die Mutter eifersüchtig auf ihre Tochter, die sie zur Staffelübergabe in Sachen weiblicher Begehrlichkeit zwingt?

Vielmehr ist es ist das Drama der Mutter-Kind-Symbiose, die von Seiten des Kindes aufgekündigt wird. Eine Symbiose, die vielleicht schon lange nicht mehr gilt, aber von der Mutter als Selbstverständlichkeit angesehen wurde. Das „eigene“ Kind, das „eigene Fleisch und Blut“, wird von der Mutter als Teil ihrer Selbst beansprucht. Als Bestandteil ihrer Selbstdarstellung, als ausgelagerter Teil ihres Ego. Die Tochter ist zur Mutter gehörig wie ein Abbild ihrer selbst, ihr Spiegelbild. Wenn nun das „eigene“ Kind ein Eigenleben entwickelt, und zwar eines, was sich so gänzlich von dem Leben, ja selbst der Vorstellungskraft der Mutter unterscheidet, wenn das „eigene“ Kind zum Fremden wird, oder, wie man´s nimmt, zu einem Menschen mit Anspruch auf Autonomie – dann ist das für eine solche Mutter unerträglich. Sie verliert die Orientierung, ist gezwungen, das schöne Spiegelbild zu ersetzen durch ein mehr realistisches, das sie auf sich selbst reduziert, als Bilanz vieler Jahre aufopferungsvoller Erziehung und unwiederbringlicher Jugend. Es ist das Drama des Verrats.

Und dann ist da noch Charlotte Rampling. Noch eine Frau, aber eine, die ganz anders ist. Die Würde, die Selbstsicherheit in Person. Sie spielt die Ehefrau eines Kunden, des Stammkunden von Isabelle, desjenigen, der beim Liebesakt unter ihr eines Todes stirbt, um den ihn viele Männer beneiden dürften (eine Szene, die weder ich noch Gwendolyn bisher erlebt haben).

Diese Frau nun möchte diese Léa kennenlernen, die ihren Mann als letztes gesehen hat. Und sie möchte mit ihr in das Hotelzimmer gehen, in dem sich die beiden regelmäßig trafen. Ohne jeden Vorwurf, ohne die geringste Spur von Eifersucht, ohne Hass oder Rachegedanken. Sie lässt sich leiten von der wunderbaren menschlichen Regung vorurteilsfreier Neugier, wirklicher Offenheit und dem Wunsch, zu verstehen. Mit dieser Empfehlung würde ich jeden auffordern, diesen aufschlussreichen Film zu schauen.

Oder, noch besser, falls Sie über das nötige Taschengeld verfügen: ein Treffen mit einer von uns glücklichen Frauen zu wagen, seien Sie nun ein Mann oder ebenfalls eine Frau.

Und falls Sie Charlotte Rampling sind: Sie, Madame, sind es, von der ich träume, manchmal, in der süßen Melancholie des Danach.

Text: © Salomé Balthus

„Jung und schön“ läuft ab Mitte November 2013 in deutschen Kinos.

Buch & Regie François Ozon
Produzenten Eric & Nicolas Altmayer
Kamera Pascal Marti
Originalmusik Philippe Rombi
Ton Brigitte Taillandier
Herstellungsleiter Sylvain Monod
1. Regieassistent Jérôme Brière
Casting Sarah Teper, Leïla Fournier
Ausstattung Katia Wyszkop

L’Amour – la mort

Michael Hanekes Film „Amour“ hat nach der GOLDENEN PALME von Cannes, dem GOLDEN GLOBE und dem französischen CAESAR nun auch den OSCAR erhalten – als bester nicht englischsprachiger Film. Das konnte man sich denken und ist dennoch überrascht.
Denn „Amour“ erweist sich eher als anspruchsvolles Kammerspiel denn als großes Kino-Spektakel. Wir erleben Film-Kunst mit genialer Regie und überragenden Schauspielern (Emmanuelle Riva und Jean-Louis Trintignant als altes Ehepaar, Isabelle Huppert als dessen Tochter Eva).
Doch anders als der Oscar-Preisträger „Argo“, der wieder einmal versucht, die USA als Heldennation in die Geschichtsbücher zu schreiben, erzählt „Amour“ mit ganz schlichten Mitteln eine Liebesgeschichte. Und wir fragen uns, warum sie so tief  berührt,  ja erschüttert.

Der Mord aus Leidenschaft, aus Eifersucht und zu Hass deformierter Verliebtheit zählt bekanntlich zu den häufigsten Tötungsdelikten. Doch töten aus wahrer Liebe, frei von Eigennutz, das befremdet. Jenes kirchlich sanktionierte Liebesversprechen „bis dass der Tod uns scheidet“ beschreibt einen „Bund fürs Leben“, der sich dem Schicksal oder Gottes Fügung unterwirft.  Doch hier in „Amour“ mordet ein Mann seine Gefährtin nach einem lange Leben voller Glück und Vertrautheit, um ihr gerade das zu ersparen, was man als „Gottes Wille“ oder „Schicksals-Schlag“ bezeichnen mag. Er will die demenzkranke Geliebte vor dem Verfall ihrer Würde bewahren – wissend dass er ohne sie auch selbst nicht weiterleben kann.

Denn wer die Kraft und den Mut hat, solange in Liebe miteinander zu leben, bis Alter, Krankheit und Zerfall den Partner zerstören, der muss auch bereit sein, aus Liebe zu töten. Das ist die Botschaft von „Amour“ – eine Erkenntniss, die scheinbar unmenschlich ist und dennoch und gerade deshalb ein Höhepunkt an Menschlichkeit.

Die Kunst des Michael Haneke und seiner Darsteller liegt vor allem darin, diese Geschichte frei von Sentimentalität zu erzählen. Er weckt Gefühle, statt darin zu baden.

„Amour“ Buch und Regie: Michael Haneke; Produktion: Margaret Ménégoz, Stefan Arndt, Veit Heiduschka, Michael Katz; Kamera: Darius Khondji; Schnitt: Nadine Muse, Monika Willi; Verleih: X-Verleih AG Berlin

Die Kluge

Carlos Obers (C) Hannah Arendt
Hannah Arendt Zeichnung von Carlos Obers

Was ist Klugheit? Eine Leidenschaft? Ein Leiden an der Welt?

Noch Simone de Beauvoir (1908 – 1986) musste sich von ihrem Verleger Gallimard bescheinigen lassen, dass die Bücher einer Philosophin unverkäuflich seien, da kein Mensch eine philosophierende Frau als kompetent erachte. Und Hannah Arendt (1906 – 1975) sagte von sich „Ich bin keine Philosophin, mein Fachgebiet ist politische Theorie“.  Sie wollte sich nicht mit Männern messen, übertraf jedoch alle ihrer Generation.

Die Filmautorin Margarethe von Trotta hat ihr ein cineastisches Denkmal gesetzt, das (mit Barbara Sukowa in der Hauptrolle) ab dem 10. Januar 2013 in deutschen Kinos zu sehen ist. Das Werk „Hannah Arendt“ wurde als „Film des Monats“ ausgezeichnet.

Die Banalität des Bösen und die Bosheit des Banalen.

Im Auftrag der Zeitschrift „The New Yorker“ berichtete Hannah Arendt 1963 über den Eichmann-Prozess in Jerusalem. Dieser scharfsinnige und aufrichtige Artikel hat der bekennenden Zionistin eine Welle der Wut und unverhohlenen Hass eingebracht – ausgerechnet von Juden. Selbst enge Freunde sagten sich von ihr los. Stein des Anstoßes war vor allem der Titel „Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht über die Banalität des Bösen“ und die Fama, welche die Medien darüber verbreiteten. Der SS Obersturmbannführer (1906 – 1962), hauptverantwortlich für die Deportation und Ermordung von Millionen jüdische Europäer, hatte sich in der Gerichtsverhandlung als „unschuldiger Befehlsempfänger“ hingestellt.

In eben diesem Unvermögen, Schuld und Verantwortung zu übernehmen, diagnostizierte Hannah Arendt das Unmenschliche des Verbrechens. „Eichmann war nicht Mcbeth… Außer einer ganz ungewöhnlichen Beflissenheit, alles zu tun, was seinem Fortkommen dienlich sein konnte, hatte er überhaupt keine Motive“. Man könne ihm keine teuflische Tiefe abgewinnen. „Ich war der Meinung, dass der Eichmann ein Hanswurst ist. Ich habe dieses Polizeiverhör von 3.600 Seiten gelesen, und ich weiß nicht, wie oft ich gelacht habe“, bekennt sie im Gespräch mit Günter Gaus 1964.

Die Enttäuschung, nicht des Teufels Beute zu sein.

In Israel wurde „Eichmann in Jerusalem“ erstmals im Jahre 2000 veröffentlicht. Zu schmerzhaft war es den Hinterbliebenen, nicht des Teufels Beute geworden zu sein, vielmehr Opfer eines Räderwerks, das von gedanken- und gefühllosen Durchschnittsmenschen in Gang gehalten wurde: „Jetzt wissen wir,“ so Arendt, „dass in jedem von uns ein Eichmann steckt“.

Über die Shoah sagt sie: „Alles andere hätte irgendwann einmal gutgemacht werden können, dies nicht“. Sie erkennt das kategorisch Neuartige an diesem industrialisierten Massenmord, und sie fasst ihre Forschungsergebnisse in zwei Hauptwerken zusammen:

„Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ (USA 1951, BRD 1955) rekonstruiert zunächst die Entwicklung des Antisemitismus seit dem 18. Jhdt. und analysiert dann die Strukturen und Mechanismen totaler Herrschaft am Beispiel des Nationalsozialismus und des Stalinismus. Sie wollte durch Vermittlung von Fakten eine Voraussicht aber auch ein Gefühl dafür vermitteln, wie Terror und Totalitarismus frühzeitig verhindert werden können.

„Denken heißt, eigenem Erleben nach zu denken“

In „Vita activa oder Vom tätigen Leben“ (1960) fordert Hannah Arendt ihre Leser auf, aktiv am politischen Geschehen teilzunehmen – was nicht mit Parteizugehörigkeit verwechselt werden soll. Sie selbst war nie Mitglied einer Partei, jedoch engagierte sie sich bereits 1933 nach ihrer Emigration in Frankreich in zionistischen Organisationen, die Jugendlichen zur Flucht nach Palästina verhalfen. Sie unterstütze auch den damals noch kaum bekannten Walter Benjamin und setze sich für die Veröffentlichung seiner Werke ein.

Handeln bedeutet, miteinander und füreinander tätig zu werden, niemals jedoch im Sinne einer Ideologie. Denn jede „Wahrheit“,  die auf einer einzigen Meinung beruht, sei unmenschlich. Vorbild ist ihr darin Rosa Luxemburg, die deutsche Kommunistin und Revolutionärin (ermordet 1919 in Berlin), die sich nicht scheute, Lenins Ideologie zu kritisieren: „ … so glaubte sie nicht an einen Sieg, bei dem die breite Masse keinen Anteil und kein Mitspracherecht hatte, ja, sie hielt so wenig davon, um jeden Preis die Macht in Händen zu halten, dass sie ‚eine deformierte Revolution weit mehr als eine erfolglose fürchtete‘“ (aus “A heroine of Revolution“ 1966; siehe auch: Margarethe von Trottas Film „Rosa Luxemburg“ – ebenfalls mit Barbara Sukowa).

Kein Mensch hat das Recht, zu gehorchen.

Es klingt wie Hohn, wenn Adolf Eichmann sich auf den kategorischen Imperativ des Immanuel Kant beruft. Denn dieser „Weltbild-Zertrümmerer“ (Nietzsche über Kant) hat als erster den Deutschen ihre Sucht zum Subalternen auszutreiben versucht.

Außerhalb des Militärs sind Befehle dazu da, verweigert zu werden. Jeder Mensch ist autonom, frei in seinen Entscheidungen und gleichberechtigt – nach Hannah Arendts Auffassung auch in der Politik. Damit meint sie, dass politische Entscheidungen konkret von denen getroffen werden sollten, die betroffen sind und dazu gewillt und fähig. Weil die repräsentative Demokratie in einer pluralistischen Gesellschaft zunehmend ihre Inkompetenz demonstriert („Der Staatsmann ist auf Experten angewiesen, die er nicht versteht“), plädierte  sie für eine direkte Demokratie.

Das ist eine Forderung, die Hand und Fuß bekommen hat, seit es für alle Bürger die technischen Möglichkeiten gibt, bei politischen Entscheidungen mit zu bestimmen: aktuell und online.

War Hannah Arendt womöglich eine Piratin der frühen Geburt?

Ich empfehle, das Netz zu nutzen für:

Hannah Arendt im Gespräch mit Günter Gaus (auf Yutube)

„Hannah Arendt“ Film von Margarete von Trotta mit Barbara Sukowa (Trailer bei Yutube)

Hannah Arendt bei Wikipedia (eine sehr fundierte und ausführliche Würdigung)

Margarethe von Trotta bei Wikipedia (Leben und Werk)

The Origins of Totalitarianism (Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft)  Piper Verlag, München ISBN 3-492-21032-5

The Human Condition (Vita activa oder Vom tätigen Leben) Piper Verlag, München ISBN 3-492-23623-5

Eichmann in Jerusalem (Ein Bericht von der Banalität des Bösen) Piper Verlag, München ISBN 3-492-20308-6

On Violence (Macht und Gewalt), Piper Verlag, München ISBN 3-492-20001-X

Notabene:

„Wenn die Welt nicht so beschissen wäre, dann wäre es eine Lust zu leben“, Hannah Arendt