Hommage an die ungeschönte Frau

„On Street“ zur Werkschau des Modefotografen Peter Lindbergh

Wer Frauen verstehen will, muss ihnen ins Gesicht sehen – nicht in die Seele.

Wer sagt denn das? Keiner. Doch Peter Lindbergh beweist es. Als er 2003 Jeanne Moreau (den Star aus Filmen wie „Jules et Jim“, „La Notte“, „Le journal d’une femme de chambre“, „Viva Maria!“) fotografiert, entschuldigt er sich bei ihr „das Foto ist leider nicht retuschiert“, worauf die Diva kontert: „was wollen Sie denn da noch retuschieren?“.

Für die Schönheits-Chirurgie wäre die Moreau heute ein hoffnungsloser Fall.

Wie erklären Sie sich, dass sie dennoch schön wirkt? Schöner denn je sogar?

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In der Stille ertasten sie sich

Minako Seki und Yuko Kaseki tanzen erstmals zusammen Butoh in Berlin

Eng umschlungen liegen Yuko und Minako im Dämmerlicht der Bühne. In der Stille ertasten sie sich, erneuern sanft ihre Umarmung.

Vorsichtig beginnen sie, den umgebenden Raum zu erkunden. Ihre Gewänder, hauteng, mit amorph gepolsterten Auswüchsen, binden sie aneinander.

Sie zerren daran, befreien sich, stehen en face zum Publikum und zeigen ihre fast nackten Körper.

Facetten des Liebesspiels

Minako singt das Liebeslied einer Geisha in der Zwiesprache mit ihrem Geliebten. Sie lockt ihn mit zarten, verführerischen Rufen, ihr Körper gibt sich hin, steigert sich in der Lust und wird aufgefangen von der harschen, fordernden Stimme des Mannes.

Minako brilliert. Die Facetten des Liebesspiels verschmelzen zu einer anrührender Schönheit.

Momente der Zärtlichkeit

Es sind Momente der Zärtlichkeit, wenn Minako der verletzten Yuko über die Haare streicht.

Momente skurriler Verzückung, wenn die Tänzerinnen über die Bühne wirbeln und Momente der Menschlichkeit, wenn durch ihre grimassierende Mimik tiefes Verstehen leuchtet.
Minako Seki und Yuko Kaseki, die zwei großen Persönlichkeiten der Berliner Butoh-Szene, haben mit ‘Dorodoro – Quarks’, ihrer ersten gemeinsamen Produktion, ein Meisterstück moderner Tanzkunst geschaffen. Das Duett mit Musik von Zam Johnson fand seine Aufführung im Theatersaal des Dock II in der Kastanienallee, Berlin, Prenzlauer Berg.

Text von Christian Horn

Yuko Kaseki
www.cokaseki.com/

Minako Seki
www.minakoseki.com/

Der Frauen Held

„Ich dachte immer, so jemand kann nicht sterben. Das ist, als ob das Leben selbst gestorben wäre“, lesen wir im Nachruf der Elfriede Jelinek, Nobelpreisträgerin der Literatur.

Für sie ist Christoph Schlingensief „einer der größten Künstler, der je gelebt hat“. Und für den Rest der Weiberwelt? Für uns jedenfalls ist, war und bleibt dieser schöne Mann mit den klugen Augen und der zerwühlten Bettfrisur: unser Held! Ein ganzer Kerl, ein richtiger Mann und ein ewiger Lausbub.

Er kämpfe gewaltfrei mit den Waffen der Gewitztheit auf vielen Schauplätzen der Kreativität bis hin zu Burgtheater, Bayreuth und Dokumenta.

2011 sollte er den Deutschen Pavillon der Biennale in Venedig gestalten, daraus wird nun nichts. Doch es ehrt Deutschland, sich als Repräsentanten einen Unbeugsamen auszusuchen, der noch vor wenigen Jahren verhaftet wurde, weil er mit einem Schild „tötet Helmut Kohl!“ demonstrierte. „Haben Sie wieder ein Schild dabei? Tötet Angela Merkel!“. Nein, das fragte ihn die Kanzelerin nicht als er sie besuchte, sie lispelte bloß: „Möchten Sie noch ein Stück Kuchen?“

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Unkeusche Göttin und geliebte Puppe

„Double Sexus“ Louise Bourgeois trifft auf Hans Bellmer in Berlin

1982 war ein Jahr der Umbrüche. Kohl wurde Kanzler, Abba lösten sich auf und in New York fand eine historische Premiere statt: Das MoMA richtete das erste Mal in seiner Geschichte eine große Retrospektive für eine Künstlerin aus. Die gefeierte Schau markierte zugleich einen späten Durchbruch. Die damals 71-jährige Louise Bourgeois wurde quasi offiziell zur bedeutendsten amerikanischen Nachkriegskünstlerin erhoben.

…Genital und Genius …

Eine Premiere feiert in diesem Jahr auch die Sammlung Scharf-Gerstenberg in Berlin. Zum ersten Mal wird in einer Ausstellung das Werk der 1911 in Paris geborenen Künstlerin mit dem des Fotographen, Bildhauers und Malers Hans Bellmer (1902-1975) in Beziehung gesetzt.

Das wurde auch Zeit, könnte man meinen. Denn obwohl sich die beiden Künstler zeitlebens nie begegnet sind, mangelt es nicht an Korrespondenzen. Bei beiden bildet das Sexuelle, die Fantasien und (Alb-)Traumvisionen des Körperlichen das drastische Zentrum. Die Ähnlichkeiten und Unterschiede spiegeln der Titel der Schau: „Double Sexus“. Er begründet sich zunächst aus der auf den ersten Blick erstaunlich ähnlichen Gestaltungsweisen der beiden Geschlechter. Beide Künstler haben ein ausgesprochen großzügiges Verhältnis zur Verarbeitung von Geschlechtsorganen. Und bei beiden nimmt die explizite Thematisierung des Sexuellen ähnliche Formen an: Vervielfachte, verformte oder fehlende Körperteile. Gestalten mit vier Brüsten, aber ohne Arme, geschlechtliche Mischwesen. Aber sichtbar werden auch die Unterschiede der Künstler, der männlichen und weiblichen Perspektive.

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