Generation OK

von Salomé Balthus

 OK
Irgendwie OK
Total OK
Echt OK
Echt total OK
Sowas von OK
OK?
Eigentlich nicht OK
Nicht so OK
Nicht ganz OK
Nicht so ganz OK
Überhaupt nicht OK
Total nicht OK
Gar nicht OK
Nicht OK

Oder eine Orgie

 

OK: OK ist, wenn etwas OK ist. Ist etwas OK, dann ist das: unter Kontrolle.

OK heißt: kein Thema. OK bedeutet, darüber muss nicht mehr nachgedacht werden. Das ist OK, heißt, denken Sie nicht drüber nach, da haben andere schon drüber nachgedacht und das passend gemacht. Sonst wäre es ja nicht OK. OK heißt, das passt. OK passt immer! OK ist die Passform schlechthin. Wer über OK-es nachdenkt, verschwendet kostbare Zeit. Und das wäre gar nicht OK.

OK heißt, damit muss man sich nicht beschäftigen. Es ist OK, OK zu sagen, wenn einen etwas nicht interessiert.  Das Ok-e fordert nicht unseren Ärger, unsere Wut, unseren Eifer und auch nicht unseren Jubel. OK ist mild. OK will nicht Empathie und schon gar keine heftige. Regen Sie sich nicht auf, das ist OK. Sei nicht traurig, das ist schon OK. Wie sehe ich aus? –OK. Wie findest du das, ja, wie findest du denn das?! – OK. Ich verlasse dich! – OK. Wie war denn das große Abenteuer Ihres Lebens? – OK. Na dann, kusch, geh wieder an deine Arbeit! – OK.

OK wird niemals von Ihnen verlangen, eine Haltung einzunehmen.

OK kennt nur OK. Wer OK ist, kann tun, was er will, er ist ja OK, oder, noch schlimmer, IRGENDWIE OK.

OK wird Ihrem Ruf niemals schaden. Ihr Lebenslauf sollte auf jeden Fall OK sein. Sie selbst sollten stets OK sein. Denn sonst wären Sie ja nicht OK.

OK sagt, egal was Sie tun, haben Sie sich unter Kontrolle. Die Gefühle. Sind OK. Aber nur, wenn sie OK sind. Es ist OK, keine Meinung zu etwas zu haben. Nicht jede Meinung ist OK. Aber keine Meinung ist immer OK. Also ist es OK, immer keine Meinung zu haben. Es ist schließlich das Recht eines jeden, sich aus allem heraus zu halten.

So halten es alle, die zwischen 18 und 38 sind. Und also OK für alle Einsatzgebiete. Für alle Einsatzgebiete, die OK sind, versteht sich. Diese ganze Generation ist ja so was von OK. Sie führen das Wort „OK“ ständig im Munde. Bei jeder Gelegenheit. Sie kriegen es irgendwie hin, immer OK zu sein, IRGENDWIE OK. Es ist die GENERATION OK.

Wofür sollte man ihnen auch zurufen: Brenne, deutsche Jugend, brenne! Das erinnert ja wieder an Zeiten, die nicht OK waren. Und wofür sollten sie denn brennen?  Etwa für Dinge, die nicht OK sind? Aber Dinge, die OK sind, lassen nun mal gerade kein Herz in Flammen aufgehen. Das wäre wider ihre Natur, denn: Großbrände sind nicht OK.

Sie meinen, ich spräche von meiner Generation, als gehörte ich nicht dazu? Wissen Sie, ich habe mir von niemandem als eben dieser Generation selbst oft genug anhören müssen, ich sei NICHT OK. Was könnte ich da erwidern? Habe ich diese Kategorien vielleicht erfunden? Voilà: Dass ich NICHT OK bin, sehe ich als evident an.

Einsamkeit ist nicht OK. Hass ist nicht OK. Sucht ist nicht OK.

OK, OK, OK! Was hat das denn mit Erotik zu tun? Zu sagen, Erotik wäre OK, mag OK sein. Aber OK ist nicht erotisch. Überhaupt nicht. Kein Bisschen. In der Erotik ist nämlich das, was OK ist, überhaupt nicht OK.

Also entweder Sie sind OK, oder Sie sind erotisch.

Da müssen Sie sich schon entscheiden.

Freudenfrauen

Was unserer frustrierten Gesellschaft fehlt.

Von Paloma da Ponte

Egon Schiele „Freudenmädchen“ 1914 © Albertina Wien

Die Geradlinigkeit des Mannes stößt – trotz gelegentlicher Brutalitäten – allgemein auf wenig Bedenken. Die Frau als irrationales und emotionales Wesen dagegen wird als eine Bedrohung der funktionalen Gesellschaft gesehen.
Verdächtigerweise denkt sie irgendwie anders, ihre Logik ist nicht nachvollziehbar, und ihre Allüren und Eskapaden können jeden Mann zur Weißglut treiben. In ihrem Charakter zutiefst unberechenbar ist die Frau immer eine Gefahr, potentieller Brandherd und Unruhestifterin, im harmlosesten Fall die ständige Nervensäge, die den reibungslosen und effizienten Ablauf der Dinge sabotiert.

Da verwundert es nicht, dass diese unsichere Kandidatin Frau seit alters her für nicht ganz voll genommen wird. Unermüdlich hat der Mann versucht, ihr Vernunft beizubringen.
Leider mit nur mäßigem Erfolg. Selbst in Zeiten der Gleichberechtigung gibt sich das widerborstige Wesen nicht zufrieden. Die Warteräume der Psychiater sind überfüllt mit labilen, von unerklärlichen Zuständen und Ausbrüchen heimgesuchten Frauen, der Konsum von Psychopharmaka in der weiblichen Klientel ist enorm.
Was läuft hier falsch? Die gewitzte Tochter des Hysteria-Arztes Dr. Dalrymple bringt es auf den Punkt: Die weibliche Hysterie gibt es nicht. Es gibt nur von ihren Männern sexuell nicht befriedigte Frauen.
Die unterdrückte Sexualität als des Pudels Kern? Aber hatten wir nicht Freud und Konsorten, die diese Crux hinlänglich aufgeklärt haben? Eine sexuelle Revolution, welche die Fesseln der Lustfeindlichkeit sprengte, Tabus und Schamhaftigkeit pulverisierte?
Offensichtlich hat diese Aufklärung nicht ausgereicht. Weibliche Lust und Sinnenfreude stehen immer noch im Zwielicht, gefürchtet und abgewertet. Frustrierte und Besessene, verstohlene Verehrer und verbitterte Verächter – Geschädigte zuhauf tummeln sich in beiden Lagern.

 

Dante Gabriel Rossetti „Lilith“ © Tate Gallery London
Dante Gabriel Rossetti „Lilith“ © Tate Gallery London

Kleiner Fehltritt mit Folgen

Schon Henry Miller forschte nach der Ursache dieses alarmierenden Missstandes. Der wagemutige Vorreiter sexueller Befreiung sprach sich vehement gegen ein profanes Verständnis des Sexuellen aus und erklärte, alle Obszönität müsse sinnvoll auf einen höheren Zweck, eine religiöse Dimension ausgerichtet sein.
Damit sind Kirche und christliche Religion als Sündenbock schnell ausgemacht: Die Basisideologie der westlichen Gesellschaften fußt auf der fundamentalen Ausgrenzung der spirituellen, transformativen Kraft des Sexuellen. Die Frau und ihre Sinnlichkeit wird seit Evas Eskapade mit dem Teufel in Schlangengestalt auf ewig schuldig gesprochen am Unglück der Welt, sie wird zum Inbegriff der Sünde und Verwerflichkeit.
Evas kleiner Fehltritt wurde zum Alibi-Argument der Männergesellschaft, den Frauen sei per se einfach nicht zur trauen. Die Frau als Personifizierung des  Sündenfalls, als Bündnispartnerin des Teufels muss dominiert und domestiziert werden – so die männliche Logik. Der Geschlechterkampf ist entfacht. Er überdauert Aufklärung und vermeintliche Emanzipation und führt uns auf direktem Wege in das fatal verkappte Patriarchat der Gegenwart.

Bartolomeo Veneto „Flora als Kurtisane“ © Städel-Museum Frankfurt Main
Bartolomeo Veneto „Flora als Kurtisane“ © Städel-Museum Frankfurt Main

Huldigung an Aphrodite

Der männlich dominierten Sexualwelt fehlt also die spirituelle Dimension. Hier betritt die heilige Hure das Parkett. Mit Nancy Qualls-Corbett, Psychologin und Autorin des Kult-Buches ‘The Sacred Prostitute’, machen wir einen Ausflug in die griechische Antike.
Die alten Hellenen praktizierten in ihren Tempeln einen ausgeklügelten Initiations-Ritus, mit dem die unschuldigen Mädchen in den Stand der Frau erhoben wurden. Zentrale Komponente der rituellen Frauwerdung war dabei die sexuelle Vereinigung der Kandidatinnen mit ihnen unbekannten Männern. So jedenfalls die Legende.
Aus heutiger Sicht ein skandalöser Vorgang, ein ungeheuerlicher Akt der Erniedrigung, die willkürliche Vergewaltigung jugendlicher Unschuld in einer (wie es scheint) brutalen, unzivilisierten Gesellschaft. In den Augen der Antike hingegen ein zur weiblichen Entfaltung unerlässlicher Vorgang, die magische Vereinigung der geschlechtlichen Gegensätze in der sexuellen Hingabe und die erst damit mögliche Öffnung des Menschlichen zum Göttlichen. Pflichtübung und huldreiche Verneigung vor der Schirmherrin Aphrodite.

Rituelle Hingabe an das phallische Biest

Die heilige Hure als versöhnende Heilerin von Sexualität und Spiritualität? Die Kraft der Sexualität, die freigesetzt den Zugang zu unterbewussten, transformativen Schichten des Mystischen eröffnet?
Die Hingabe an das phallische Biest, die rituelle Vereinigung im Liebesakt mit dem unpersönlichen Fremden erst macht das Mädchen zur Frau, führt sie zu ihrer Weiblichkeit und nimmt ihr die Furcht vor dem Männlichen.
Vor allem aber etabliert der rituelle Akt die Frau und ihre Sexualität als integralen Bestandteil der antiken Lebenswelt. Die Notwendigkeit der kosmologischen Verbindung zur göttlichen Dimension ist essentiell im Denken des antiken Menschen. Die Frau spielt dabei als Kontaktperson zur Götterwelt den entscheidenden Part. Sie wird geehrt und respektiert.

Republik der unerfüllten Liebe

Zurück in die Gegenwart, im Schatten der lustfeindlichen Doktrin abendländischen Denkens. Kirche und Staat haben die Göttinnen abgeschafft und die Frau als mystisches, sexuelles Wesen in die Verbannung geschickt. Die Riten des Altertums, welche die körperliche Lust als heilsames und wertvolles Bindeglied zu spirituellen Lebensquellen pflegten, sind vergessen. Die Lust ist tabuisiert, profanisiert, zur Sünde oder Unschicklichkeit erniedrigt.
Diese gründliche Verdrängungskunst bescherte uns ein System der von unerfüllter Liebe Getriebenen, die fasziniert den Reiz des Weiblichen suchen, aber zugleich, von Zwang der Abwertung beherrscht, das Weibliche fürchten und verachten. Diese verlorene Lust-Verehrung plagt die Seele und verwandelt Menschen in rastlose Effizienzmaschinen, die ihre eigene Sehnsucht verfluchen.
Die essentielle Versöhnung der Geschlechter über die sexuelle Transformation, die Vereinigung weiblicher Kreativität und männlicher Kontinuität bleibt aus.

In der modernen Demokratie ist der Frau zwar gestattet, Karriere zu machen bis hin zur Bundekanzlerin, um ein zweckdienliches Mitglied der Gesellschaft zu sein.
Doch sobald sie ihren Charme und ihre Scham, ihren Kopf und ihre Koketterie, ihre Schönheit und ihre Geilheit dazu einsetzt, sich und andere zu höchster Lust zu beflügeln, wird dies nicht als heilbringend und heilig bewertet, sondern nur als Hurerei.
Die Priesterin der Lust, die Prostituierte, sieht sich verfolgt, verachtet und verboten.
Nun denn, Ihr Kleingeister, wenn Ihr uns schon nicht als Göttinnen akzeptiert, dann doch wenigstens als Teufelsweiber!

Ernst-Ludwig Kirchner „Tanzpaar“ 1914 © Kirchner Museum Davos
Ernst-Ludwig Kirchner „Tanzpaar“ 1914 © Kirchner Museum Davos

Dirty Harry Hamlet

Notizen zu meinen Besuch von „Hamlet“,  frei nach William Shakespeare auf der Schaubühne Berlin.
Von Greta Brentano
Thomas Ostermeier inszeniert die Tragödie als Farce und beweist: Katastrophe und Klamotte sind die zwei Gesichter des Januskopfes, den wir das „Leben“ nennen.
Hamlet ist der Kronprinz unter den Psychopathen, ein ödipaler Berserker.
Fürchterlich und lächerlich wie alle Tyrannen.
Ein Wüstling, der seine Wollust durch Weinerlichkeit kaschiert.
Mal Narr mal Nerventöter, einer, der die Worte nicht halten kann – bis zum Elendsende in Schweigen.
So erweist sich der Held des Weltekels als das Ekel dieser Welt.
(Ein Andreas Bader, ein bis zum Selbsthass selbstverliebter bramarbasierender Kotzbrocken, nur weitaus gewitzter und wortgewaltiger als jener Hahn-im-Korb der RAF).

Lars Eidinger hat den Hamlet neu erschaffen: einen  Weltverbesserer im Wahnsinn. Aber auch ein Wahnsinns-Typ. Ein Superstar auf diesen Brettern, die Welt als Bühne deuten, um der Wirklichkeit die Schau zu stehlen.
Großartig  und genial: die Geräuschkulisse und das Bühnenbild, die hier zur Einheit werden.
Anrührend: Judith Rosmaier als Hamlets  Mutter Gertrud und Geliebte Ophelia in einer Person, die sich sensibel doch selbstvergessen zum Opfer der Macho-Macht-Perversionen macht: die Pussy des „Ödipus Hamlet“.
Die vier Jahre alte Inszenierung wirkt spontan und authentisch – frei von Routine. Nur das Publikum ist zahmer geworden: kein einziges „Buh“- dafür viele Lacher, Bravo-Rufe; Bereitschaft zum spontanen Mitspiel und frenetischer Applaus.

Regie: Thomas Ostermeier
Bühne: Jan Pappelbaum
Kostüme: Nina Wetzel
Musik: Nils Ostendorf
Licht: Erich Schneider
Hamlet: Lutz Eidinger
Gertrud und Ophelia: Judith Rosmair
Premiere: 7. Juli 2008 in Athen
Karten: +49 (0) 30. 89 00 23; www.schaubuehne.de
Schaubühne am Leniner Platz, Kurfürstendamm 153, 10709 Berlin

Fazit: Schein oder nicht Schein, das ist hier die Frage.