Vortrag am I. f. Erotosophie zu Berlin. Vortragende: Salomé B.

Lob der lustvollen Schwestern

 

Guten Abend meine Damen und Herren!

Darf ich bekannt machen? Nein, keine Person ist es, die ich Ihnen ankündige – sondern ein wissenschaftliches Phänomen. Dieses wird Ihnen zwar nicht unbekannt sein – was mein Unterfangen, es Ihnen vorzustellen zugegebener Maßen erschwert, wenn nicht unmöglich macht. Doch wenn ich Ihnen nun sage, dass Erkenntnis auf Wiedererkennen beruht, dass wir also auch neues Wissen nur aufnehmen, wenn wir uns paradoxerweise an ein früheres Erlebnis erinnern? Dessen seien Sie also eingedenk, wenn ich Sie jetzt an das besagte Phänomen erinnere, das Ihnen bekannt sein dürfte, das aber bislang wenig beachtet, ja vernachlässigt geblieben ist – selbst an unserer überaus progressiven Lehranstalt… Doch ich komme nun zur Sache!

Der Mensch erscheint bekannter Weise symmetrisch gewachsen. Die Rede ist von der Symmetrie des menschlichen Körpers. Er hat eine Mittellinie – natürlich ist es nur eine gedachte Linie. Sie verläuft vom Scheitel bis zur der Stelle, wo die Beine abzweigen, und an der Wirbelsäule entlang wieder zum Scheitel. Links und Rechts dieser Spiegelachse sind die Gliedmaßen angeordnet, Arme und Beine, Hände und Füße. Es gibt eine linke Hand, die den Daumen rechts hat, und ihr Gegenstück auf der anderen Seite. Es gibt überhaupt nichts an unserer äußeren Gestalt, das sich der Symmetrie der Spiegelachse entzieht.

Jetzt werden Sie vielleicht sagen: Halt! Der Mensch hat wohl zwei Beine und Arme, aber doch nur einen Kopf! Dem will ich entgegnen: Gewiss, aber was findet sich in diesem Kopf? Zwei Gehirnhälften! Und auch der Kopf selbst ist durch und durch symmetrisch: links und rechts die Ohren – und das Gesicht mit seinen zwei Augen und Wangen. Zugegeben: Es gibt nur eine Nase, aber diese hat zwei Nasenlöcher! Es zeigt sich nur ein Mund, aber seine Lippen sind idealer Weise symmetrisch geschwungen. Je symmetrischer ein Gesicht, desto attraktiver erscheint es uns. Symmetrie bedeutet nicht nur Ordnung und Schönheit, sie ist auch notwendig für die Balance des Bewegungsapparats. Der Mensch verfügt über zwei parallele Füße mit spiegelgleich ausgefächerten Zehen; er hat zwei nahezu gleichlange Beine, die in ihrem Übergang in den Rumpf die Gesäßbacken bilden. Jene werden von der Mittellinie regelrecht gespalten, und dieses ausdrucksstarke Gebilde nennt sich korrekterweise und symmetrisch formuliert: Popo.

„Ein Po allein macht noch keinen Analverkehr!“, wie unser ehrwürdiger Dekan kürzlich in seiner Habilitationsschrift konstatierte. Auch die Geschlechtsorgane sind Objekte besonders raffinierter Spiegellungen: Zwei Hoden entsprechen zwei Paar Schamlippen. Aber warum gibt es immer nur einen Penis und nur eine Vagina? Auf diesen Einwand habe ich natürlich gewartet, aber so leicht irritiert man mich nicht, denn immerhin dürfte doch auch einem Blinden auffallen, dass sich diese beiden, nennen wir sie Organe, genau auf der Mittellinie befinden, auf der gestrengen Symmetrie-Achse, von der ich nicht unbedingt behaupten möchte, sie wäre die Leitlinie unserer äußerlichen Gestalt, aber als von einem Grundgesetz würde ich bei der Symmetrie schon sprechen wollen.

Wie sieht es nun im Inneren des Körpers aus? Zwei Mandeln, Bronchien, Lungenflügel, auch zwei Nieren – wundervoll! Symmetrisch angeordnet – alles Bestens. Aber sonst, man fasst es kaum: komplettes Chaos! Wie seltsam und unförmig sind die inneren Organe! Nur eine Leber, ein Magen und auch nur ein Herz! Und sonst ein wirres Geschlinge von Gekröse, dessen Hässlichkeit und Unordnung im krassen Widerspruch steht zur äußeren Gestaltung des Menschen. Warum dieses innere Tohuwabuhu? Es ist ja gerade so, als hätte jemand in das äußerlich fertige und symmetrisch perfekte Wesen die restlichen Organe einfach so hineingestopft – wenigstens den Darm hätte man doch zu einer ordentlichen Rolle aufwickeln können… aber wer wäre hier schon ernsthaft zur Verantwortung zu ziehen? Etwa Gott, dessen Existenz wir an unserer Universität so entschieden negieren? – doch ich schweife ab…

Ich möchte mich nun einem besonderen Bereich des Körpers widmen, wo die Symmetrie den Höhepunkt ihrer Präsenz erreicht: Dies ist der Brustbereich. Der Busen, meine Damen und Herren! An diesem befinden sich zwei Punkte – einander gegenüber gemäß der Symmetrie. Sie sind erhaben, zart oder intensiv gefärbt, sie sind delikat – Sie werden mir zustimmen, dass sie eine Zierde sind. Von der deutschen Sprache wird diese Zierde undankbarer Weise mit der Bezeichnung Brustwarzen verunziert. Warzen! Eine der schmucksten Körperstellen des Menschen muss sich mit einer Hautkrankheit gleichsetzen lasse! Doch ich kann mich hier nicht damit aufhalten, sämtliche sprachliche Missstände anzuprangern, die am Rande des Weges der Erkenntnis liegen.

Die Symmetrie der Brustwarzen ist nicht nur eine optische, sondern auch, wie ich gleich demonstrieren werde, eine nervlich-sensuelle. Denn was hier eine Seite empfängt, dessen bedarf immer auch die andere. Streift man eine der beiden Brustwarzen mit dem Finger bloß zwei oder drei Mal, so wird sich nicht nur eine gesteigerte Sensibilisierung bei dieser einstellen, sondern auch ein Gefühl des Bedarfs, der Vernachlässigung und des Mangels von Seiten ihrer symmetrischen Schwester. Ganz anders, wenn man sich ein Auge reibt: Hat man dann sogleich das Bedürfnis, auch das zweite zu reiben? Oder würde etwa das Zupfen an einem Ohrläppchen ein unwiderstehliches Verlangen in seinem Brüderchen auf der gegenüberliegenden Schädelseite auslösen? Davon kann doch gar nicht die Rede sein! Und auch unsere Beine ertragen gern ein ungleiches Maß an Beanspruchung, weshalb es ja kaum etwas ausmacht und auch nicht an der Weltordnung kratzt, dass es ein bevorzugtes Sprungbein gibt.

Bei den Händen ist die Ungleichheit bestimmend, und sie hängt auf verschlungenen Wegen mit den beiden Hälften oder Seiten des Gehirns zusammen, kurz: Die ganze Körpersymmetrie hat keine nervlich-empfindsame Übereinstimmung, nur bei den Brüsten gibt es dieses typische Streben nach Harmonie wie bei eineiigen Zwillingen. (Hat sich nicht einst ein poetischer Kopf, der von den Brüsten seiner Geliebten sprach, zu einem Vergleich wie „zwei Rehzwillinge“ verstiegen?). Die Reizung in der einen erhöht nicht nur deren eigene Empfindsamkeit und schürt das Verlangen nach weiteren Stimuli, sondern sie bewirkt dies ebenso in der anderen, der nicht berührten Zwillings-Mamilla. Optisch lässt sich dann bei der gereizten Brustwarze eine Verhärtung und Erhebung feststellen, die bald darauf auch die andere ergreift. Nicht zu Unrecht wird diese Reaktion als Erektion der Brustwarzen bezeichnet. Je länger die einseitige Stimulans anhält, umso dringender wird das Bedürfnis nach Ausgleich, nach Gerechtigkeit. Man versuche es deshalb auch durch Kitzeln, Kneifen oder Beißen. Möglichst sollten zunächst die zaghaften und zärtlichen Berührungen erfolgen, hernach die immer stärkeren.

Ein idealtypischer Reizverlauf stellt sich, zumindest für meine Person, folgendermaßen dar: Erst sollte die Spitze der noch nicht erigierten Warze leicht beklopft oder angetippt werden, dann sanft gestreichelt, bis sich eine Erektion derselben einstellt. Danach: Umkreisen mit dem Finger sowie zunächst sanftes, dann stärker werdenden Kneifen. Das Kneifen darf längere Zeit anhalten, da es die Durchblutung anregt. Damit ist die Warze vorbereitet auf den Einsatz der Zunge und der Zähne, auf Lecken und Nagen, das sich in der Intensität behutsam steigern sollte, über mindestens fünf Minuten. Schließlich ist die Erektion der Warze auf das Umfeld der jeweiligen Brust übergegangen, und die solchermaßen hart angeschwollene Brust verträgt, ja verlangt nach noch stärkerem Kneifen, nach Kneten mit Fäusten und sogar nach Schlägen. Spätestens an diesem Punkt wird sich bei sensiblen Menschen mitunter ein schlechtes Gewissen einschleichen, jedoch nicht aus Mitleid mit der traktierten Brust, sondern mit der anderen, die man vernachlässigt hat, und deren Gleichbehandlung man schleunigst nachholen sollte, ohne sich erst bitten zu lassen. Nur die ganz unbegabten Anfänger im Bereich der Busenerotik muss ich immer noch ermahnen: Die andere Seite auch!

Auf diese Weise erreichen wir das Stadium neuro-sensitiver Symmetrie, welches undenkbar wäre bei etwa einem Kuss auf die Wange, und das einzig und allein im Bereich der Brustwarzen zu beobachten ist.

Dieses Phänomen, das Ihnen zwar nicht unbekannt sein dürfte, an das ich Sie aber dennoch erinnern möchte, wird von der Forschung so wenig beachtet, dass es noch nicht einmal einen Namen hat. Darum sieht die Verfasserin sich in der Pflicht, es nun wissenschaftlich auf den Begriff zu bringen.
Intuitiv ist man vielleicht geneigt, es einfach Gleichseitigkeit zu nennen – doch dieser Begriff gehört bereits der Wissenschaft der Geometrie, wo er beispielsweise für Dreiecke angewandt wird. Um eine Verwechslung mit jener besonderen, sehr exakten Gleichseitigkeit der Mathematik auszuschließen,  nehme ich also Abstand von dieser Vokabel. Als Alternative bietet sich an, dem in Frage stehenden Phänomen den Namen Beidseitigkeit zu verleihen. Dies erwägend, fiel mir jedoch die Unsinnigkeit des aus der Umgangssprache stammenden Ausdrucks auf, da es sich dabei um nichts geringeres als eine Dopplung handelt – denn wenn von Seiten die Rede ist, so ist es evident, das es nicht nur eine, sondern (mindestens) zwei geben muss, und beide im Begriff gemeint sind – sonst müsste man wohlweislich von Einseitigkeit sprechen.

Jacopo Robusti „Tintoretto“: Bildnis einer Frau mit entblößter Brust
Jacopo Robusti „Tintoretto“: Bildnis einer Frau mit entblößter Brust

Der Begriff Beidseitigkeit erscheint mir daher unsinnig; ein solcher Terminus sollte zumindest aus wissenschaftlichen Kontexten verbannt werden. An diesem Punkt der Überlegung liegt der richtige Begriff aber nun endlich auf der Hand:

x (unbekanntes Phänomen) sei genannt: Die Seitigkeit.

Definition D(x): Die Seitigkeit beschreibt die besonderen, diplomatischen, nervlich-sensuellen Beziehungen zwischen der linken und rechten Brustwarze.

Sicher wird diese profunde Erkenntnis in der progressiven Atmosphäre unserer Universität auf fruchtbaren Boden fallen. – Ich Danke für Ihre Aufmerksamkeit!

 

 

Erwiderung des Prof. Dr. P.

Leiter des Graduiertenkollegs für Historische Perversionen und des Sonderforschungsbereiches für Sexualpragmatismus

 

Geschätzte Kollegin – Madame!

Zunächst beglückwünsche ich Sie zu Ihrem wissenschaftlichen Ehrgeiz, mit dem Sie zügig voranschreiten, unsere Fakultät zu bereichern! Bei zahlreichen Veranstaltungen im Rahmen des Instituts sind Sie uns bereits mit Ihrer Spontaneität und Ihrer, nun, nennen wir es Frische, positiv aufgefallen. Dies sei vorausgeschickt, und auch die Versicherung meiner persönlichen Sympathie, wenn ich mir nun erlaube, kritisch auf Ihren Beitrag einzugehen:

Wenn von einer Symmetrie in Bezug auf den Menschen die Rede sein soll, dann kann dies bei diesem konkreten Wesen nur näherungsweise zutreffen, die Werte liegen im Bereich der Annäherung. Daraus machen Sie nun, wenn ich mir den Kalauer erlauben darf, vor allem die Annäherung des einen Menschen an den anderen bzw. der potentiellen Geschlechtspartner.  Ich bitte Sie, verehrte Kollegin, die Reizbarkeit der von ihnen bezeichneten Drüsen ist nicht in einem ästhetischen Konzept wie dem der Symmetrie begründet, sondern hat seine guten Gründe an anderer Stelle. Auch den Begriff, den Sie gefunden haben, erscheint mir etwas unglücklich: „Seitigkeit“ – das erinnert bei ungenauem Hinhören doch zu sehr an Seichtigkeit, finden Sie nicht?  –

Peter Paul Rubens: Cimon und Pero 1625
Peter Paul Rubens: Cimon und Pero 1625

Liebe Freundin,  Sie haben Ihre Brust nicht nur zum Spaß! Was Sie mit Ihren Überlegungen vollständig vernachlässigen, ist der Säugetieraspekt, die animalische Natur von uns allen. Der Mensch ist, solange nichts Gegenteiliges festgestellt wurde, ein Tier, und zwar ein Säugetier – so genannt, weil wir genau wie andere Säugetiere uns an den Brüsten unserer Mütter genährt haben. Dass die Frau zwei Brüste hat, erkennen wir als Ergebnis der Evolution: Dieses eine Paar ist den Hominiden geblieben von den vielfachen, reihenweise angeordneten Brüsten, bzw. Zitzen beispielsweise mancher Huftiere. Die Ursache begründet sich durch die im Verlauf der Höherentwicklung der Gattungen abnehmende Größe des Wurfes – mich amüsiert übrigens dieses Wort: Wurf – als ob die Mutter ihre Neugeburt von sich schleudern würde!

Nun ja. Jedenfalls, der von Ihnen so aufgeweckt entdeckte Zusammenhang der Reizbarkeit dient dem saugenden Säugling, und zwar nicht bei einem ziellosen, gar hedonistischen erotischen Kontakt, wie Sie es beschreiben, sondern dem Saugen von Muttermilch. Warum, glauben Sie, inspirieren Brüste wie die Ihrigen zu diesem sentimentalen, für die sexuelle Reproduktion komplett irrelevanten Nuckeln? Es ist die Erinnerung, oder das Wiedererwachen eines Urinstinkts! Das Nuckeln des Neugeborenen an der einen Brust regt die Milchproduktion in der andern Seite mit an. Eventuell ergreift der Säugling auch die Gelegenheit, während des Trinkens nach der benachbarten Brustwarze zu grapschen und damit zu spielen. All dies führt dazu, dass die zweite Brust schon auf das Stillen vorbereitet ist, wenn der Milchfluss in der ersteren versiegt, und die Mutter ihr Kind gewissermaßen an der Ersatzbrust anlegt.

Spontane Äußerung der Nachwuchsforscherin B., die es ihr Wert erscheint, ins Protokoll dieser Sitzung aufgenommen zu werden:

Oh, ich gebe es ja zu – Sie haben mich ertappt! Der Gedanke an Mutterschaft war mir in Anbetracht meiner Brüste noch gar nicht in den Sinn gekommen. Ein klassischer Fall von Verdrängung, wie mir jetzt aufgeht. Muss ich mich einer Psychotherapie unterziehen?

 

Kommentar von Heiko B. Berlin (August 2013)

Was Prof. Dr. P. allerdings übersehen hat, ist die ‚erotische‘ Komponente der Stimulation. Für das Fortpflanzen (wieso eigentlich “pflanzen”?!) und Säugen ist diese ja wohl gänzlich unnötig, und dass die Paarhufer die Zitzen ihrer Damen mit den Hufen zur Brunft stimulieren wäre mir doch neu! Wohl war ihm nicht präsent, dass von den Brüsten der Frauen die ganz besondere Energie ausgeht, die ihre köstlichen Organe der Lust im Bauch zum Glühen bringen. Und zwar symmetrisch. Schließlich haben Frauen keine Doppelreihen-Motoren, die auch funktionieren, wenn eine Zylinderreihe keine Zündung erfährt! Daher behaupte ich, dass es sich hier um eine zutiefst in sich verbundene Einheit von – wenn auch verteilten – Körperteilen handelt. Schließlich gibt es keine linke oder rechte Seite der Lust!

Außerdem unterscheidet den Menschen vom Tier eben genau die Freude an der Lust ohne den Zweck des Säugetierischen, mithin ganz irrational, subjektiv und – göttlich! Falls das noch nicht überzeugen sollte, gestatte ich mir noch den Hinweis auf den besonders erotischen Bereich der analen Freuden. Hier ist wohl keinerlei Argument mehr zu finden, wozu das evolutionär oder sonst wie seriös gut sein sollte. Aber wozu auch? Hier ist in Steigerung des Bisherigen sogar eine Punktsymmetrie zu genießen, deren gekonnte Stimulation durchaus zur (positiven) Weißglut führen kann. Wenn das nicht göttlich-menschlich ist, was dann? Und was interessiert uns dann eigentlich noch das mit dem Säugetierischen.

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Buchtipp: Philip Roth „The Breast“ (Die Brust)
Holt, Rinehart & Winston, New York 1972

Übersetzung: Kai Molvig
Carl Hanser Verlag, München / Wien 1979
Rowohlt Taschenbuch, Reinbek 2004
ISBN 3-499-23833-0, 94 Seiten, 6.90 € (D)

 

 

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