Vier Musen küssten Kandinsky

Vier Frauen sind es, die in den 30er und 40er Jahren für die Entstehung der drei großen Sammlungen Moderner Kunst gesorgt haben: die Sammlung „Blauer Reiter“ des Lenbachhauses in München, das Guggenheim Museum in New York und das Centre Pompidou in Paris. Diese drei Museen sind auch die Initiatoren der Kandinsky Ausstellung in München, New York und Paris.

Dabei ist Kandinsky nicht nur einer der wichtigsten Maler aller drei Sammlungen, sondern vor allem ihr Ausgangspunkt.

Die Kunstszene zum Anfang des 20. Jahrhunderts, ist in ihrer revolutionären Leistung nicht geringer einzuschätzen, als die der Renaissance im 15. und 16. Jahrhundert. Fast 600 Jahre wurde, wie die Kunsthistoriker sagen, „nach der Natur gemalt“. 1907 entstand von Picasso das erste berühmte kubistische Bild nämlich „Les Demoiselles d’Avignon“. 1909 wurde das futuristische Manifest veröffentlicht. 1910 malte Wassily Kandinsky sein erstes expressionistisches, abstraktes Bild und nur wenig später entstand der Surrealismus, geprägt von Malern und Bildhauern wie Max Ernst, Salvador Dali, Yves Tanguy, René Magritte, Giorgio de Chirico u.a. Trotz zweier Weltkriege und trotz Faschismus, hat sich die Moderne Kunst, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts entstand, durchsetzen können. Dazu haben unsere vier Protagonistinnen einen entscheidenden Beitrag geleistet, der von der Kunstgeschichte oft unterschätzt wird: Gabriele Münter, Hilla von Reba, Peggy Guggenheim und Nina Kandinsky.

 

Gabriele Münter

Sie ist Berlinerin, 1877 dort geboren und war, wie man im Referat der Kuratorin des Lenbachhauses am 20. Februar gehört hat, von 1903 bis 1914 erst Schülerin und dann Lebensgefährtin von Kandinsky, der seinerzeit noch verheiratet war. 1911 entstand, auf Initiative von Kandinsky zusammen mit Münter und Franz Marc, der „Blaue Reiter“, dem sich die beiden ebenfalls russischen Maler Alexej von Jawlensky, Marianne von Werefkin, sowie Alfred Kubin und später Paul Klee und August Macke anschlossen. Die bedeutendste Sammlung des Blauen Reiters besitzt das Lenbachhaus, das dadurch in punkto Moderner Kunst mit dem Guggenheim und dem Centre Pompidou auf Augenhöhe liegt, den beiden wichtigsten Partnern der Ausstellung Kandinsky. Absolut. Abstrakt.

Ohne die Schenkung von Gabriele Münter hätte das Lenbachhaus heute keine Sammlung des Blauen Reiters, die einen Milliardenwert darstellt und wäre ein ganz normales, städtisches Museum in München. Und das kam so:

1914 hat es zwischen Münter und Kandinsky immer wieder Zerwürfnisse gegeben, die schließlich zur Trennung führten. Kandinsky musste genauso wie Jawlensky mit von Werefkin als Russen Deutschland verlassen, Münter folgte Kandinsky noch nach Zürich und dort war der Bruch dann endgültig.Für Gabriele Münter war diese Trennung das Drama ihres Lebens. Sie wanderte ins neutrale Schweden, nach Stockholm aus, in der Hoffnung Kandinsky dort wieder treffen zu können.

Sie schrieb eine große Zahl von Briefen, die schließlich dazu führten, dass Kandinsky einwilligte, mit ihr in Stockholm nochmal zusammenzutreffen. Allerdings hatten er und sie ganz andere Ambitionen. Sie wollte Kandinsky zurückgewinnen und er seine Bilder, samt seinen vielen Notizbüchern, Skizzen für künftige Werke, unzählige Briefe etc., die er ihr seinerzeit überlassen hatte. Der Streit zwischen den beiden nahm an Heftigkeit zu, da Kandinsky 1917 seine zweite Frau Nina heiratete und ab 1921 mir ihr zusammen wieder nach Deutschland zurückkehrte und Professor am Bauhaus in Weimar wurde. Münter fühlte sich vor aller Kunstöffentlichkeit desavouiert und klammerte sich an Kandinsky’s Kunstwerk, quasi als Erinnerung an die schönste Zeit ihres Lebens und als Ersatz dafür, dass sie ihn nicht zurückgewinnen konnte.

Zehn Jahre mühte sich Kandinsky erst im Guten, dann über Anwälte und schließlich über die Gerichte, wieder in den Besitz seiner Bilder zu gelangen. Kandinsky hielt sich für den Erfinder der Abstrakten Kunst und wusste natürlich, dass ihm in seiner Münchner und Murnauer Zeit etwas epochal Neues gelungen war, das er nicht wiederholen konnte.

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber ich halte die ersten expressionistisch abstrakten Bilder von Kandinsky, die noch sehr nahe an der Gegenständlichkeit liegen, für seine besten und emotional am bewegendsten. Je mehr er nachdachte und je mehr er darüber schrieb, umso konstruierter wirken seine Bilder und umso mehr wurden sie dann auch nachgeahmt.

1926 gab es dann eine Gerichtsentscheidung, mit dem bekannten Ergebnis: Münter durfte einen großen Teil der Bilder von Kandinsky, seine gesamten Notizbücher, Briefe, Hinterglasbilder, Handzeichnungen usw. behalten, die heute den Grundstock der Sammlung „Blauer Reiter“ des Lenbachhauses bilden. Wäre Kandinsky mit Münter zusammengeblieben oder wäre Münter nicht so unnachgiebig geblieben, gäbe es heute mit großer Sicherheit keine Sammlung „Blauer Reiter“ im Lenbachhaus. So ist die große Enttäuschung einer Frau und sicher auch eine gehörige Portion Eifersucht auf die jüngere und hübschere Nina Kandinsky zur Grundlage einer der schönsten und wertvollsten Kunstsammlungen der Welt geworden.

 

Hilla von Rebay

Die elsässische Baroness Hilla von Rebay war die erste Kuratorin und Gründerin des Guggenheim in New York. Sie gehört zu den entscheidenden Persönlichkeiten neben Alfred H. Barr, dem ersten Kurator des Museum of Modern Art in New York, welche die abstrakte Kunst in den USA bekannt gemacht hat. New York wurde nach 1940, vor Paris zum Zentrum der modernen Kunst. Von Rebay hat mit den enormen Einkaufsbudgets, die ihr zur Verfügung standen, unzählige berühmte europäische Künstler nach 1933 bis zum Ende der 40er Jahre vor dem Ruin bewahrt. 20.000 Bilder haben allein die Nazis in den Museen konfisziert, Malund Ausstellungsverbote erteilt. Die Preise fielen in den Keller. Profiliert haben die ausländischen, vor allem die amerikanischen Sammler.

Bevorzugter Maler von Hilla von Rebay war Kandinsky. Sie hat alleine 150 Kandinsky Bilder für die Sammlung Guggenheim erworben, für eine Dauerausstellung im Guggenheim gesorgt und nach seinem Tod eine Gedenkausstellung mit 250 Werken organisiert. Von Rebay hat einige tausend Werke, den gesamten Grundstock der ersten zehn Jahre der Guggenheim Stiftung gesammelt.

Solomon R. Guggenheim war nicht der Sammler, sondern der Geldgeber, der abnickte, was Hilla von Rebay für richtig hielt. Von Rebay ist die meist unterschätzte Persönlichkeit des Kunstbetriebes des 20. Jahrhunderts. 1949 starb Solomon R. Guggenheim, zehn Jahre vor der Fertigstellung des Guggenheim Museums in New York. Von Rebay wurde von den Erben erst gemoppt und dann entlassen „The B.“ nannte man sie in der Familie, womit nicht etwa „The Baroness“ gemeint war, sondern „The Beast“. Erst 2005 wurde von Rebay von der Stiftung Guggenheim rehabilitiert. Es entstand ein Film und eine aktuelle Biographie.

Und das ist die Geschichte hinter der Kunst: Von Rebay war als junge Frau sehr attraktiv, neugierig, temperamentvoll und künstlerisch talentiert. Sie studierte Malerei in München und Paris und hatte Liaisons mit einigen der ganz großen Künstler von damals: mit George Braque mit Hans Arp, wahrscheinlich mit Kandinsky und allen voran und über viele Jahre mit Rudolf Bauer. Bauer war ein Kopist von Kandinsky und der jahrzehntelange Lebensirrtum von Hilla von Rebay. Bauer gründete in Berlin ein Museum für gegenstandslose Kunst, das er „das Geistreich“ nannte, war überaus selbstgefällig, überschätzte sich maßlos, hielt sich sogar für größer als Kandinsky und hat nie an jemanden anderen als an Hilla von Rebay, sprich an die Guggenheim Sammlung Bilder verkauft.

Bauer wurde zum Schicksal von Hilla von Rebay. 1927 lernte sie durch einen Zufall Solomon R. Guggenheim und dessen Frau kennen. Sie verdiente sich seinerzeit ihr Geld als Porträtmalerin und bot Solomon R. Guggenheim eine Wette an: sie schlug ihm vor, ein Porträt von ihm zu malen, für das er nur dann 9.000 Dollar bezahlen sollte – eine seinerzeit unerhört hohe Summe – falls es ihm gefiele und wenn nicht, würde sie leer ausgehen. Guggenheim, 30 Jahre älter als von Rebay, fühlte sich geschmeichelt, stimmte zu und saß ihr wochenlang Modell. Von Rebay nützte die Gelegenheit und überzeugte den damals reichsten jüdischen Unternehmer Amerikas und Minenbesitzer, Sammler für gegenstandslose Kunst zu werden.

Solomon R. Guggenheim hatte sich bis dahin weder für Kunst engagiert, noch Bilder gesammelt. Man weiß von ihm aber, dass er sich privat, neben seinem Golfhandicap, ganz besonders für junge Frauen interessierte. Von Rebay schlug ihm vor, mit ihr nach Europa zu reisen, ihn mit Kandinsky, Klee, Mondrian, Picasso, Moholy-Nagy, Fernand Léger und natürlich wieder vor allen anderen mit Rudolf Bauer bekannt zu machen. Guggenheim war begeistert, zu vermuten ist, auch mit einem Seitenblick auf die Rockefellers, die ja bereits Moderne Kunst sammelten, die später in das Museum of Modern Art einging.

Der Einfluss von Hilla von Rebay war so groß, dass Guggenheim Rudolf Bauer zur Unterstützung seiner künstlerischen Tätigkeit monatlich eine Apanage von 12.000 Dollar anbot, später sogar einen Umzug nach New York finanzierte, ihm dort eine Villa mit 350 m Seegrundstück, Personal, Fuhrpark usw. zur Verfügung stellte. Von Rebay veranlasste Guggenheim für Bilder von Bauer ein Mehrfaches von dem zu bezahlen, was ein Kandinsky oder ein Picasso kostete.

1939 gründete Hilla von Rebay im Namen der Solomon R. Guggenheim ein Museum, ähnlich wie dies vorher Rudolf Bauer in Berlin getan hatte, „The Museum of Non-Objective Art“, in das sie alle bis dahin in Europa eingekauften Bilder einbrachte, in der Anzahl dominiert von Rudolf Bauer und ihren eigenen Bildern, die, wen wundert es, auch so aussahen wie Kandinsky. Anfang der 40er Jahre beschloss von Rebay sich ein Denkmal zu setzen. Sie war es, die den Stararchitekten Frank Lloyd Wright beauftragte, in der 5th Avenue ein neues Museum in einer Art Schneckenform zu bauen, so, wie wir es heute kennen.

Von Rebay ging in ihren Vorgaben soweit, dass sie sogar die Farbe des Anstrichs bestimmte und Frank Lloyd Wright, ansonsten sehr selbstbewußt und kämpferisch, hat in einer späteren Veröffentlichung zugegeben, dass er das Museum um die Ideen von Rebay herum aufgebaut hatte. Nicht Solomon R. Guggenheim und auch nicht Frank Lloyd Wright war Bauherr, respektive gestaltender Architekt, sondern die ehrgeizige, überaus resolute deutsche Baroness.

1949, also zehn Jahre vor der Vollendung des Museumsbaus starb Solomon R. Guggenheim. Der Einfluss von Rebay reichte aber weit über seinen Tod hinaus: Guggenheim hat in seinem Testament Hilla von Rebay Aktien im Wert von 900.000 Dollar hinterlassen und hat vermutlich auch Haus und Grundstück, das sie in Westport erworben hatte, finanziert. Von Rebay war also für ihr Leben abgesichert, vor allem auch durch eine große Sammlung, die sie sich inzwischen aufgebaut hatte: Nahezu alle großen Künstler, bei denen sie für Unsummen eingekauft hatte, schenkten ihr Bilder, so dass hier eine ansehnliche Sammlung entstand. Guggenheim hatte dies selbstverständlich gewusst, goutiert und lediglich gewünscht, dass von Rebay ihre eigenen Werke und die diversen Kandinsky’s, Klee’s etc. später einmal in die Guggenheim Stiftung einbringen möge, was sie niemals getan hat.

Von Rebay war verbittert über die Entlassung als Kuratorin der Guggenheim Stiftung, verbittert auch über Rudolf Bauer, der eine deutsche Haushälterin aus seinem Dienstbotenpool heiratete, die natürlich jünger und hübscher war als von Rebay. Hilla von Rebay wurde nicht einmal zur Museumseröffnung 1959 nach New York eingeladen. Sie hat das Museum nie betreten. Ihr Sammlungskonzept der Non-Objective Paintings wurde vom Nachfolger James John Sweeny, den die Stiftung beim Museum of Modern Art abgeworben hatte, auch für gegenständliche Kunst geöffnet. Die Chance einer Sammlung ausschließlich für abstrakte Kunst war vertan.

1967 ist Hilla von Rebay gestorben, hinterließ Geld, Grund, eine große Sammlung und einen gewaltigen Frust. Nichtsdestotrotz, die Welt der Kunst schuldet Hilla von Rebay Dank. Ohne sie gäbe es weder die Sammlung noch das Guggenheim Museum in New York.

 

Peggy Guggenheim

Peggy Guggenheim ist eine herausragende Figur in der Kunstgeschichte. Sie war die wahrscheinlich genialste Sammlerin aller Zeiten, ausgestattet mit einem scheinbar unfehlbaren Instinkt für allererste künstlerische Qualität.

Sie hat nur 300 Werke hinterlassen, aber alles Meisterwerke, die wir aus unzähligen Kalendern kennen. Sie hat nicht weniger als Hilla von Rebay dazu beigetragen, dass New York nach dem Zweiten Weltkrieg zum Mittelpunkt der modernen bildenden Kunst geworden ist und Paris von dieser Position verdrängt hat.

Peggy Guggenheim war eine exzentrische, faszinierende, charismatische Persönlichkeit, mit einem Lebenswandel damals wie ein Popstar von heute, bewegte sich aber ausschließlich in der Kunstszene. Und das ist ihre Geschichte:

Peggy Guggenheim’s Vater war der Bruder von Solomon R. Guggenheim. Peggy war von Anfang an vatergeprägt. Dieser verkaufte seine Anteile an den Kupfer- und Silbermienen seiner Familie, bekam dafür viel Geld, verlor es wieder in unsinnigen, unternehmerischen Projekten – angeblich hat er Aufzüge produziert, unter anderem den Aufzug des Pariser Eifelturms. Peggy’s Vater war ein Schwerenöter und Fremdgänger, was Peggy und ihre Schwestern mitbekamen und auch für ihr Leben später ganz normal fanden.

Der Vater von Peggy Guggenheim ist früh gestorben, standesgemäß auf der Titanic. Er soll einer von den Gentlemen gewesen sein, die seiner Begleiterin, einer blonden schönen italienischen Sängerin galant ins Rettungsboot half, sich eine Zigarre ansteckte, Whiskey trank und zu den Swingklängen der Band zusammen mit seinem ägyptischen Butler unterging. Ganz so, wie man es aus dem Film kennt.

Dieser Lebensstil des Vaters prägte Peggy Guggenheim. Sie war mindestens dreimal verheiratet, unter anderem mit dem Maler Max Ernst, mit diesem allerdings nur zwei Jahre. Beide betrogen sich auf Teufel komm raus, aber jeder nahm es dem anderen übel, ein „Nightmare“, wie Peggy in ihrem Tagebuch schrieb.

Zur Sammlerin wurde Peggy Guggenheim erst 1939, im Alter von 41 Jahren. Marcel Duchamp, einer der zentralen Figuren der europäischen Kunstszene, mit dem Peggy Guggenheim natürlich auch ein Verhältnis hatte, begeisterte sie für Moderne Kunst und machte sie mit allen großen Künstlern bekannt, die damals in Paris von Bedeutung waren. Guggenheim beschloss, eine Galerie aufzumachen und jeden Tag ein Bild zu kaufen,

„Buy a picture a day“, lebte abwechselnd in Paris und London, dann in New York. Die Künstler von damals waren nicht weniger fasziniert. Guggenheim hat in ihren Tagebüchern aufgeschrieben, dass selbst zu ihrem Frühstück immer schon der eine oder andere der ganz Großen ihr seine neuesten Bilder anboten: Künstler wie Arp, Picasso, Delaunay, Giacometti, Tanguy, Mirò, Dali, Man Ray, Brancusi.

Man muss wissen, dass Peggy Guggenheim bei weitem nicht so reich war, wie es der Name versprach und der Guggenheim Clan ihr lediglich, nach dem Tod ihres Vaters, eine monatliche Apanage zur Verfügung stellte, sicher nicht kleinlich bemessen, aber viel zu wenig für den Aufbau einer großen, teuren Sammlung.

Ganz im Unterschied zu Hilla von Rebay, die immer Höchstpreise bezahlte, hat Peggy Guggenheim auf Teufel komm raus mit den Künstlern gehandelt, ihre Erscheinung, ihren Charme und in vielen Fällen auch ihren Sex ins Spiel gebracht.

Als Hitler vor Paris stand, beschloss Guggenheim als Jüdin Paris zu verlassen, lebte erst noch einige Zeit in London, wo sie die Galerie „Guggenheim Jeune“ gründete und dort die erste Einzelausstellung in London für Kandinsky organisierte. Bei ihrer Abreise aus Europa hatte Marcel Duchamp Peggy Guggenheim geraten an den Louvre heranzutreten, der, nach seiner Meinung, ihre Kunstschätze für sie aufbewahren würde, bis der Krieg vorbei sei. Fehlanzeige: Der Direktor des Louvre ließ Peggy Guggenheim mitteilen, die Bilder seien es „nicht“ wert“, aufbewahrt zu werden und wer einmal im Palazzo in Venedig war und die Sammlung gesehen hat, weiß, welche ungeheure Blasphemie dies war.

Die Ehe mit Max Ernst kam auch durch eine für Peggy Guggenheim typische Begebenheit zustande: Max Ernst war in drei verschiedenen deutschen KZ‘s interniert, kam mittellos nach Paris und bat die angeblich so reiche Peggy Guggenheim ihm 6.000 France zu leihen, um ihm die Passage nach USA zu ermöglichen. Guggenheim stimmte unter einer Voraussetzung zu, nämlich, wenn sie den Gegenwert in Bildern von Max Ernst vergütet bekäme. Ernst bot ihr ein Bild an, Guggenheim lehnte ab, ging stattdessen eines Nachmittags mit dem Surrealisten Victor Brauner in das Atelier von Max Ernst und schaffte es, dort die gesamte, verfügbare Produktion von Max Ernst quasi geschenkt zu bekommen.

Ein heute dreistelliger Millionenwert. In New York gründete Peggy Guggenheim eine weitere Galerie, die sie „Art of this Century“ nannte. Bezeichnenderweise vier Blocks entfernt vomMuseum of Non-Objective Paintings, ihrer Konkurrentin von Rebay und garantiert zu deren Ärger.

Die größte Leistung von Peggy Guggenheim in New York aber war zweifellos die Entdeckung von Jackson Pollock. Pollock ist unbestreitbar der größte amerikanische Maler. Letztes Jahr noch wechselte ein Pollock Bild für 140 Mio. € den Besitzer.

Guggenheim hat Pollock kennengelernt, als er damals Anfang der 40er Jahre im Neubau des Guggenheim Museums als Handwerker gearbeitet hat. Pollock, der genauso wie Kandinsky, ein Selbstbewusstsein wie 10 Hochhäuser hatte, war so überzeugt von seiner Malerei, dass er zur Belustigung der Szene von damals sagte, er würde einmal der teuerste Maler Amerikas. Für 150 Dollar Honorar pro Monat war er aber erst mal bereit, an die Galerie von Peggy Guggenheim seine Bilder zu verkaufen. Etwas später wurden es dann 300 Dollar. Guggenheim schreibt in ihren Tagebüchern, dass ihr dieser Betrag unerhört schwergefallen sei und sie jeden Tag daran gearbeitet hätte und jeden Besucher versuchte zu überzeugen ein Bild von Pollock zu kaufen. Oft hat sie sie aus lauter Verzweiflung angeblich sogar verschenkt.

Den Ruhm für Jackson Pollock haben andere geerntet. Pollock selbst hat die für ihn etwas unrühmliche Geschichte mit den 150 Dollars niemals erzählt, erst Lee Krasner, seine Frau, selbst eine exzellente Malerin, hat dies in einem Interview mit John Updike später bestätigt.

 

Der Zickenkrieg

Zwischen Peggy Guggenheim und Hilla von Rebay bestand ein jahrelanger Zickenkrieg. In ihren Aufzeichnungen haben sie sich gegenseitig, notorisch ignoriert, obwohl sie sich dauernd über den Weg liefen, erst in Paris und später in London und schließlich in New York.

Sie kauften dieselben Künstler, konkurrierten um dieselben Kunstwerke, Hilla von Rebay mit viel Geld und Peggy Guggenheim mit Charme, Sex und Geschmack.

Peggy Guggenheim nannte Hilla von Rebay’s Guggenheim Museum immer nur „my uncles garage“. Ein einziger Briefwechsel zwischen den beiden Frauen ist mir bekannt. Es ging dabei um einen Ankauf von drei Gemälden von Kandinsky. Im letzten Satz ihres Briefes sagt Peggy Guggenheim sie habe „nur eine kleine, schöne Gemäldesammlung, aber keinen zweitklassigen Maler, wie Rudolf Bauer“, wohl wissend, dass Rudolf Bauer Hilla von Rebay’s angebetetes Vorbild und große Liebe war. Das saß.

Peggy Guggenheim hat sich in Amerika niemals wohlgefühlt. 1947 kehrte sie nach Europa zurück und kaufte für angeblich nur 700.000 Dollar in Venedig den „Palazzo Venier del Leoni“, direkt am Canale Grande, das Grundstück mit dem größten Garten und mit dem zweifellos hübschesten Palast. Kaum in Venedig angekommen, mischte Peggy Guggenheim die müde italienische Kunstszene auf, erhielt zur Präsentation ihrer Sammlung einen ganzen Palast auf der Biennale in Venedig, stellte in allen großen italienischen Städten aus und soll um 1950 herum gesagt haben „it’s the time to collect, not to create“. Was sie damit meinte:

Es gibt selbst in vielen Jahrhunderten nur einmal eine so bedeutende Zeitspanne, mit Malern wie Kandinsky, Klee, Picasso etc., mit der zwangsläufigen Folge, dass danach kaum mehr etwas Gleichwertiges oder gar Besseres entsteht.

Die schönste private Sammlung der Welt

Peggy Guggenheim hat ihre kleine Sammlung in die Guggenheim Stiftung eingebracht – trotz größerer Sympathie für den Konkurrenten Museum of Modern Art, das wie gesagt, den Rockefellers nahe stand. Genau weiß man nicht, was die Hintergründe waren, ob es Thomas Messer war, der damalige Kurator des Guggenheim oder Harry Guggenheim, der Nachfolger von Solomon R. Wir wissen auch nicht genau, ob der Palazzo Venier der Stadt Venedig geschenkt wurde, wie man gelegentlich liest oder ob dieser auch in die Guggenheim Stiftung eingebracht wurde. Wir wissen aber, dass Peggy Guggenheim hinterlassen hat, dass man alle ihre Bilder und Skulpturen ausschließlich im Palazzo Venier in Venedig ausstellen solle, dass diese nicht in „my uncles garage“ eingeliefert werden durften und dass man immer dann, wenn die Nonnen am Mittwoch Nachmittag per Motorboot an ihrem Palazzo vorbeifuhren, bitteschön den Penis am Reiterstandbild von Marino Marini abschrauben möge. Die Legende sagt, dass auch sie es war, die Marino Marini veranlasst hatte, den ursprünglich festmontierten Penis, mit einem Gewinde zu versehen. Angeblich solle es ihn sogar in verschiedenen Größen gegeben haben. Aber das ist wahrscheinlich nur Gerede. Peggy Guggenheim war von allen vier Frauen, die hinter den drei großen Sammlungen des Lenbachhauses, des Guggenheim und des Centre Pompidou stehen, diejenige mit dem erfülltesten Leben. „Ich bereue nichts“ ist der Titel einer sehr lesenswerten Biographie, die über sie vor wenigen Jahren erschienen ist.

Die nur 300 Kunstwerke, die Peggy Guggenheim hinterlassen hat, gehören zum Feinsten, was die viele tausend Stück umfassende riesige Sammlung aller fünf Guggenheim Museen heute zu bieten hat. Beschäftigt man sich etwas näher mit der Sammlerin Peggy Guggenheim, kommt man allmählich dahinter worin ihre so unglaubliche Treffsicherheit wohl lag: Peggy Guggenheim wusste, dass abstrakte Kunst Bilder der Seele und der Emotionalität des Künstlers sind. Deshalb war sie so unablässig in der Kunstszene auf der Suche nach ganz ungewöhnlichen, durchgeknallten und außer der Norm lebenden Typen. Nur wer diesen Test bestand hatte ein Chance, ein Bild oder eine Skulptur an sie zu verkaufen. Dabei kam es ihr nicht darauf an, wie bekannt der Künstler war – wie eben Jackson Pollock, der sie einfach deshalb so faszinierte, weil er zu Duke Ellington-Swing plano auf dem Boden liegend Leinwände von allen Seiten besprühte, beträufelte und wie ein Besessener malträtierte und obwohl keiner seine Bilder kaufte, felsenfest glaubte, seine Bilder wären eine sensationelle Geldanlage.

Sieht man sich die Biografien der ganz Großen aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts an, erkennt man wie Recht Peggy Guggenheim mit ihrem Ansatz hatte – „erst der Mensch, dann seine Kunst“: Picasso etwa oder Dali, Max Ernst, René Magritte, Marcel Duchamp u. a. lebten bekanntlich alle außerhalb der Norm.

„Langweiler malen keine spannenden Bilder“,

muss Guggenheim geahnt haben. Peggy Guggenheim hat nur kurze acht Jahre intensiv gesammelt, von 1939 bis 1947. Es war genau die Zeit, in der man die heute teuersten Bilder und Skulpturen der Kunstgeschichte für einen „Appel und Ei“ kaufen konnte. Diese Zeit kommt nie mehr wieder. Vor der „Aktie an der Wand“ wird gewarnt. Sogar Lottospielen ist aussichtsreicher.

 

Nina Kandinsky

Die Lebensleistung von Nina Kandinsky ist die Verwaltung des ungeheuer großen und wertvollen Kandinsky Nachlasses, insbesondere der Werke von 1915 bis 1944. Nina Kandinsky hat an der Gründung des Fonds Kandinsky von 1937 mitgewirkt, später am Aufbau der Société Kandinsky am Centre Pompidou zum Schutz und zur Verbreitung des Werkes. Nina Kandinsky hat viele Ausstellungen unterstützt und schließlich unter dem Einfluss von Claude Pompidou, der Frau des damaligen Staatspräsidenten, dem Centre Pompidou ihren gesamten Nachlass überschrieben.

Kandinsky hat Nina 1917 geheiratet. Sie war 30 Jahre jünger als er und, wenn man so will, seine dritte Frau, Gabriele Münter als Lebensabschnittspartnerin eingerechnet. Bis zum Tode von Wassily Kandinsky lebten beide in dem Konflikt zwischen Berühmtheit und Geldknappheit. Angeblich soll Kandinsky in den 40er Jahren zum Teil gezwungen gewesen sein auf Karton zu malen, weil ihm das Geld zum Kauf von Leinwänden fehlte. Kandinsky hatte nicht nur zweimal sein Geld verloren, sondern, wie man aus der Geschichte mit Gabriele Münter weiß, auch einen erheblichen Teil seiner attraktivsten Werke aus den Anfangsjahren der abstrakten Malerei. Nach der Bauhaus-Zeit leibten Nina und Wassily Kandinsky in einer Drei-Zimmerwohnung in Neuilly Sûr Seine, übrigens ganz in der Nähe des Peggy Guggenheim Freundes Marcel Duchamp, mit dem sie ein Leben lang verbunden waren.

Kandinsky hat den wundersamen Anstieg des Wertes seiner Bilder nicht einmal in Ansätzen miterlebt. Ein Original von Kandinsky aus der Sammlung „Blauer Reiter“ kostet heute, wie Prof. Friedel vom Lenbachhaus sagt, etwa 50 Mio. Euro. Die Versicherungssumme aller in München ausgestellten Gemälde liegt bei unvorstellbaren 2,5 Mio., die aber durch die Einnahmen der Ausstellung deutlich übertroffen werden.

Im Zuge der enormen Wertsteigerungen von Kandinskys Bildern nach dem Zweiten Weltkrieg hat es Nina Kandinsky dann so richtig krachen lassen. Sie kaufte sich u. a. im prominenten Schweizer Bergdorf Gstaad ein Nobelchalet. Man weiß von Diamanteneinkäufen z. B. in Genf, einer Halskette für 980.000 Schweizer Franken usw. 1980 wurde Nina Kandinsky Opfer eines Raubüberfalles und erwürgt in ihrem schweizer Chalet aufgefunden. Noch am Tage ihres Todes war sie mit einem jüngeren Mann gesehen worden, dessen Identität man niemals ermittelt hat. Der Mörder war nur an den Diamanten interessiert, angeblich im Wert von 2 Mio. Schweizer Franken. Die Bilder von Kandinsky blieben alle unversehrt an den Wänden hängen. Der Mörder war ein Banause. Zum Glück.

P. Haller im Februar 2009

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