Süddeutsche Zeitung vom 28.02.2009 von Rebecca Casati

Der folgende Text wurde in der SZ unter dem Titel “Werber in der Krise” abgedruckt.

Die Geschichte von Carlos Obers kennen die wenigsten. Dabei wohnt Obers nur vier Kilometer Luftlinie von “Scholz & Friends Berlin” entfernt, an der Grenze von Kreuzberg und Mitte, wo es sich wie Niemandsland anfühlt. In einem Hochhaus hat Obers sich auf zwei Etagen sein Leben eingerichtet. Unten steht ein langer, weißlackierter Tisch mit vielen Stühlen, daneben deckenhohe Regale mit Kunstbänden. An der Wand lehnt ein Aluminium-Rad, an einem Schreibtisch macht eine Assistentin mit Headphone irgendwelche Termine aus

Gummibären und Waschmittelmarken

Der Raum wirkt wie die Simulation einer Agentur. Es ist ja auch eine Agentur. Nur werden hier eben keine Gummibären oder Waschmittelmarken verkauft. Tatsächlich betreibt Obers hier unter dem Namen “Greta Brentano” eine Escort-Agentur.

Obers ist einer dieser typischen Quereinsteiger der goldenen Jahre. Er begann in Frankfurt als Buchhändler, wurde dann Werbeleiter des Piper-Verlags und sattelte schließlich um, zum Werbetexter bei der GGK. Er betextete Kampagnen von Siemens, IBM oder der Vogue. Bis vor zehn Jahren war er Sprecher des ADCs. Bis vor ein paar Jahren arbeitete er beratend für die Münchner Agentur Serviceplan an Kampagnen für Strellson oder Comma.

Keine Callgirls

Obers ist außerdem die Art Mann, der in den 80er Jahren von der Werbung als Ideal propagiert wurde: trainierter Oberkörper, drei-Tage-Stoppeln am Kinn, Augen in Brutalblau. Seine Stimme ist tief, gewinnend. Was der ehemalige Texter in wohlgesetzten Worten erzählt, ist eine Mischung aus faszinierender Lebensgeschichte, anrührendem Schicksal und moralischer Resignation.

Die Frauen, die er vermittelt, seien, ganz wichtig, keine Callgirls. Sie seien Musen, Hetären wie die des klassischen Altertums, die kultiviert Männer unterhielten. Wie nur ist er überhaupt in dieses Business gerutscht?

Eine Ex-Freundin habe ihn angesprochen, sie wollte Nobel-Callgirl werden und brauchte einen Internetauftritt. Obers gab, “damit sich das Ganze lohnte”, Anzeigen in Stadtmagazinen auf. Mit Wortlauten wie: “Ein Mann, der Sie wirklich begehrt, bezahlt Sie nicht mit schönen Worten.” Er ließ die geeigneten Bewerberinnen so fotografieren, wie er es in der Werbung gelernt hatte: über Art-Deco-Kinostuhlreihen drapiert, schmeichelhaft ausgeleuchtet, sepiafarben eingefärbt. Er gab diesen Frauen Namen von Dichtern wie “Sharon Novalis” oder “Lu Wedekind” und ließ eine Webpage bauen, auf der er sie im süffigen Jargon anpries: als gebildete, charmante Golfspielerinnen. Die, wie man dann unter der Rubrik “Mein Service” erfährt, eben auch “Golden Shower” lieben.”

Von Rebecca Casati, SZ vom 28.02.2009

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