ROMY SCHNEIDER | Wien – Berlin – Paris

Die Halbzarte

Das „Filmmuseum Berlin“ gewährt einen Kitsch-freien Blick auf Romy Schneider

Lichtreflexionen schlängen sich im azurblauen Wasser des Swimmingpools. Am Beckenrand ein Mann und eine Frau. Erst spielerisch neckend, dann heftig ineinander vergraben. Sonne auf bronzebraunen Rücken.
Das Klingeln eines Telefons unterbricht das sinnliche Idyll. Regisseur Jaques Deray entfaltet in „Der Swimmingpool“ eine erotische Vierecksgeschichte um Anziehung und Eifersucht, eingebettet in die sonnengeladene Landschaft der Cote d’Azur.

Auf der Leinwand gab Alain Delon den eifersuchtsverzehrten Liebhaber – vier Jahre nach dem er sich, per Postkarte, von Romy Schneider getrennt hatte.

Hinter der Kamera wurde diese undankbare Rolle von Schneiders Ehemann, dem Theater- und Opernregisseur Harry Meyen übernommen. Angesichts der erotischen Hochspannung zwischen Delon und Schneider kaum überraschend.

Für Romy Schneider selbst markierte Swimmingpool einen Wendepunkt. Der kommerzielle Erfolg des Films wurde zur Initialzündung ihrer zweiten Karriere. Dem Aufstieg des ehemaligen Fräuleinwunders zur Diva des französischen Kinos der 70er Jahre. Von nun an sollte sie fast ausschließlich in Frankreich spielen und drehen.

Dieser Abschied von Deutschland war auch ein Abschied von der ewigen Sissi, blühendem Flieder und betulich raschelnden Reifröcken. Romy Schneider ist in Swimmingpool endgültig den „Mädchenjahren einer Kaiserin“ entwachsen, ist ganz und gar Frau.

… Deutschlands sinnlichster Exportartikel …

Den Wandlungen und Wendungen der 1938 in Wien geborenen Rosemarie Maria Albach folgt die Deutsche Kinemathek zurzeit in einer Ausstellung.

275 Exponate wurden im Filmhaus am Potsdamer Platz zusammengetragen. Von Setaufnahmen über Szenenfotos, Porträts und private Aufnahmen, Originalkostüme und Filmplakate, Film- und Interviewausschnitte. Im Zentrum der Schau steht dabei immer auch das Verhältnis der deutschen Öffentlichkeit zu Romy Schneider.

…ein Geschöpf, dass mit dem Dreck der Welt noch nicht in Berührung gekommen ist…

Im „Die Tochter“ überschriebenen ersten Raum wird die Zeit vor und nach Sissi beleuchtet.

Eine Fotographie zeigt Mütter in Kittelschürzen, Mädchen mit Faltenrock und geblümten Kleidchen rufen, schreien, drängen mit hochgerissenen Armen gegen die Absperrung vor der freien Fläche auf der die Prinzessin ihr Romylächeln lächelt. Faszinierend an diesen Aufnahmen: Wie unglaublich natürlich, wie leichthändig professionell die gerade mal 18-Jährige die Starrolle annimmt und ausfüllt. „Ein Geschöpf (…), das mit dem Dreck der Welt noch nicht in Berührung gekommen ist.“, so bringt Mutter Magda Schneider in einem Interviewausschnitt auf die Formel, was die Nachkriegsnation in ihr sah und sehen wollte. Wenige Jahre nach Hildegard Knef wurde Romy Schneider zum zweiten deutschen Nachkriegsstar. Das munter unbefangene Gegenstück zur herben, düsteren Sinnlichkeit der Knefs. Markiert den Abstand zwischen der traumatisierten Ernüchterung, dem Erschöpfungsrealismus der Nachkriegszeit – ausgebombte Städte, Trümmerfrauen, Kriegsheimkehrer – und dem Wohlstandsspeck der Wirtschaftswunderzeit, die sich gegen die eigene Vergangenheit hinter Heimatfilm und Kostümkino verschanzte. Einer Zeit, die, die lebens- und liebeserfahrene junge Frau gegen die reibungslose Unbekümmertheit des frisch-fröhlichen Fräuleins, die Sprödigkeit der Knef, gegen die Nahbarkeit Romys austauschte.

…Aufbruch und Feuertaufe…

Deren Befreiungsversuche von der besitzergreifenden Verehrung umkreist der „Aufbruch“ betitelte Raum. Ausdruck dieser Loslösung war sicher auch die Beziehung zu Alain Delon, den sie 1958 bei den Dreharbeiten zu „Christine“ kennen lernte und dem sie bald nach Paris folgte.

Die schrillen Schlagzeilen aus jenen Jahren dokumentieren, wie die deutsche Presse diesen Schritt als Raub der Unschuld durch den französischen Verführer skandalisierte. 1961 durchstand sie neben Delon auch ihre erste große Feuerprobe als ernsthafte Schauspielerin. In „Schade dass sie eine Dirne“ ist stand sie das erste Mal nach Schultheatertagen wieder auf einer Bühne. In einer fremden Sprache, inszeniert von Lucino Visconti, der für seinen unbarmherzigen Perfektionismus berühmt-berüchtigt war. Der Erfolg der Inszenierung belohnte ihrer Riskobereitschaft und die oft schmerzhafte Probenzeit. Gespiegelt wird der rapide Reifungsprozess jener Jahre auch in den Porträts Heinz Kösters, der sie von ihren Anfängen begleitete: Eben noch folgsame Tochter hinter der übergroßen Mutter, kaum drei Jahre später französische Dame im Chanelkostüm. Wach, nachdenklich, gefasst und souverän.

…Variationen der Intensität…

Die Schauspielkunst Romy Schneiders zeigen zahlreiche Filmausschnitte. Sie machen erneut sichtbar, dass Schneiders Klasse nicht in erster Linie auf Wandlungsfähigkeit beruhte. Wie bei Robert de Niro sind ihrer Rollen vor allem Variationen.

Wie der amerikanische Großschauspieler fasziniert sie durch die enorme Intensität ihres Spiels. Anders aber als der Minimalist besticht und ergreift ihre emotionale Reichweite: Leidenschaft und Hingabe, Verzückung und Verzweiflung, gelöste Fraulichkeit in der immer wieder auch mädchenhafte Verspieltheit aufblitzt. In den späteren Jahren auch immer mehr gefasste Verlorenheit und unheilbarer Schmerz. Ein Gesicht, das in wasserklarer Transparenz unmittelbare Seeleneinsicht verheißt und zugleich nachttiefes Enigma bleibt.

…Komtesschen Übermut und die Kaiserin von Österreich…

Sicher, die Ausstellung bleibt ein wenig übersichtlich. So ist etwa der letzte Bereich, der den Mythos Elisabeths von Österreich mit dem Mythos Romy-Sissi ins Verhältnis bringt, im Ansatz spannend und schlüssig.

Der Gemengelage aus (Selbst-)Inszenierung und öffentlicher Erwartung, der Gefahr vom eigenen Bild in der Öffentlichkeit in Beugehaft genommen zu werden waren beide Frauen in höchstem Maße ausgesetzt. Himmelschreiend absurd und wunderbar erhellend etwa die Titel der Groschenhefte deren Umschlag Romy Schneiders Gesicht zierte: „Der Weg der kleinen Petra“ und „Komtesschen Übermut“.

Das muntere Mädchen als Allzweckprojektionsfläche für piefige Ersatzromantik. Vor diesem Hintergrund wird auch die Empörung und zähe Unversöhnlichkeit der deutschen Öffentlichkeit gegenüber der desertierten Sissi greifbar. Die Wut auf ihre Weigerung der Heile-Heile Segen Welt noch länger als Gesicht und lebender Beweis zu dienen. Während sie international, besonders in ihrer Wahlheimat Frankreich für ihre Arbeiten mit Regiegrößen wie Orson Welles, Visconti und Claude Sautet als große Schauspielerin geachtet und ausgezeichnet wurde – zweimal wurde ihr der César, der französische Oscar verliehen – tauchte sie in Deutschland vor allem in der Klatschpresse auf. Wurden wechselnde Liebhaber, zerbrechende Ehen und selbst der tragische Unfalltod ihres Sohnes durchgehechelt.

…Einsicht und Geheimnis …

Ansonsten erzählen die historischen Porträts und Kostüme etwas wenig, erscheinen eher als Verlegenheitsillustration eines viel versprechenden Ansatzes. Aber im letzen Raum schließt sich der Kreis. Zu sehen ist ein Ausschnitt aus Viscontis Ludwig II in dem die gereifte Schneider noch einmal Elisabeth von Österreich spielte, mit den Mitteln der Schauspielerin den Sissi-Mythos endgültig revidierte.

Hätte man sich auch gewünscht noch mehr zu sehen: Die kleine feine Schau leistet was sie kann. Weckt erneut die Faszination für die große Diva, ihre enorme Ausdruckskraft und sinnliche Präsenz auf der Leinwand – und die Tragik eines Lebens, das niemals irgendwo ankommen konnte. Sie gewährt Einsichten und wahrt ihr Geheimnis. Das ist gut so.
T.L.

ROMY SCHNEIDER. Wien – Berlin – Paris

Ausstellung bis 30. Mai 2010

Deutsche Kinemathek – Museum für Film und Fernsehen
Filmhaus am Potsdamer Platz
Potsdamer Straße 2, 10785 Berlin-Tiergarten