Musen

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Esprit und Eros

Köstlich ist der Musenkuss

„Sage mir Muse die Taten des vielgewanderten Mannes …“- mit dieser Anrufung lässt Homer (ca. 700 v.Chr.) seine „Odyssee“ beginnen. Der blinde Sänger war wohl nicht ganz blind für weibliche Reize, zumindest aber nicht für femininen Esprit.
Neun Musen kannte die Antike: Nymphen, die den Dichtern und Dramatikern, den Geschichtsschreibern und Philosophen wie auch den Astrologen dazu dienen sollten, ihre schöpferischen Fähigkeiten aufzumöbeln. In späterer Zeit haben erlauchte Geister weniger erfolgreich versucht, diese launischen Geliebten durch Alkohol und Drogen zu ersetzen, denken Sie nur an Scott Fitzgerald, William Faulkner oder Truman Capote!
Die erste Frau, die musischer Zuneigung teilhaftig wurde, war die Dichterin Sappho (ca. 630 bis 570 v. Chr.), die bis heute als eine der genialsten Lyrikerinnen aller Zeiten gilt, und die Platon die „zehnte Muse“ nannte. Unbelesene Gemüter kennen sie vorwiegend als Begründerin der lesbischen Liebe, obwohl der Mythos behauptet, sie habe sich aus unerwiderter Leidenschaft zum schönen Fährmann Phaon von  den Klippen des Kaps Leukatas in den Tod gestürzt. Wie viele hoch erotischen Frauen empfand auch Sappho vermutlich bisexuell, was ja manche ihrer Verse belegen. – Eine durchaus nachahmenswerte Neigung, da Bisexualität (wie Woody Allen bemerkt), die Chance auf ein Date verdoppelt.

Im 21. Jhdt. beschert uns der Fortschritt den Komfort, Musen buchen zu können – statt sie anbeten zu müssen. Geschäftsreisende Männer und Frauen, die ihre rare Freizeit dazu nutzen wollen, schöpferisch zu entspannen, lassen sich von einer Muse ins Theater oder Konzert oder zum Dinner begleiten: mit der Option auf eine erotische Offenbarung. Doch davon später mehr*.

Dantes Muse war noch minderjährig

Dante Alighieri (1265 bis 1321), Italiens größter Dichter und Schöpfer der „Göttlichen Komödie“ (La Divina Commedia), entdeckte im Selbstversuch, was Sigmund Freud (1856 bis 1939) bahnbrechend als Sublimierung pries: des Menschen Fähigkeit, seine mächtigste Motivation, den Sexualtrieb, zu künstlerischer oder wissenschaftlicher Leistung  umzupolen. Als Dante die achtjährige Beatrice Portinari zum ersten Mal erblickte, verliebte er sich sofort in sie. Und als die Angehimmelte 24jährig starb, machte er sie mit seinem Werk unsterblich. Angefasst Dante er sie nie, ja nicht einmal angesprochen.

Weniger der hohen Minne verpflichtet waren die Motive eines Mathematik-Tudors an der Christ Church University in Oxford, namens Charles Lutwidge Dodgson (1832 bis 1898), der als Lewis Carroll weltberühmt wurde. Als Muse hatte er sich die Tochter des Dekans von Christ Church auserkoren. Auf einer Bootsfahrt mit Picknick inspirierte ihn die dreizehnjährige Alice Liddell zu wundersamen Geschichten, die später als „Alice im Wunderland“ in Buchform erschienen.  Honi soi qui mal y pense!

„Charles Dodgson einen Pädophilen zu nennen, heißt nicht nur, das Wesen seiner Beziehung zu Alice Liddell falsch zu verstehen und herabzusetzen, vielmehr spricht man dieser Zuneigung ihre Komplexität, ihre Tiefe und ihre absolute Besonderheit ab“, plädiert Francine Prose in „Das Leben der Musen“ (2004).  Doch einige Fotos, mit denen Lewis Carroll uns seine kindlichen Muse vor Augen führt, bezeugen einen weniger gewundenen Sachverhalt. Sie zeigen durchaus eine kleine Verführerin und vielleicht auch Verführte (was ja nicht heißt, dass Dichter und Muse sich zu mehr hinreißen ließen als zu blühender Phantasie). Sagen wir: Es war platonische Liebe.

Alice Liddell, 1859. Foto von Charles Dodgson (Lewis Carroll) ©de.Wikipedia.org
Alice Liddell, 1859. Foto von Charles Dodgson (Lewis Carroll) ©de.Wikipedia.org

Chaplins Muse bekam mit 15 ihr Baby

Kaum als „platonisch“ kann man die Liebe von Lillita McMurray und Charlie Chaplin bagatellisieren. 1924 hatte der „König aller Komödianten“ seine junge Muse geheiratet. 19 sei sie bereits, ließ er die Presse berichten, tatsächlich war sie erst 16, bei ihrer Niederkunft 15. Als Lillita 12 war, hatte Chaplin sie kennengelernt, um einen Filmstar „Lita Grey“ aus ihr zu formen. Doch anstatt mit cineastischen Darbietungen beehrt Charlie sie mit zwei Söhnen. Auch beim zweiten Baby ist sie immer noch minderjährig und der geniale Papa bereits 35. Lillita = Lolita? Man muss nicht lange rätseln, wer wohl Vladimir Nabokovs Vorbild zu seinem sarkastischen Roman „Lolita“ gewesen sein mag.

Weil die Eskapade mit Lillita dem genialen „Tramp“ 1 Million Dollar Abfindung und fast seine Karriere gekostet hatten,  legte Chaplin bei seiner späteren Liebeswahl genaueren Wert auf das Timing. Am 14. Mai 1943 heiratete der damals Vierundfünfzigjährige: Oona, die wunderschöne Tochter des Dramatikers Eugene O’Neill (1888 bis 1953) und Ex-Muse des Schriftstellers Jerome David Salinger (1919 bis 2010), Autor des Bestellers „Der Fänger im Roggen“. Oona O‘Neill feierte just am Hochzeitstag mit Chaplin ihren Geburtstag, sie wurde gerade 18.

Dreizehn Jahre jung war Virginia Eliza Clemm als sie am 16. März 1836 den 27jährigen Edgar Allan Poe (1809 bis 1849) ehelichte, den Erfinder der Horror-Stories. Mit dem Musenkuss beschenkte sie ihren Gemahl Genre-typisch als sie 24jährig verblich: Von Trauer und posthumer Begierde beseelt schrieb Poe seine beiden besten Gedichte: „Annabell Lee“ und „Der Rabe“ (The Raven). Zitat: „Sag, wann dies wunderbare Wesen, Leonor, mir wiederkehr! – Krächzt der Rabe: Nimmermehr!“

 Im Ehe-Käfig verkümmern die Musen

„Hinter jedem großen Mann stand immer eine liebende Frau, und es ist viel Wahrheit in dem Ausspruch, dass ein Mann nicht größer sein kann, als die Frau, die er liebt, die ihn groß sein lässt“, so lautet eine Maxime Pablo Picassos (1881 bis 1973). Ihr bleib er treu, nicht seinen Frauen. Fernande Olivier (1881 bis 1966) war bereits Mutter und Ex-Ehefrau als sie das Genie 1904 in Paris kennenlernte. Ihn inspirierte sie als Aktmodell und Muse bis Picasso 1918 die Ballett-Tänzerin Olga Koklowa heiratet. Marie-Therese Walter, die 1927 seine Geliebte wurde, faszinierte Picasso wohl vor allem, weil sie sein weibliches Ebenbild war, ein knollnasig-kraftvolles Vorbild seiner klassizistischen Schaffens-Epoche. Zugleich war er mit der Fotografin und Malerin Dora Maar (1907 bis 1997) verheiratet, deren künstlerische Entfaltung er eifersüchtig zu verhindern wusste. Häufiger Ehekrach beendete diese Verbindung – und beflügelte Picasso zu den besten seiner Bilder: den „weinenden Frauen-Porträts“ einschließlich seinem monumentalen Mahnmal „Guernica“ (1937), das neben den „Desmoiselles d‘ Avignon“ (1907) zu seinen Hauptwerken zählt.

Ab 1943 ist Francois Gilot für zehn Jahre Picassos Muse. Wie die Jungfrau von Orleans, so resümiert Francoise Gilot diesen Lebensabschnitt, habe sie “Tag und Nacht ihre Rüstung tragen” müssen, um sich zu behaupten. Er ließ sie wissen, eigentlich mache es ihm “mehr Spaß, ins Bordell zu gehen”. Warum hatte sie ihn nicht gleich von der Bettkante gestoßen? “Einem Picasso (so die Gilot) kann man sich auf Dauer nicht verweigern, eine Frau ist Picasso gegenüber machtlos.” Nun denn, der Meister selbst hat sich gern als potenzstrotzender Minotaurus gemalt oder als Kampfstier. 1961, da ist er schon 80, verliebt Pablo sich wieder und  heiratet die 46 Jahre jüngere Schönheit Jacqueline Roque (1927 bis 1986). Wie auch Marie-Therese Walter hat sie das Liebesleben mit dem mythologischen Macho durchaus ertragen, nicht jedoch dessen Tod. Beide Musen huldigten ihm posthum durch Suizid. „Es gibt zwei Arten von Frauen“, spottete der Unsterbliche, „Göttinnen und Hausmeisterinnen“. Musen, die heiraten, bleibt diese Metamorphose oft nicht erspart.

Das musste auch Alma Mahler-Werfel (1879 bis 1964) erfahren, nachdem sie mit 22 den 41jährigen Dirigenten und Jahrhundert-Komponisten Gustav Mahler ehelichte. Früher als die zeitgenössische Wiener Kulturszene hatte die studierte Komponistin gewittert, dass der kleinwüchsige und kränkliche Mahler aus musikalischer Sicht ein Titan war. Doch dieser duldete keine fremden Götter neben sich – schon gar nicht eine Göttin. „Wie stellst Du Dir so ein komponierendes Ehepaar vor?“, polterte er in einem Brief von 1901, „Hast Du eine Ahnung, wie lächerlich und später herabziehend vor uns selbst so ein eigentümliches Rivalitätsverhältnis werden muss?“.  Kurz vor der Ehe hatte Alma den großen Gustav noch zu einem Orchesterwerk inspiriert, das 1901 als Adagietto seiner 5. Symphonie und 1976 als Filmmusik zu Luchino Viscontis „Tod in Venedig“ (Morte a Venezia) den Weltruhm des Komponisten beschleunigen sollte. Doch in der Rolle von Mahlers Eheweib wurde der Muse Alma statt ihres Klaviers ein Kinderbett zur Selbstverwirklichung zugewiesen.

Als Alma 1915 den BAUHAUS-Gründer Walter Gropius und 1919 den Dichter Franz Werfel heiratete, war sie gewitzter und auch älter als ihre Ehemänner, die sich dankbar für ihre Musenküsse zeigten. Schon kurz nach Mahlers Dahinscheiden begann sie 1912 eine stürmische Affäre mit Oskar Kokoschka. Ihm, dem ungeschlachten, jedoch künstlerisch wie sexuell äußerst eindrucksvollen Expressionisten, versprach die sinnenfrohe Alma: „Ich heirate Dich, sobald Du ein wirkliches Meisterwerk malst“. Kokoschka kaufte eine Leinwand, größer als ein französisches Bett, und brachte 1914 tatsächlich das beste Bild seines Lebens zustande: „Die Windsbraut“. Aber Alma dachte gar nicht daran, sich von diesem Wilden ans Ehebett fesseln zu lassen, der vor Eifersucht tobte, der ein Drama mit dem Titel „Mörder, Hoffnung der Frauen“ auf die Bühne brachte, und dessen (freilich nur als Provokation gemeintes) Bekenntnis lautete: „Entweder Herrgott sein oder Verbrecher!“

Doch als  Almas Tochter Manon Gropius 1935 an Kinderlähmung starb, bewirkten ihre tränengetränkten Musenküssen erneut ein kreatives Wunder: Franz Werfel setzte der Siebzehnjährigen ein literarisches, Alban Berg ein musikalisches Denkmal. Ihm gelang mit seinem Violinkonzert das schönste und ergreifendste, was die Zwölftontechnik je hervorgebracht hat.

Cosima Wagner (1837 bis 1930), die Tochter des Komponisten und Klavier-Mephistos Franz Liszt, schien in den Augen Richard Wagners (1813 bis 1883) jene Muse zu verkörpern, die er sich lange ersehnte: hochmusikalisch, klüger als die meisten Frauen und Männer ihrer Zeit, selbstbewusst und energisch. Eine Inkarnation der hl. Elisabeth (aus „Tannhäuser“) und der Isolde (aus „Tristan“) mit der Leidenschaft der Venus – wenn möglich. Doch entwickelte sich Cosima keineswegs zur Aphrodite. Sie entpuppte sich stattdessen als Antisemitin und Wegbereiterin Hitlers, in dem sie einen neuen Wotan wähnte. Dadurch geriet auch der Ruf Richard Wagners, des Intellektuellsten aller Komponisten, auf die denkbar schiefste Bahn.

Welche Wohltat für Wagners Selbstverwirklichung waren dagegen die Musenküsse der Mathilde Wesendonck (1828 bis 1902) einer Dichterin, bei der Wagners kühne Kompositionen und seine heißen Liebesschwüre auf offene Ohren trafen! Richard widmete ihr seine „Wesendonck-Lieder“, deren schönstes (mit dem verfänglichen Titel „Im Treibhaus) der  Heißverliebte zum Leitmotiv seiner Oper „Tristan und Isolde“ erkor (Uraufführung 1865).  Hier findet Wagners Liebes-Bekenntnis zu Mathilde seinen Höhepunkt in „Isoldes Liebestod“, der ersten musikalischen Darstellung eines Orgasmus‘.

Elizabeth Siddal, painting by Dante Gabriel Rossetti 1866 © Tate Gallery London
Elizabeth Siddal, painting by Dante Gabriel Rossetti 1866 © Tate Gallery London

Elizabeth Siddal (1829 bis 1862) widerfuhr das Schicksal, vom ebenso begabten wie versponnen englischen Dichter und Maler Dante Gabriel Rossetti zur Muse der Präraffaeliten auserkoren zu werden, einer Künstlergruppe, die sich die Frührenaissance zum Vorbild nahm. „Lizzie“ war Hutmacherin, entstammte der Arbeiterklasse. Doch angeregt durch ihre Porzellan-weiße Haut, ihr hüftlanges, tizianrotes Haar und ihre elegische Anmut, verwandelten die Präraffaeliten das schlichte Mädchen in eine noble Schönheit aus glorreicher Zeit. Für sie war „Lizzie“ mal Shakespeares Ophelia, mal Beatrice, die jung verblichene Liebe Dantes, mit dem Rossetti (aller Bescheidenheit abhold) sich selbst gern identifizierte.

Als sie 17 wurde und er 22, heirateten sie, erkannten jedoch bald, das Wahn und Wirklichkeit eine schlechte Basis für Eheglück sind. Folglich ertrank er seinen Kummer in Alkohol, sie in Labdanum, einer Opium-Tinktur, an der sie 33järig starb. Rossetti, der auch ein guter Geschäftsmann war, ließ seine Muse samt seiner Sonette begraben und verbreiten, dass sie ihm allnächtlich erscheine. 1869 beorderte er seinen Agenten Charles Howell, das Grab heimlich zu öffnen, seine Manuskripte zu retten und das Gerücht zu streuen, die Leiche der schönen Elizabeth sei noch immer nicht verwest und ihr Haar, das weitergewachsen sei, habe den gesamten Sarg ausgefüllt. Dem nicht genug, schuf der Meister ein neues Meisterwerk: „Beata Beatrix“ (1863-1870) verklärt die Geliebte mal wieder als Dantes Beatrice.

Küssen kluge Musen besser?

Kann Frida Kahlo (1907 bis 1954) als Muse des mexikanischen Malers Diego Rivera (1886 bis 1957) gelten? Oder verlief der kreative Impuls eher umgekehrt?

Zu beider Lebzeiten galt Rivera zwar als Lateinamerikas bedeutendster Maler, Pablo Picasso durchaus ebenbürtig. Doch wenn man heute von ihm spricht, dann meistens vom Ehemann der Frida Kahlo. Als beide 1929 heirateten, war sie eine 22jährige Medizinstudentin, er (doppelt so alt) bereits Mexikos lebendes Nationaldenkmal. Durch einen Straßenbahnunfall, bei dem sich eine Schiene in Fridas Unterleib bohrte, wurde ihr die Mutterschaft auf immer verwehrt. Diego jedoch lehrte sie, trotzdem fruchtbar zu sein: als Künstlerin. Dafür motivierte Frida, die als engagierte Kommunistin galt, ihren Diego zu monumentalen Wandgemälden im Namen Mexikos, der Freiheit und der Partei.

Der Öffentlichkeit erschien sie als das zarte „Täubchen“, er als der „Elefant“, der sie zu erdrücken drohte, und der sie bei jeder Gelegenheit mit anderen Frauen betrog – sogar mit Fridas Schwester Christina. Im Gegenzug ließ Frida, die keineswegs den Keuschheitsgürtel trug, auch ihrer Lust freien Lauf. Zu Ihren Geliebten zählten stets ältere Herren mit Hang zur Unsterblichkeit wie die Dichter André Breton und Pablo Neruda, der Bildhauer Isamu Noguchi, das Film-Genie Sergej Eisenstein, der Kunstsammler Heinz Berggruen wie auch Josef Stalins Gegenspieler Leo Trotzki („Ein stürmisches Weib!“).

Vaginaler Sex blieb der Schmerzensfrau Frida gewiss versagt. Doch finden sich ja, falls Fortpflanzung nicht unbedingt Ziel der Übung sein soll, durchaus raffiniertere Spielarten der Sinnlichkeit. Entsprechend genoss Frida auch die Liebe zu Frauen: u.a. den Filmstars Dolores del Rio und Paulette Godard, sowie der schönen Tina Modotti, Muse des renommierten Foto-Künstlers Edward Weston, die selbst eine bemerkenswerte Foto-Reporterin war. Sicher erinnern Sie sich an die hinreißende Szene in Julie Taylors Spielfilm „Frida“ (2002), in der Salma Hayek (als Frida Kahlo) und Ashley Judd (als Tina Modotti) den erotischsten Tango der Kino-Geschichte aufs Parkett legen.

„Wir sind bloß Lehmklumpen im Vergleich zu ihr. Sie ist die größte Malerin dieser Epoche“, resümierte Diego Rivera. Unzweifelhaft jedoch war das fragile Mädchen in der Tehuana-Tracht eine sehr, sehr starke Frau.

„Lou ist scharfsinnig wie ein Adler, mutig wie ein Löwe und zuletzt doch ein sehr mädchenhaftes Kind“, so beschreibt Friedrich Nietzsche die junge Schriftstellerin Lou Andreas-Salomé, der er 1882 in Rom begegnete. Wie sein Philosophen-Freund Paul Rée (1849 bis 1901), so war auch Nietzsche (1844 bis 1900) von der 21jährigen russisch-deutsch-dänischen Schönheit zunächst begeistert, dann berauscht und schließlich völlig benebelt. Lou, diese bezaubernde Circe, verstand es, hochgebildet und charmant wie sie war, klugen Männern bis zur Verzweiflung den Kopf zu verdrehen. „Heute Abend werde ich so viel Opium nehmen, dass ich die Vernunft verliere …“ stöhnt der liebestolle Nietzsche. Eine emanzipiert Frau, die nicht verführbar ist, sondern selber verführt, war für die Epoche des ausgehenden 19. Jahrhunderts eine schockierende Lebenserfahrung. So etwas hatte man bislang nur in der Oper ertragen müssen: in George Bizets „Carmen“ (Uraufführung 1875 in Paris).

„Diese dürre, schmutzige, übelriechende Äffin mit ihren falschen Brüsten – ein Verhängnis!“, tobte Nietzsche wider besseren Wissens und Begehrens. Nahezu gleichzeitig bekennt er seinem Freund Rée: “Wir sind Freunde, und ich werde dieses Mädchen und dieses Vertrauen zu mir heilig halten. – Übrigens hat sie einen unglaublich sicheren und heiligen Charakter“. Lou hatte Nietzsche ja inspiriert, seinen „Zarathustra“ (1883-1885) zu verfassen, der also sprach: „Wenn Du zum Weibe geht’s, vergiss die Peitsche nicht“. Ein Foto aus gleicher Zeit belegt allerdings, dass Lous es war, welche die Peitsche schwang.

Lous Andreas Salome mit Paul Rée und Friedrich Nietzsche, unbekanntes Foto-Atelier, Zürich 1882
Lous Andreas Salome mit Paul Rée und Friedrich Nietzsche, unbekanntes Foto-Atelier, Zürich 1882

Als Lou, bereits 36jährig, in München den 21 Jahre jungen René Maria Rilke kennen lernte, den sie Rainer nannte, umwarb sie den „Schüchternen mit den schönen Augen“ sowohl mit Worten wie auch mit Taten. Rilke war vorher noch Jungfrau, anschließend nicht mehr. Lou verbesserte den Stil von Rilkes frühen Schriften und ermunterte ihn, Russisch zu lernen, um Tolstoi und Turgenjew im Original zu lesen. Zur Jahrhundertwende unternahmen beide zwei Russlandreisen. „Durch Dich will ich die Welt sehen!“, schrieb er, „Denn dann sehe ich nicht die Welt, sondern immer nur Dich, Dich, Dich …“. Bei so viel Liebe hatte Lou sich bald an Rainer satt gesehen, zumal dieser immer anhänglicher wurde und seine Angebetete mit Weinkrämpfen nebst „Angstverfassungen und körperlichen Anfällen“ nervte, sodass sie sich um seine psychische Gesundheit Sorgen machte – wie sie in ihrem Lebensrückblick notierte.

Sich um die Psyche anderer zu sorgen, das erwies sich tatsächlich als die stärkste Begabung der Lou Andreas-Salomé. 1911 erlebte sie in Schweden ein intensives Liebesabenteuer mit dem 15 Jahre jüngeren Nervenarzt Poul Bjerre, der sie mit Sigmund Freud (1856 bis 1939) bekannt machte. Freud, fünf Jahre älter als Lou (1861 bis 1937) und immer noch in seinen besten Jahren, sublimierte die sexuelle Attraktivität, die Lou nach wie vor ausübte, zu fachlichem Interesse. – Was ihm Kummer ersparte und wertvolle Erkenntnisse bescherte: „Die letzten 25 Lebensjahre dieser außerordentlichen Frau gehörten der Psychoanalyse an, zu der sie wertvolle wissenschaftliche Arbeiten beitrug, und die sie auch praktisch ausübte. Ich sage nicht viel, wenn ich bekenne, dass wir es alle als eine Ehre empfanden, als sie in die Reihen unserer Mitarbeiter und Mitkämpfer eintrat …“.

Dass seine Muse auch mit den Theorien seiner Konkurrenten C.G. Jung und Alfred Adler liebäugelte (eine Todsünde aus freudscher Sicht), übersah er bei der schönen Lou gnädig.

Sinn und Sinnlichkeit moderner Musen

Weltberühmt wurde Anaïs Nin (1903 bis 1977) durch ihre Tagbücher und ihre erotischen Selbstenthüllungen. Zu ihrem posthumen Leidwesen würde ich sie trotzdem keine große Schriftstellerin nennen – aber eine große Muse. Die junge Kosmopolitin, die ihre Kindheit und Jungend in Havanna, Paris, Berlin, Brüssel, Barcelona und New York erlebte, traf mit Ihrem Ehemann, dem Bankier und Kunstmäzen Hugh „Hugo“ Guiler 1931 in Paris den ehrgeizigen aber noch unbekannten US-Schrifteller Henry Miller (1891 bis 1980) und dessen Frau June. Aus der spontanen Ménage à trois zwischen June, Henry und Anaïs entwickelte sich die bis dato wüsteste Bettgeschichte der Literaturgeschichte.

Beide waren begeisterte Leser der Romane von D.H. Lawrence (u.a. „Lady Chatterley’s Lover“), der seine These verfocht, dass nur hemmungslose Sexualität die gesellschaftlichen Zwänge sprengen könne. Schon mit Millers Roman „Wendekreis des Krebses“ (1934) bewiesen der Meister und seine beiden Musen, dass  sie die besseren Sprengmeister waren. Der Roman wurde sogleich in den USA und in England wegen Obszönität verboten, was ihn dauerhaft auf die Bestseller-Listen katapultierte.

Mehr noch als durch ihre orgiastischen Offenbarungen beflügelte Anaïs den aufsteigenden Autor vor allem darin, seine Schamlosigkeiten schriftstellerich zu Papier zu bringen. Sie diskutierte alle Passagen mit ihm, las Korrektur, verfasste ein Vorwort, lieh ihm ihre Schreibmaschine und übernahm die Druckkosten. Miller, von Sex und Success berauscht, schrieb weiter: „Schwarzer Frühling“ (1936) und „Wendekreis des Steinbocks“ (1939), Werke, in denen Phallisches und Philosophisches sich ergänzen. In „Stille Tage in Clichy“ (1956) schildert er jene Abenteuer, die ihm wie die Erstbesteigung des Mons veneris vorgekommen sein mögen. Er konstatiert: “Sex is one of the nine reasons for reincarnation. The other eight are unimportant.”

Anaïs Nins Erlebnisse finden Sie in 15 Tagebüchern (1914 bis 1974) ausgebreitet, vornehmlich in ihrem „intimen Tagebuch: Henry, June und ich“ (1931 bis 1932). Sicherlich war sie keine Autorin vom Rang der Marguerite Duras „Der Liebhaber“. Sie selbst bekennt mit kluger Zurückhaltung: „Die Rolle der Muse im Mythos war immer die der Inspiration“.

Zielsicher lenkte die 23jährige Amerikanerin Lee Miller 1929 ihre Schritte ins Pariser „Bateau Ivre“, um Man Ray ihre Mitarbeit anzubieten. „Nein, danke“, er brauche keine Praktikantin und sei zudem gerade im Begriff, zu verreisen. Tief blickte die schöne Lee in die Glubschaugen ihres künftigen Lehrmeisters und entgegnete keck: „O.K., dann komme ich mit“. Drei Jahre lang blieben beide ein Paar. Sie diente ihrem 17Jahre älteren Landsmann als Assistentin, Modell, Muse und Geliebte. Dieser, ursprünglich ein Maler, profitierte nicht zuletzt auch von der technischen Versiertheit der studierten Fotografin: Als Man Ray in der Dunkelkammer versehentlich Licht auf unentwickelte Negative fallen ließ, experimentierte Lee so lange mit ihm, bis sich das anfängliche Missgeschick in einen Musenkuss verwandelte. Die Idee der „Rayographie“ war geboren, durch die Man Rays Fotos unverwechselbar wurden. Die Elite des Montparnasse – von Marcel Duchamp bis Pablo Picasso – nahm Man Ray (der ursprünglich Emmanuel Radnitsky hieß) prompt in ihren Kreis auf. Er war der erste Fotograf, dessen Arbeiten man den Rang von Kunst zusprach.

Doch ließ sich Man Ray, der unersättliche, auch von anderen Musen und Modellen küssen, etwa von der androgynen Künstlerin Meret Oppenheim (1913 bis 1985) und der quirligen „Kiki de Montparnasse“ (Alice Prin, 1901 bis 1953). Als Modelle verhalfen ihm beide zu effektvolleren Bildern („Le Violon d‘ Ingres“ mit Kiki wurde Man Rays teuerstes Werk), da Lee Millers Schönheit schon so vollkommen wirkte, dass Kunst ihr kaum noch etwas hinzufügen konnte. Eine Ausnahme bildet jenes Doppelporträt, das Lee wie ein minderjähriges Mädchen auf dem Schoß ihres unerbittlich dreinblickenden Vaters zeigt (dessen sexuelles Opfer sie als Siebenjährige wurde).

Lee jedoch war bereits schon vor ihrer Bekanntschaft mit Man Ray ein gefragtes Mode-Model in der VOGUE und in VANATY FAIR. Und nach ihrer Trennung entwickelte sie sich zur begehrten Modefotografin und Foto-Künstlerin. In Jean Cocteaus Film „Le sang d’un Poète“ spielte sie die weibliche Hauptrolle.  Den Höhepunkt ihres Schaffens erreichte sie jedoch als Fotoreporterin im Zeiten Weltkrieg u.a. mit erschütternden Dokumenten aus den Konzentrationslagern Buchenwald und Dachau.

Nachdem Lee Miller 1947 den surrealistischen Künstler, Kunsthistoriker und Publizisten Sir Roland Penrose (1900 bis 1984) geheiratet hatte, mit ihm auf eine englische Farm gezogen und Mutter geworden war,  entsagte sie eigener künstlerischer Aktivität. Lee, die sich in Ihren späten Jahren zu einer exzellenten Köchen und Gourmet-Autorin entwickelte, inspirierte ihre Künstler-Gäste (u.a. Max Ernst, Paul und Nusch Éluard, Kurt Schwitters, Antoni Tàpies und nicht zuletzt Man Ray) nunmehr durch Feinschmecker-Freuden.

Yoko Ono (* 18. Februar 1933 in Tokio) machte sich dringend folgender Taten verdächtig: Hätte sie John Lennon (1940 bis 1980) niemals als Muse beglückt, wäre dieser 1. nicht als Künstler unsterblich geworden; und 2. seine Ermordung am 8. Dezember 1980 hätte vermutlich nie stattgefunden. Denn Yokos Musenküsse haben das Wirken ihres Beatles dermaßen beflügelt und verändert, dass aus dem  beliebten aber banalen Pop-Barden ein Mahner, Prediger und Aufrührer wurde.

Gleich nach ihrer Hochzeit am 20. März 1969  inszenierten Yoko und John ihr erstes „Bed-In“, eine Public Relation-Kampagne für den Frieden. John: „Da unsere Flitterwochen sowieso öffentlich sein würden, beschlossen wir, sie zu nutzen. Wir saßen im Bett und redeten mit den Reportern“. Beim zweiten Bed-In im Mai 1969 nahmen sie zudem ihre Single „Give Peace a Chance“ auf. Und an Weihnachten organisierte das engagierte Paar die Poster-Kampagne „War is over – if you want it!“ Beseelt von der These des Psychotherapeuten Wilhelm Reich (1897 bis 1957),  dass Sex und ungehemmte Liebe zur Nächstenliebe und zum  Weltfrieden, ja zur Weltrevolution führen können, hat das Paar zahlreiche liberale und radikale Bewegungen gefördert: Sie setzten sich u.a. für den Rückzug amerikanischer Truppen aus Vietnam ein, sowie für die Bürgerrechte farbiger US-Amerikaner und Indianer, auch für die Black Panthers.

Sogar musikalisch hat Yoko ihren John inspiriert – wenn nicht gar indoktriniert. Schon das 1968 erschienene „White Album“ zeigt ihren Einfluss. Und der Jahrhundert-Titel „Imagine“ erweist sich unverkennbar als Geisteskind der beiden. Nach Paul McCartneys Auskunft wollte er die Auflösung der Beatles (1971) nicht Yoko anlasten. Tatsächlich hatte John Lennon in der Zusammenarbeit keine Erfüllung mehr gefunden. Seine Sinnkriese manifestierte sich zunächst durch Rauschgiftkonsum, dann in der spirituellen Hinwendung zu einem indischen Scharlatan-Guru. Zwar hatte seine Beatle-Epoche ihm Ruhm und Reichtum eingebraucht, doch nicht seinen Hunger nach Relevanz stillen können. „Eine größere Fan-Gemeinde zu mobilisieren als Jesus“, war ihm kein wünschbares Ziel mehr, als er die Trivialität seines Tun erkannte: „Ich hasse es, für Idioten aufzutreten, die von nichts und wieder nichts eine Ahnung haben“.

Einer dieser Idioten namens Mark David Chapman ließ sich vor dem New Yorker Dakota Building (in dem nach wie vor Yoko Ono wohnt) von John eine Schallplatte signieren und erschoss ihn danach.

Neben Genies, Übermenschen und Egomanen kann kein dauerhaftes Glück gedeihen, schon gar nicht das einer feinfühligen Muse. Deshalb sind Musenküsse flüchtig, ihre Ehen instabil. Als die Britin Jane Birkin (*1946) in Paris auf den Literaten und Leichtfuß Serge Gainsbourg (Lucien Ginsburg, 1928 bis 1991) traf, entwickelte sich eine „Amour en passant“, beschienen vom Glück des Vergänglichen.

Die Liaison begann mit einem Chanson, das Gainsbourg für seine Verflossene, Brigitte Bardot, getextet und komponiert hatte. Doch das Sex-Idol, damals bereits mit Gunther Sachs verheiratet und auf dem Weg ins betuliche Großbürgertum, nahm Anstoß an Gainsbourgs Anzüglichkeiten. „Je t’aime … moi nun plus“ („Ich liebe Dich — ich Dich auch nicht“, 1969) schildert charmant aber schamlos das Liebesgeflüster eines Paares beim Ficken. Jane, die mehr einer Oberschülerin als einer Sexbombe glich, lieh dem Liedchen ihre Kleinmädchenstimme. Dieser frivole Funke entfachte ein Lauffeuer. Flammen der Begeisterung bei der gebildeten Jungend, die von Beat und dümmlichem Bum-Bum nichts mehr hören wollte. Und ein Höllenfeuer des Fanatismus bei all den sogenannten Rechtschaffenen und Frommen, denen die Vorstellung von Sex mehr Abscheu einflößte als selbst die Shoah.

Der Vatikan exkommunizierte den Produzenten der Platte, zahlreiche Radio-Sender verweigerten die Ausstrahlung. Doch „Je t’aime“ verkaufte sich über eine Million Mal, Jane und Serge waren plötzlich berühmt. 1975 drehten Gainsbourg und Birkin einen Film mit gleichem Titel für alle, die nicht nur zuhören, vielmehr auch zusehen wollten. Das Paar wurde zum Liebling der Intellektuellen von Saint- Germain, bald auch einer weltweiten Jeunesse-dorée, die nach Leichtigkeit ohne Seichtigkeit lechzte.

Mit „La décadence“ setzte das Duett seine erfolgreichen Frivolitäten fort. Im gleichen Jahr folgte mit „Histoire de Melody Nelson“ das erste Konzertalbum. Die weiteren Erfolge blieben auf Frankreich begrenzt: u.a. „Baby alone in Babylone“, „Les Dessous chics“ und „Fuir le bonheur“.

Nach der Trennung von Gainsbourg spielte Jane Birkin in Filmen, die ihr bei Cineasten Bewunderung einbrachten: u.a. unter der Regie von Agnès Varda, Jacques Rivette und ihrem späteren Mann, Jacques Doillon. Nach Serges Tod 1991 singt Jane im Casino de Paris ein Chanson, das an ihre gemeinsame Liebe erinnert. Es beginnt so: „Amour cruel – comme en duel“ („Grausame Liebe – wie im Duell“).

Notabene: Da Deine Muse Dir zugeneigt ist, wird Sie Dir viele Wünsche erfüllen – nur nicht die Ehe.

Greta Brentano

Dieser Text enthält bis auf jene durch „Anführungszeichen“ markierten Zitate keine wörtlichen Wiedergaben anderer Publikationen.

Zur vertiefenden Lektüre empfehle ich folgende Bücher:

Francine Prose „Das Leben der Musen“ © 2004 Nagel & Kimsche im Carl Hanser Verlag München und Wien

Annette und Luc Vezin „Musen des Jahrhunderts“ (Egérie dans l’ombre des créateurs) /C) 2002 Édition de La Martiniére, www.knesebeck-verlag.de

Farid Abdelouahab „Muses: Women Who Inspire“© 2012 Flammarion – amazon

 

Zwölf ebenso anmutige wie einfühlsame Musen der Gegenwart finden Sie unter: www.greta-brentano.de und www.greta-brentano.com

 

 

Köstlich ist der Musenkuss
Neun Musen kannte die Antike: Nymphen, die den Dichtern und Dramatikern, den Geschichtsschreibern und Philosophen wie auch den Astrologen dazu dienen sollten, ihre schöpferischen Fähigkeiten aufzumöbeln. In späterer Zeit haben erlauchte Geister weniger erfolgreich versucht, diese launischen Geliebten durch Alkohol und Drogen zu ersetzen, denken Sie nur an Scott Fitzgerald, William Faulkner oder Truman Capote!

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