Maria, die Mätresse Gottes

Jean Fouquet: „Madonna mit Kind und Engeln“ um 1450, ©  Koninklijk Museum voor Schonen Kunsten, Antwerpen
Jean Fouquet: „Madonna mit Kind und Engeln“ um 1450, © Koninklijk Museum voor Schonen Kunsten, Antwerpen

Ernst Jünger mochte sie nicht. In „Siebzig verweht“ reibt er sich am Widerspruch und der Dämonie des Motivs, als er Jean Fouquets „Maria mit Kind und Engeln“ zum ersten Mal im Antwerpener „Koninklijk Museum voor Schone Kunsten“ gegenüber stand.

Der Antagonismus des Bildes verwirrt und verzaubert.

Jahrhunderte lang haben auch Kunsthistoriker in dieser heiligen Jungfrau die ganz und gar nicht jungfräuliche Geliebte des französischen Herrschers Karl VII erkennen wollen (dem eine andere heilige Jungfrau, Jeanne d’Arc, zu Ruhm verhalf), nämlich Agnès Sorel.

Die schöne Agnès, genannt „Dame de Beauté“ hat als die erste aller Königs-Mätressen in den Geschichtsbüchern Unsterblichkeit erlangt. Ihr irdisches Dasein war indes nicht von Dauer, wurde sie doch von ihrem Stiefsohn, dem späteren Ludwig XI, so munkelt man, durch Giftmord ihrem Wirkungskreis entzogen.

Diese „schönste Frau Frankreichs“ verfügte nämlich nicht allein über fleischliche Reize, vielmehr war sie eine Frau von Geist, die ihre Gottesgaben mit vielen Registern auszuspielen vermochte, oft feinsinnig, intrigant bisweilen, doch stets verführerisch. Vorzugsweise ließ sie sich mit Schlössern und Grundstücken beschenken, wodurch der Begriff „Liegenschaften“ einen pikanten Doppelsinn bekam.

Sogar in der Mode hat diese galante Geliebte Geschichte geschrieben, denn sie kreierte das Kostüm „oben ohne“, eine Robe, bei der sie eine nackte Brust dem Hofstaat zum Staunen darbot.

Jean Fouquet: „Agnès Sorel“
Jean Fouquet: „Agnès Sorel“

 

Eine Mätresse als Vorbild der Mutter Gottes?

Schon Fra Filippo Lippi (ein Florentiner Mönch) hatte Huren als Modelle für seine Marienbildnisse angeworben, warum nicht auch ein Flame wie Jean Fouquet?

Hat gar der König den Maler beauftragt, seiner Mitwelt mit dieser scheinbaren Häresie eine Botschaft zu übermitteln? „Was Gott kann, das kann ich auch!“

Für den Renaissance-Menschen glich Gott mehr dem Jupiter als dem Jehova. Auch er war nur ein Herrscher, der auf seinem Recht der „primae noctis“ bestand, jenem Brauch, bei dem der Fürst jede Braut seines Reiches entjungfern durfte, bevor dem braven Gatten gewährt wurde, das Bett mit ihr zu teilen (denken Sie an Mozarts „Figaros Hochzeit“!).

Diese süffisante Deutung würde erklären, warum den frommen Christen Fouquets Madonna attraktiv und abstoßend zugleich vorkommen mag.

Sollte ihnen entgangen sein, dass es die Päpste waren, die mit Hilfe von Mätressen schon im Mittelalter für ihr leibliches Wohl zu sorgen wussten? Zwischen den Jahren 900 und 1000 haben elf Generationen heiliger Väter den Stuhl Petri durch Beischlaf erklommen und verteidigt.

Ihre Renaissance erlebte diese päpstliche Pornokratie durch die schöne Julia Farnese („la bella Giulia“), Mätresse Papst Alexanders VI, die flugs ihren Bruder an die Führungsspitze der römischen Kurie lancierte – und damit der Familie Farnese auf Dauer Ruhm und Reichtum bescherte. „Fregnese“ (deutsch: „Fotzese“) wurden die Farnese deshalb unverblümt im Volksmund genannt.

Eine der größten Pop-Ikonen unserer Tage, Madonna, der man nach-unkt, dass sie ihre Karriere als Porno-Darstellerin gestartet habe, und die sich gerne provokant in Szene setzt, lebt als luzides Beispiel für die immer noch gültige Affinität von Heiliger und Hure.

Während man Männern nachsieht, wenn sie mit Waffengewalt ihren Machtwillen verwirklichen und dabei Schlachtfelder in Schlachthäuser verwandeln, macht sich eine Frau moralisch verdächtig, die ihre Vagina als gewaltfreie Wehrkraft einzusetzen weiß.

Dies ist eine ganz und gar misogyne Moral, finden Sie nicht?

Und wenn Sie genauso fasziniert sind wie ich von Jean Fouquets „Madonna“, dann vielleicht auch deshalb, weil der Maler mit der Verlogenheit dieser Moral seinen Schabernack treibt.

Auftraggeber des Bildes war Etienne de Chevalier, der seine verstorbene Gattin gern als Madonna verewigt wissen wollte. Doch der Maler gab der braven Verblichenen die Züge der „femme plus belle“, Agnès Sorel. – Was dem Spießbürger vielleicht als Schmähung, dem Fürsten de Chevalier jedoch als Kompliment erschien.

Paradox wirkt auch die Porzellan-ähnliche Haut der Madonna, die auf jene Reinheit einer Virgo intacta verweisen könnte. Auch die entblößte Brust lässt sich als keusche Lactation erklären. Zugleich aber wirkt sie erotisch und erregend, denn die modische Entblößung diente der Agnès Sorel ja bekanntlich nicht zur Speisung Minderjähriger, vielmehr zur Triebförderung und Testosteron-Vermehrung der Mächtigen und Reichen.

Nicht zuletzt wecken die prä-pubertären Engel-Nackedeis den Argwohn des Sittenwächters („Kinder-Porno? Oh, Gott im Himmel!“), wo doch der Gebildete und Bibelfeste wissen sollte, dass es sich getreu der Heiligen Schrift um rote Seraphin („Entflammer“, „Erglüher“) und um blaue Cherubin handelt.

Honi soit, qui mal y pense! – In diesem Sinne: frohe Weihnacht!

Text von Greta Brentano

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