Liebe – und alles ist möglich

Der Film „Der Name der Leute“ bezaubert durch Klugheit, Charme und eine hinreißende Hauptdarstellerin.

„Was ist dir lieber: Erst ins Bett und dann Einkaufen?“ fragt sie beiläufig. Bahia Benmahmoud, Tochter eines algerischen Einwanderers und einer Ex-Hippie bourgeoiser Herkunft unterzieht die Glaubenssätze ihrer Mutter einem Praxistest: Make love not War! Statt die Faschisten dieser Welt mit Steinen zu beschmeißen, steigt sie mit ihnen ins Bett – um sie umzudrehen.

Denn: Nie ist das Unterbewusstsein von Extremisten jeder Couleur – ob Jungscharführer oder Wirtschafts-Darwinist – so empfänglich und formbar wie im Stadium der prä-Ejakulation.

Im besten Sinne französisch

Für manche Ohren mag das nach einer kalauernden Klamotte der semisubtilen Sorte klingen, angereichert mit ein paar Sexszenen und Politkommentaren in homöopathischer Dosis. Tatsächlich jedoch hat Regisseur Michel Leclerc mit „Der Name der Leute“ eine der charmantesten und originellsten Filme der letzten Jahre abgeliefert – eine im allerbesten Sinne französische Komödie.

Im Zentrum der Geschichte steht Bahias Begegnung mit Arthur Martin. Dieser ordnungsfanatische Bürgersohn aus der Provinz, ist im Seuchenschutz tätig. Auch sein Seelenleben führte er bis dato nach dem Prinzip: Vorsicht! Liebe kann bleibende Wunden verursachen. Wie nicht anders zu erwarten, wird Bahia seine existentielle Sicherheitspolitik gehörig erschüttern.

Leichtfüßig schweren Herzens

Und so taktsicher wie Leclerc die Konfusion und Kernfusion des unmöglichen Paars erzählt, trifft er auch die ernsten Untertöne seiner bittersüßen Geschichte.

Denn in seiner Love-Story spiegelt sich die heterogene Herkunft der Grand Nation. Während Arthurs Vater im Algerienkrieg im Einsatz war, wurde das Dorf von Bahias Vater von französischen Soldaten ausgelöscht. Die beklemmende Situation des Einwanderers variiert sich in der Geschichte der Mutter Arthurs, die schamhaft das Schicksal ihrer Eltern verschweigt – griechische Juden, die im KZ ermordet wurden. Aber auch Bahias libertine Familie pflegt das Verschweigen – über ihren sexuellen Missbrauch durch einen Lehrer.

Diese Verwicklungen politischer und privater Tragödien werden hier mit einer Leichthändigkeit dargestellt, die niemals leichtfertig wirkt. Die Auseinandersetzung mit Vergangenheit und Herkunft entwickelt sich fast nebenbei auch zu einer intelligent, amüsanten Reflexion. So gelingt es Leclercs lebensklugem Märchen, dem großen Traum der alle Grenzen überspringenden Liebe Glaubwürdigkeit zu schenken.

Sarah Forestier vor Catherine Deneuve

Herzstück der Geschichte ist natürlich das Mädchen Bahia. Mit ungestümer Begeisterungsfähigkeit springt sie von Impuls zu Impuls, läuft auch mal aus dem Haus um erst unterwegs zu entdecken, dass sie ihre Kleider noch auf dem Sessel liegen. Dass solche Szenen nicht albern werden, verdankt der Film seiner Inszenierung, seinem Drehbuch – für das Leclerc mit seiner Mitautorin Baya Kasmi den französischen César erhielt – und seiner hinreißenden Hauptdarstellerin Sara Forestier.

Bereits 2005 wurde Sara Forestier für „L’Esquive“ mit dem César als beste Nachwuchsschauspielerin geehrt. Für „Der Name der Leute“ erhielt sie 2010 den César für die beste Hauptrolle und konnte damit sogar die Ikone Catherine Deneuve übertreffen. Es dürfte nicht ihr letzter bleiben. Denn die 24-jährige agiert mit einer Anmut und verplanten Verspieltheit, die Hingerissenheit unvermeidlich machen. In einer Szene fährt sie mit Arthur zum Meer – um ein paar Krebse vor dem Kochtopftod zu bewahren. „Ich bin glücklich mit dir“ sagt er ihr da. Das glaubt man ihm gerne. Wir sind es auch.

T.L.

Link: www.dernamederleute.de