Kussechte Liebe

Ein erotisches Lippenbekenntnis von Greta Brentano und Carlos Obers.

Greta:
Kussechte Liebe? Seltsamer Titel. Ich kenne nur kussechte Lippenstifte.

Carlos:
Du kannst Sex haben mit jemanden, ohne ihn zu lieben. Aber echte Zungenküsse sind doch immer auch ein Zeichen für echte Zuneigung.

Greta:
Ich bin eine Muse, eine Mätresse. Ich küsse Männer und Frauen, und es sind nicht immer dieselben. Das sei obszön, wurde mir schon vorgeworfen.

Carlos:
Vielleicht war es kein Vorwurf, sondern ein Lob?

Greta:
Worüber diskutieren wir hier überhaupt?

Bronzono „Il Baccio di Venere e Cupodo“ 1545-50 ©National Gallery London
Bronzono „Il Baccio di Venere e Cupodo“ 1545-50 ©National Gallery London

Carlos:
Ich habe eine These: Der Kuss ist nicht so harmlos wie er in der Literatur, im Film oder im Sprachgebrauch erscheint. Anders als Genetiker, Hormonforscher und Biologisten uns weismachen wollen, dient der Kuss keineswegs der Vorbereitung zur Fortpflanzung. Er ist reines Vergnügen. Also pervers.

Greta:
„Pervers“ heißt wörtlich „Verdrehung“. Was verdreht denn ein Kuss?

Carlos:
Es begann vermutlich mit dem Atzkuss: Die Steinzeitmutter fütterte ihr Steinzeitkind, indem sie Speisen vorkaute und ihm in den Mund schob. Heute schieben sich Liebespaare die Zunge in den Mund. Aber nicht um satt zu werden. Es ist eine Reminiszenz.

Greta:
Da habe ich schon ganz andere Perversionen erlebt.

Carlos:
Wessen Zahnbürste würden wir benutzen, fragt schon Karl Kraus, gar wessen Spucke trinken? Doch der Kuss verkehrt das allgemeingültig Ekelhafte ins Appetitliche.

Greta:
Zum Küssen gehört neben dem Zungenkuss ja auch der Peniskuss („Fellatio“), der Schamlippenkuss („Cunnilingus“) und der Hexenkuss („Anilingus“), den deutsche Schüler dank Goethes “Goetz“ schon frühzeitig kennenlernen. „Deine Zunge ist in meinem Mund wie Wildheit des Meers“ lesen wir bei Saint-John Perse (französischer Dichter und Diplomat).

Carlos:
Dass Köperöffnungen, die gewöhnlich der Nahrungsaufnahme oder der Ausscheidung dienen, den liebestollen Zungen delikat vorkommen, erscheint mir doch bemerkenswert, wenn nicht gar grotesk.

Carlos Obers© „Les Langues d’ Amour”, Rötelskizze 2005
Carlos Obers© „Les Langues d’ Amour”, Rötelskizze 2005

Greta:
In der griechischen Antike gab es sogar Tempel, wo man der Aphrodite-Statue zungenanal zu huldigen pflegte. Rein religiös und vergeistigt, versteht sich.

Carlos:
Adorations-Küsse sind ein Thema für sich. Auch das Küssen von Ikonen, Büchern, Ringen und Statuen, denen Heiligkeit zugesprochen wird, halte ich für sublimierte Erotik, wie etwa den Kuss des nackten Ecce Homo am Kreuz. Irgendwie sympathisch, dass selbst Gottesliebe nicht ganz körperlos ist.

Greta:
Mich interessiert der erotische Kuss – eine Errungenschaft der antiken Hetären und Homosexuellen. Ehefrauen blieben ungeküsst – wie heute ja auch noch so oft.

Carlos:
Die Antike kannte auch die platonische Liebe.

Greta:
Womit Platon allerdings die Knabenliebe meinte, keineswegs die Keuschheit.

Carlos:
Die „griechische Liebe“ gilt in vielen Kulturen nicht als Sexualität, auch nicht als Ehebruch, da der Po ja nicht der Fortpflanzung dient, also kein Geschlechtsteil ist. Etwa bei den sittenstrengen Hindus, die dafür extra ein drittes Geschlecht kreiert haben: die Hijras.

Greta:

Doch schon das Kamasutra (3. Jh. vor Chr.) preist die gehobene Prostituierte, die „Ganika“, die kein entmannter Galan ist, vielmehr eine mit allen weiblichen Reizen ausgestattete Berufsgeliebte: „Festen Sinnes“ sei sie, „geistig ebenbürtig dem Manne führe sie einen nicht habsüchtigen Wandel, liebe Konversation und Geselligkeit“.

Carlos:
Erotik stimuliert auch den Kopf, Sex nur den Unterleib.

Greta:
Wer geküsst wird, den küsst auch die Muse. „Liebe, Liebe, Liebe – das ist der Geist des Genius“ heißt es bei Mozart.

Carlos:
Doch küssen kann man nicht allein. Was empfiehlst Du unseren Lesern?

Greta:
Nehmen Sie sich die Muße für eine „Muse“! Denn kluge Frauen küssen besser.

Zur Vertiefung Ihrer Küsse und Ihrer Kenntnisse darüber empfehlen wir gemeinsam:

Alexander Lacroix „Kleiner Versuch über das Küssen“ (Original-Titel: „Contribution à la Théorie du Baiser“) Verlag Matthes & Seitz Berlin 2013, bei AMAZON gebunden oder bei KINDLE € 16,90

ISBN-10: 3882210338 / ISBN-13: 978-3882210330

Otto F. Best „Vom Küssen. Ein sinnliches Lexikon“, Verlag RECLAM Leipzig 2003, ISBN 3-37920056-5

Alain Montandon „Der Kuss. Eine kleine Kulturgeschichte“ (Original-Titel: Le Baiser““), Verlag WAGENBACH Berlin 2006, ISBN 3-803-12549-9

Lea Singer „Die Zunge“, Roman, Verlag J.G. Cotta‘sche Buchhandlung Stuttgart , Deutscher Taschenbuch Verlag 2002, ISBN3-423-12954-9

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