Im Schleudergang der Gefühle

Der Film „Pina“ von Wim Wenders setzt Pina Bausch ein Denkmal – schön und dennoch bedenklich

Schwarz gekleidet wie ein Klageweib, stets das Räucheropfer der Zigaretten zwischen ihren Magierinnen-Fingern, so kennen wir sie: Pina Bausch. Ihr Name hat weltweit Klang und Gewicht. Durch sie wurde das deutsche Tanztheater zum hochgeschätzten Exportartikel. Nach dem plötzlichen Tod der Casta Diva 2009 machte sich ihr Künstlerfreund Wim Wenders daran, den 3D-Dokumentarfilm „Pina“ zu drehen, eine Huldigung und Heiligenverehrung.

Mit Bundeskanzlerin Merkel, Bundespräsident Wulff und Regisseur Wenders in fröhlicher Wichtigkeit in der ersten Reihe feierte der Film auf der diesjährigen Berlinale seine Weltpremiere. Die Prominenz erbrachte dem mit Bundesverdienstkreuz ausgezeichneten Schwergewicht deutschen Kulturschaffens ihren Ehrentribut. Auch die Kritik nahm den Film wohlwollend, wenn nicht gar berauscht auf. Doch nüchtern betrachtet entpuppt sich „Pina“ als eher zahmes Stück Filmkunst, das mit seiner beängstigend kritiklosen Lobhudelei ungewollt den Charakter der Großkünstlerin in ein fragwürdiges Licht stellt.

Ich muss Angst vor Dir haben

Im Film berichtet ein Tänzer, Pina Bausch habe ihn vor einer Aufführung angefeuert: ‘Ich muss Angst vor Dir haben!” Eine Tänzerin erzählt, in ihrer ersten Zeit im Ensemble sei sie vor Angst und Respekt vor Pina Bausch wie gelähmt gewesen. Unvermeidlich drängt sich hier die Frage auf: Was war da los? Welche subtil psychologischen Kriegsspiele hat die Tanzmeisterin mit ihrem Ensemble zelebriert?

Der Tenor der Tänzer-Interviews schockiert. Hier spricht nicht Hochachtung, sondern ehrfurchtsvolle Anbetung, nicht professioneller Respekt, sondern bedingungslose Hingabe. Pina Bausch ist viel mehr als nur Lehrerin und begnadete Choreografin – sie ist Guru und heiß geliebte heilige Mutter. Die Selbstaufgabe wird zur Erfüllung, die Assimilation ins Kollektiv zum Endziel. ‘Pina ist in uns allen’, schwärmt eine Tänzerin. ‘Und wir sind in Pina.’

Genie und jahrelange Fleißarbeit

Wenders präsentiert seine Interviews mit Verfremdungseffekt. Die Tänzer blicken stumm und manchmal leicht belämmert in die Kamera. Das lässt sie Pflanzen-gleich erscheinen oder wie hirnlose Masken, die ihre Lobreden auf die Lebenswasser-spendende Großgärtnerin Pina psalmodieren. Diese pflegt und zwickt und stutzt ihre Sprösslinge mit liebevoller aber unnachgiebig formender Hand. Wen wundert es da, dass ihrer Schule keine Tänzer und Choreographen mit eigenständiger Karriere und großem Ruf entsprungen sind?

Das durchweichte Gehirn abgeschaltet sind die Eleven bestens disponiert für die unermüdliche Körperarbeit im Ensemble der Pina Bausch. Dort gab es nur eines, sagt eine Protagonistin: ‘Arbeiten, arbeiten und arbeiten!’ Travailler toujours! Rodin, der erste große selbsterklärte Workaholic in der Kunstgeschichte, lässt grüßen. Eine solche Arbeitsethik trägt zwangläufig Früchte. Die Kombination von Genie und jahrelangem Biberfleiß brachten Pina Bausch zahlreiche Lorbeeren für zweifellos epochale Tanzkunststücke ein wie „Frühlingsofer“ (1975), „Café Müller“ (1978), „Kontakthof“ (1978), „Keuchheitslegende“ (1979), „Bandoneon“ (1981), „Vollmond“ (2006), „Àgua“ (2001).

Erforscherin menschlicher Sehnsüchte

Eine radikale Erforscherin menschlicher Sehnsüchte sei Pina Bausch gewesen, sagt eine Tänzerin im Interview. Wonach sehnen wir uns? Woher kommt unsere Sehnsucht? In ‘Café Müller’, einem der vier exemplarischen Stücke, die Wim Wenders für seinen Film ausgewählt hat, ist die Sehnsucht nach Liebe und menschlicher Nähe in traumatischer Dimension dargestellt.

Ein Paar steht voreinander, versucht sich nahe zu kommen. Ein dritter Tänzer kommt hinzu, versucht dem Paar zur Nähe zu verhelfen – es gelingt nicht. Er nimmt ihre Arme, legt sie in eine Umarmung über die Partner, nimmt ihre Hände, lässt sie ihre Gesichter streicheln, legt die Frau in die Arme des Mannes. Vergebliche Liebesmüh: kraftlos lässt der sie fallen. Die Sequenz wiederholt sich, ein neuer Versuch der Umarmung, wieder fällt die Frau zu Boden. Immer schneller, panisch, der Versuch einer Umarmung, das Fallenlassen, nicht festhalten können.

Orientierungslos läuft eine Tänzerin zwischen den vielen Caféhaus-Stühlen umher, sie läuft suchend, nimmt ihre Umgebung aber nicht wahr. Hektik und Chaos brechen aus, Tänzer rütteln lautstark an den Eingangstüren – und kommen dennoch nicht hinein. ‘Café Müller’ ist die beklemmende Parabel menschlicher Sehnsucht nach Liebe und das absurde Theater ihrer Unmöglichkeit.

Allein unter den Menschen

Ob in ‘Café Müller’ oder in ‘Kontakthof’, in dem die Bühne zum Kampfplatz der Geschlechter wird, ob in ‘Le Sacre du Printemps’ oder in ‘Vollmond’ – in allen Stücken, die Wenders für seinen Film ausgewählt hat, ist das Studium der menschlichen Sehnsüchte und Leidenschaften, der Unzulänglichkeiten und Nöte evident. Pina Bausch, die konzentrierte, in ihren späteren Jahren fast autistische Erforscherin der Gefühlswelten, sagte einmal: ‘Ich liebe Menschen. Ich versuche zu verstehen, was in dieser Person für Gefühle sind. Warum sie sich so äußert. In welcher Not sie das tut.’

Sie selbst, in einer Gastwirtschaft groß geworden, mochte es, unter Leuten alleine zu sein. ‘Ich bin ziemlich isoliert aufgewachsen. Alle waren immer beschäftigt und haben viel arbeiten müssen. Ich habe mich meist im Lokal aufgehalten, immer mit Menschen. Ich gehe auch heute noch sehr gerne in Restaurants. Da kann ich am allerbesten denken: isoliert unter Menschen.’

Text: Ch. Horn

Link: www.pina-film.de