Hommage an die ungeschönte Frau

„On Street“ zur Werkschau des Modefotografen Peter Lindbergh

Wer Frauen verstehen will, muss ihnen ins Gesicht sehen – nicht in die Seele.

Wer sagt denn das? Keiner. Doch Peter Lindbergh beweist es. Als er 2003 Jeanne Moreau (den Star aus Filmen wie „Jules et Jim“, „La Notte“, „Le journal d’une femme de chambre“, „Viva Maria!“) fotografiert, entschuldigt er sich bei ihr „das Foto ist leider nicht retuschiert“, worauf die Diva kontert: „was wollen Sie denn da noch retuschieren?“.

Für die Schönheits-Chirurgie wäre die Moreau heute ein hoffnungsloser Fall.

Wie erklären Sie sich, dass sie dennoch schön wirkt? Schöner denn je sogar?

 

Wie kommt es, dass dieser Peter Lindbergh noch lebt?

Peter Lindbergh‘s Auge, dem kein Fältchen, kein Härchen, kein Leberfleckchen entgeht, dieses Auge, das nie beschönigt und nichts vertuscht, ist ein in der Geschichte der Fotografie ganz und gar ungewöhnliches optisches Phänomen: der Blick eines liebenden Mannes.

Und wenn Sie sich fragen. „Wie kommt es, dass dieser Peter Lindbergh noch immer am Leben ist, nicht längst von seinen Fotomodellen gesteinigt, geteert und gefedert“? so lautet die schlichte Antwort: „Weil eine Frau erkennt, wenn man sie liebt“.

Ein japanische Sprichwort verkündet: „In den Augen des Liebenden wird jede Warze zum Schönheitsfleck“. Und – so ließe sich ergänzen: Jedes Fältchen zur frohen Botschaft, wenn die Schöne es auf einem Foto von Lindbergh entdeckt.

 

Göttinnen am Rande des Nervenzusammenbruchs

Hatten Sie je mit Models zu tun? Mit solchen Laufsteg- und Titelbild-Ikonen wie Naomi Campbell, Kate Moss, Tatjana Patitz, Claudia Schiffer, Christy Turlington, Nadja Auermann … Göttinnen am Rande des Nervenzusammenbruchs, wenn sie morgens in den Badezimmer-Spiegel blicken. Und dann kreuzt dieser Lindbergh auf mit der kalten Dusche der Wahrhaftigkeit, und alle sind außer sich – vor Entzücken.

Die wunderbarsten Weiber dieser Welt reißen sich um ihn und mit Ihnen die glamourösen Mode-Magazine HARPER’s BAZAR und VOGUE, die ihn kniefällig um Fotoserien bitten. Peter Lindberg gilt nach Helmuth Newton als wichtigster Modefotograf, obwohl und gerade weil er der Mode nicht nachläuft. Sie folgt ihm brav wie ein Hündchen.

 

Das Weltbild eines Poeten

Und da – wie wir ja wissen – auch die Weltanschauung eine Mode ist, sehen wir unsere Welt in der post-lindberghschen Ära mit seinen politikvergessenen Poeten-Augen.
Diese in Schwarz-weiß gehaltenen, von Vergänglichkeit und Verfall gezeichneten Straßen Berlins und New Yorks, müde Häuser, schäbige Räume mit ihren traurig-schönen, oft androgynen Frauen wecken Sehnsucht in uns.

Wie gerne würden wir die so wunderbar dahinwelkenden umarmen und küssen und ihre Köper und Haare riechen schmecken und dennoch ahnen, dass die fliehende Zeit sie uns immer entführt.

 

Hinweis:

Peter Lindbergh „On Street“ im C/O Berlin Postfuhramt, Oranienburger Straße 35-36.

Bis zum 19. Januar 2011 täglich von 11 bis 20 Uhr
Literatur: Peter Lindbergh STERN Fotografie Heft 47 von 2007

Pirelli Kalender von 1996 und 2002

Peter Lindbergh „On Street“ das Buch zur Ausstellung, Schirmer-Mosel Verlag 2010

Link: www.peterlindbergh.com