Freudenfrauen

Was unserer frustrierten Gesellschaft fehlt.

Von Paloma da Ponte

Egon Schiele „Freudenmädchen“ 1914 © Albertina Wien

Die Geradlinigkeit des Mannes stößt – trotz gelegentlicher Brutalitäten – allgemein auf wenig Bedenken. Die Frau als irrationales und emotionales Wesen dagegen wird als eine Bedrohung der funktionalen Gesellschaft gesehen.
Verdächtigerweise denkt sie irgendwie anders, ihre Logik ist nicht nachvollziehbar, und ihre Allüren und Eskapaden können jeden Mann zur Weißglut treiben. In ihrem Charakter zutiefst unberechenbar ist die Frau immer eine Gefahr, potentieller Brandherd und Unruhestifterin, im harmlosesten Fall die ständige Nervensäge, die den reibungslosen und effizienten Ablauf der Dinge sabotiert.

Da verwundert es nicht, dass diese unsichere Kandidatin Frau seit alters her für nicht ganz voll genommen wird. Unermüdlich hat der Mann versucht, ihr Vernunft beizubringen.
Leider mit nur mäßigem Erfolg. Selbst in Zeiten der Gleichberechtigung gibt sich das widerborstige Wesen nicht zufrieden. Die Warteräume der Psychiater sind überfüllt mit labilen, von unerklärlichen Zuständen und Ausbrüchen heimgesuchten Frauen, der Konsum von Psychopharmaka in der weiblichen Klientel ist enorm.
Was läuft hier falsch? Die gewitzte Tochter des Hysteria-Arztes Dr. Dalrymple bringt es auf den Punkt: Die weibliche Hysterie gibt es nicht. Es gibt nur von ihren Männern sexuell nicht befriedigte Frauen.
Die unterdrückte Sexualität als des Pudels Kern? Aber hatten wir nicht Freud und Konsorten, die diese Crux hinlänglich aufgeklärt haben? Eine sexuelle Revolution, welche die Fesseln der Lustfeindlichkeit sprengte, Tabus und Schamhaftigkeit pulverisierte?
Offensichtlich hat diese Aufklärung nicht ausgereicht. Weibliche Lust und Sinnenfreude stehen immer noch im Zwielicht, gefürchtet und abgewertet. Frustrierte und Besessene, verstohlene Verehrer und verbitterte Verächter – Geschädigte zuhauf tummeln sich in beiden Lagern.

 

Dante Gabriel Rossetti „Lilith“ © Tate Gallery London
Dante Gabriel Rossetti „Lilith“ © Tate Gallery London

Kleiner Fehltritt mit Folgen

Schon Henry Miller forschte nach der Ursache dieses alarmierenden Missstandes. Der wagemutige Vorreiter sexueller Befreiung sprach sich vehement gegen ein profanes Verständnis des Sexuellen aus und erklärte, alle Obszönität müsse sinnvoll auf einen höheren Zweck, eine religiöse Dimension ausgerichtet sein.
Damit sind Kirche und christliche Religion als Sündenbock schnell ausgemacht: Die Basisideologie der westlichen Gesellschaften fußt auf der fundamentalen Ausgrenzung der spirituellen, transformativen Kraft des Sexuellen. Die Frau und ihre Sinnlichkeit wird seit Evas Eskapade mit dem Teufel in Schlangengestalt auf ewig schuldig gesprochen am Unglück der Welt, sie wird zum Inbegriff der Sünde und Verwerflichkeit.
Evas kleiner Fehltritt wurde zum Alibi-Argument der Männergesellschaft, den Frauen sei per se einfach nicht zur trauen. Die Frau als Personifizierung des  Sündenfalls, als Bündnispartnerin des Teufels muss dominiert und domestiziert werden – so die männliche Logik. Der Geschlechterkampf ist entfacht. Er überdauert Aufklärung und vermeintliche Emanzipation und führt uns auf direktem Wege in das fatal verkappte Patriarchat der Gegenwart.

Bartolomeo Veneto „Flora als Kurtisane“ © Städel-Museum Frankfurt Main
Bartolomeo Veneto „Flora als Kurtisane“ © Städel-Museum Frankfurt Main

Huldigung an Aphrodite

Der männlich dominierten Sexualwelt fehlt also die spirituelle Dimension. Hier betritt die heilige Hure das Parkett. Mit Nancy Qualls-Corbett, Psychologin und Autorin des Kult-Buches ‘The Sacred Prostitute’, machen wir einen Ausflug in die griechische Antike.
Die alten Hellenen praktizierten in ihren Tempeln einen ausgeklügelten Initiations-Ritus, mit dem die unschuldigen Mädchen in den Stand der Frau erhoben wurden. Zentrale Komponente der rituellen Frauwerdung war dabei die sexuelle Vereinigung der Kandidatinnen mit ihnen unbekannten Männern. So jedenfalls die Legende.
Aus heutiger Sicht ein skandalöser Vorgang, ein ungeheuerlicher Akt der Erniedrigung, die willkürliche Vergewaltigung jugendlicher Unschuld in einer (wie es scheint) brutalen, unzivilisierten Gesellschaft. In den Augen der Antike hingegen ein zur weiblichen Entfaltung unerlässlicher Vorgang, die magische Vereinigung der geschlechtlichen Gegensätze in der sexuellen Hingabe und die erst damit mögliche Öffnung des Menschlichen zum Göttlichen. Pflichtübung und huldreiche Verneigung vor der Schirmherrin Aphrodite.

Rituelle Hingabe an das phallische Biest

Die heilige Hure als versöhnende Heilerin von Sexualität und Spiritualität? Die Kraft der Sexualität, die freigesetzt den Zugang zu unterbewussten, transformativen Schichten des Mystischen eröffnet?
Die Hingabe an das phallische Biest, die rituelle Vereinigung im Liebesakt mit dem unpersönlichen Fremden erst macht das Mädchen zur Frau, führt sie zu ihrer Weiblichkeit und nimmt ihr die Furcht vor dem Männlichen.
Vor allem aber etabliert der rituelle Akt die Frau und ihre Sexualität als integralen Bestandteil der antiken Lebenswelt. Die Notwendigkeit der kosmologischen Verbindung zur göttlichen Dimension ist essentiell im Denken des antiken Menschen. Die Frau spielt dabei als Kontaktperson zur Götterwelt den entscheidenden Part. Sie wird geehrt und respektiert.

Republik der unerfüllten Liebe

Zurück in die Gegenwart, im Schatten der lustfeindlichen Doktrin abendländischen Denkens. Kirche und Staat haben die Göttinnen abgeschafft und die Frau als mystisches, sexuelles Wesen in die Verbannung geschickt. Die Riten des Altertums, welche die körperliche Lust als heilsames und wertvolles Bindeglied zu spirituellen Lebensquellen pflegten, sind vergessen. Die Lust ist tabuisiert, profanisiert, zur Sünde oder Unschicklichkeit erniedrigt.
Diese gründliche Verdrängungskunst bescherte uns ein System der von unerfüllter Liebe Getriebenen, die fasziniert den Reiz des Weiblichen suchen, aber zugleich, von Zwang der Abwertung beherrscht, das Weibliche fürchten und verachten. Diese verlorene Lust-Verehrung plagt die Seele und verwandelt Menschen in rastlose Effizienzmaschinen, die ihre eigene Sehnsucht verfluchen.
Die essentielle Versöhnung der Geschlechter über die sexuelle Transformation, die Vereinigung weiblicher Kreativität und männlicher Kontinuität bleibt aus.

In der modernen Demokratie ist der Frau zwar gestattet, Karriere zu machen bis hin zur Bundekanzlerin, um ein zweckdienliches Mitglied der Gesellschaft zu sein.
Doch sobald sie ihren Charme und ihre Scham, ihren Kopf und ihre Koketterie, ihre Schönheit und ihre Geilheit dazu einsetzt, sich und andere zu höchster Lust zu beflügeln, wird dies nicht als heilbringend und heilig bewertet, sondern nur als Hurerei.
Die Priesterin der Lust, die Prostituierte, sieht sich verfolgt, verachtet und verboten.
Nun denn, Ihr Kleingeister, wenn Ihr uns schon nicht als Göttinnen akzeptiert, dann doch wenigstens als Teufelsweiber!

Ernst-Ludwig Kirchner „Tanzpaar“ 1914 © Kirchner Museum Davos
Ernst-Ludwig Kirchner „Tanzpaar“ 1914 © Kirchner Museum Davos

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