Fotos von Diane Arbus im Martin-Gropius-Bau Berlin

Wissen Sie eigentlich, wie hässlich Sie sind?

Das Publikum bespuckte die Fotos von Diane Arbus

Das Publikum bespuckte die Fotos von Diana Arbus, als diese erstmals 1967 im Museum of Modern Art (MoMa), New York in der Ausstellung „New Dokuments“ gezeigt wurden. 1972, da war sie schon seit einem Jahr tot, waren ihre Bilder die ersten einer amerikanischen Fotografin auf der Biennale in Venedig. 1977 wurden Arbeiten von ihr auf der Documenta 6 in Kassel gezeigt. Nun veranstaltet das Jeu de Paume  Paris in Zusammenarbeit mit dem Estate of Diane Arbus , dem Fotomuseum Winterthur und dem Foam-Fotografie-Museum Amsterdam eine Werkschau im Martin-Gropius-Bau Berlin.

Ich fotografiere Exzentriker und Freaks, sie sind Aristokraten

„Ich habe jede Menge von Exzentrikern und Behinderten fotografiert“ schrieb Diane Arbus. „Sie zählen zu meinen Lieblingsmotiven, und ich habe sie vergöttert. Sie erweckten in mir ein Gefühl von Scham und Ehrfurcht. Sie sind ja bereits mit ihrem Trauma geboren, haben also die Prüfung ihres Lebens bereits bestanden, vor der wir anderen uns fürchten. Sie sind Aristokraten“.

Susan Sontag, die Vorbeterin Foto-ästhetischer Kriterien, sah das anders. In „Über Fotografie“ (1977) schreibt sie: „ Wenn man Zwerge fotografiert, sind Zwerge das Resultat, nicht Schönheit und Majestät“.  Sie fragt sich, wieso „Menschen, die bedauernswert und abstoßend sind“ bei Diana Arbus so fröhlich und selbstbewusst wirken. „Es scheint als wüssten sie selbst nicht, wie hässlich sie sind“.

Man stellt sich bloß, je mehr man sich verkleidet

War Diane Arbus eine Zynikerin, die das Abstruse und Schrille zur Schau stellt, um dadurch selbst im Scheinwerferlicht der Publicity zu stehen? Tatsächlich wurde sie schlagartig berühmt, als sie die Öffentlichkeit mit Ihren Porträts von Transvestiten, Prostituierten, Nudisten, geistig und körperlich Behinderten konfrontierte. Doch verstörender noch wirken ihre Bilder aus der Welt des sogenannten besseren Bürgertums.

Bevor sie sich als Künstlerin selbständig machte, hatte Diana Arbus jahrelang Mode und Werbung für die Nobel-Magazine VOGUE, GLAMOUR, HARPER’s BAZAAR und SEVENTEEN fotografiert. Wie ihre männlichen Kollegen Richard Avedon und Irving Penn, mit denen sie bis heute das Triumvirat der „best American photographers“ bildet, fand sie bald heraus, dass Kleider und Posen eine Maskerade sind, die vor allem demaskiert.  Hinfort stellte sie alle Voreingenommenheit auf den Kopf, um nicht mehr die Reichen und Schönen dieser Welt abzulichten, die sich bei genauem Betrachten als banal erweisen. Vielmehr zog es sie in die verborgenen Winkel New Yorks, um bei den Außenseitern und Ausgegrenzten einen verstörenden Zauber zu entdecken. Schon als Kind hatte die behütete Tochter aus reichem Hause ihre Vorstellungskraft an „Alice im Wunderland“ geschult, an den Schreckens-Erzählungen Franz Kafkas und den lästerlichen Lithographien des George Grosz.

Wahre Schönheit besteht darin, schamlos zu sein

Nicht Hair-Extensions, Lifting und Anti-Age-Lotions sind der Garant, in das Elysium der Kunst aufgenommen zu werden, es ist der Mut, sich als die Person zu outen, die man ist.  Naivität gehört dazu und vor allem Schamlosigkeit.  Susan Sontags Vorwurf, Diane Arbus habe die Not ihrer Modelle, nicht „normal“ zu sein, ausgebeutet, um sie dem öffentlichen Verlach zum Opfer darzubringen,  trifft das Gegenteil dessen, was die Fotografin zum Ziel hatte.

Doch drängt sich die Frage auf: Wie konnte es der Arbus gelingen, dass ihre Protagonisten sich  fremden Blicken so vorbehaltlos preisgeben? Man weiß aus ihren Aufzeichnungen, dass sie ihre Modelle sorgfältig aussuchte, lange und intensive Gespräche mit ihnen führte und  ihre eigenen sexuellen Obsessionen mit ihnen austauschte.  Vor allen konnte sie zuhören, bewies unvoreingenommenes Interesse. Nicht als Opfer, als Verbündeter empfand sich, wer vor ihrer Kamera-Linse stand. Wie sonst keinem Menschen schenkte man der Arbus grenzenloses Vertrauen. Es geht ihr ja nicht darum, eine fremdartige Welt zu dokumentieren, sondern ihre Partei zu ergreifen. Oft nicht ohne Schalk. So hat sie das legendäre Foto des „spastischen Jungen mit der Spielzeug-Handgranate“  gemeinsam mit diesem selbst ausbaldowert – in durchaus clownesker Freude am Spießerschreck.

Sie ging in den Tod, um unsterblich zu werden

1971 schied Diane Arbus freiwillig aus dem Leben. Sie litt an Depressionen, sagen diejenigen, die auf alles eine Antwort wissen. Vietnam-Krieg, Kennedy-Mord, Watergate, Mord an Matin Luther King – das war die Epoche, in der Diane den Biedermännern mit der Mörderseele ihre Freak-Show entgegenstellte, in der sich die Verletzlichkeit kindlicher Unschuld offenbart. Feinfühlige Künstler wie  Sylvia Plath, Janis Joplin, Jim Morrison, Jimi Hendrix und eben auch Diane Arbus waren „zu zerbrechlich für diese hinfällige Welt“ – wie Daniel Oppenheimer am 12. Mai 2012 in der Jewish Virtual Library schreibt.  Rund 50 Jahre nach ihrer Entstehung haben die Fotos der Diane Arbus noch immer die „Kraft, aufzuschrecken“. Mehr hat sie niemals verlangt.

(Text: Carlos Obers)

 

Diane Arbus  im Martin-Gropius-Bau

22. Juni bis 23. September 2012

Mittwochs bis montags von 10:00 bis 19:00 Uhr

Katalog: Diane Arbus „Revelations“

Im Schirmer Mosel-Verlag: € 58

Siehe auch:

„Fell“ Film von Steven Shainberg 2005 mit Nicole Kidman als Diane Arbus

Susan Sontag „Über Fotografie“. Fischer Taschenbuch, ISBN 3596230225

Patricia Bosworth „Schwarz & Weiß, das Leben der Diane Arbus, DuMont Verlag, ISBN 3-8321-7993-3

Katalog der documenta 6, Band 2 Fotografie, ISBN 3-920453-00-X

 

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