Eine starke Frau: Herlinde Koelbl im Martin-Gropius-Bau Berlin

„Schönheit langweilt mich“

Im Berliner Martin-Gropius-Bau sind bis zum 1. November 2009 “Fotografien 1976-2009″ von Herlinde Koelbl zu sehen. Es ist die erste Werkschau der 69-Jährigen, die dafür aus tausenden Bildern 450 ausgesucht hat.

Darunter Arbeiten aus Koelbl´s Fotoserien “Kinder” (1994), “Spuren der Macht” (1999), “Schlafzimmer” (2002) und “Haare” (2007). Auch unveröffentlichte Bilder kann der Besucher entdecken – darunter drei großformatige Exponate aus der neuen Reihe “Standeskleidung” (2008).

Sehr lebendig, mit wachen Augen und gelocktem, hoch gebundenen Rotschopf ist Herlinde Koelbl alles andere als eine Greisin.

Ihr Blick wirkt wach aber nie kalt, ihr Verstand scharfsinnig aber nie zynisch. So kommt es, dass selbst Joschka Fischer, der gewöhnlich gereizt auf Fotografen-Neugier reagiert, geradezu mit Vergnügen zuließ, wie die Koelbel seine Fress- und Hunger-Attacken über Jahre dokumentierte.

Spuren der Macht: Schröder, Fischer, Merkel und Co.

Berühmt wurde Herlinde Koelbl mit „Spuren der Macht“, für die sie staatstragende Deutsche von 1991-1998 in regelmäßigen Abständen porträtierte – und damit dokumentierte, wie das Bewusstsein der Wichtigkeit und die Last der Verantwortung die Gesichtszüge der Mächtigen verklärt oder verheert. Zu sehen u.a. am Beispiel von Gerhard Schröder, Angela Merkel, Joschka Fischer, Arnold Vaatz, Frank Schirrmacher, Renate Schmidt, Monika Hohlmeier und Irmgard Schwaetzer.
Eine ihrer populärsten Foto-Serien heißt „Starke Frauen“, aus der auch das Motiv „Aicha“ stammt. Eine Sammlung weiblicher Akte, die dem gängigen Schönheitsideal wiedersprechen. Zu sehen sind Frauen mit Unfigur und Übergewicht, sogenannte „starke Frauen“, die durch ihr Selbstbewusstsein und ihre Ausdruckskraft mehr Schönheit ausstrahlen als manches Covergirl.

Die Kunst, auf Kunst zu verzichten.

Anders als ihre Kollegin Annie Leibovitz verzichtet Herlinde Koelbl darauf, ihre Bilder zu inszenieren. Sie zeigt, was ist. Sie entdeckt. Es ist das ganz Alltägliche, das jeder sehen kann – hätte er nur ihren forschenden Blick. Schon mit einer ihrer ersten Fotoserien „Das Deutsche Wohnzimmer“ von 1980, die scheinbar völlig darauf verzichtet, Kunst sein zu wollen, gelingt ihr, was nur große Kunst vermag: das Unbekannte im Bekannten zu erkennen. Der Blick in die Interieurs der Deutschen wird zum Blick in ihr Innenleben.
Auch mit „Haare“ aus dem Jahre 2007, der Fotoserie, mit der sie in fünf Kontinenten diese fellähnlichen Auswüchse dokumentierte, die dem Menschen Schmuck oder Schmach sein können, zeigt sie uns wiederum eine Selbstverständlichkeit auf nicht selbstverständliche Weise: Lockenpracht, Schamhaare und Glatzen. Sie maskieren und demaskieren ihre Besitzer zugleich.

Aus Gesichtern spricht Geschichte.

Ein einziges Mal hat Herlinde Koelble sich dem klassischen Porträt gewidmet. Scheinbar. In „Jüdische Porträts“ von 1989 zeigt sie 80 Frauen und Männer, die wir als Geistesgrößen kennen und nun überraschend erfahren, dass sie alle das gemeinsame Schicksal erfuhren, die Schoah erlitten und überlebt zu haben: Bruno Bettelheim, Arthur Brauner, Ida Ehre, Norbert Elias, Erich Fried, Heinz Galinski, Stephan Hermlin, Stefan Heym, Robert Junk, Sir Karl Popper, Marcel Reich-Ranicki, Sir Georg Solti, George Tabori, Georg Stefan Troller, Grete Weil u.a. In diese Gesichter zu sehen, heißt, in Menschen und ihr Leben hinein zu sehen, heißt auch, einzusehen. Es sind keine stummen Fotografien. Sie sprechen zu uns. Und was sie uns sagen, ist weise und es bewegt uns tief.

„Ich interessiere mich für Menschen“.

Mit ihren Fotografien will Herlinde Koelbl nach eigenen Angaben “das Wesen eines Menschen” zeigen. “Um das zu erreichen, ist es wichtig, dass man sich auf sie einlässt, vorher Gespräche führt, die Menschen und ihre Signale wahrnimmt”, sagte sie der Nachrichtenagentur ddp.
Herlinde Koelbl blickt auf zahlreiche Ausstellungen im In- und Ausland zurück und arbeitete unter anderem für renommierte Zeitschriften und Zeitungen wie STERN, die ZEIT und NEW YORK TIMES. Für ihr kreatives Schaffen erhielt sie viele Preise, darunter den Dr.-Erich-Salomon-Preis für Fotografie 2001.

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