Eine Schlaftablette für die kollektive Psyche

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„Betty“ Öl auf Holz 1977, Foto: Museum Ludwig, Köln © Gerhard Richter

 

„Wie kann ich heute malen? Und vor allem: was?“ (Gerhard Richter 2005)

Sie ist immer da, die lange Schlange geduldig wartender Zuschauer am Einlass zur Ausstellung ‘Gerhard Richter – Panorama’ in der Neuen Nationalgalerie in Berlin. Egal ob Sonntag oder wochentags, der Pilgerstrom ist ungebrochen, und Zutritt gibt es nur nach bußfertig abgeleisteter Wartezeit. Da stehen sie alle einmütig, die Bildungsbürger und die Kunstexperten, das junge italientische Liebespaar, die Damen der skandinavischen Reisegruppe und die informierte amerikanische Familie, die fleißig mit Skizzenbüchern und Informationsmaterial hantiert.

Aber was macht den vermeintlich publikumsscheuen Richter zum Publikumsmagneten, zum weltweit bekanntesten deutschen Maler, dessen Werke auf dem Kunstmarkt hochdotiert Millionenbeträge erzielen? Was gibt den Werken des Fleißarbeiters eine solch unerklärte Anziehungskraft, den Nimbus zeitlos meisterhafter Kunst, die ihren Erschaffer aus den Sphären des Banalen schon zeitlebens in den Olymp der Großkünstler erhebt? Die Antwort, so einfach wie kryptisch, fand Richter bei John Cage: “Ich habe nichts zu sagen, und ich sage es.”

Balsam auf die Wunden der Aufrichtigen

Richters Werk perfektioniert die Kunst der Problembewältigung durch Wegschalten, Wegschauen, Verwischen und Ausblenden. Kombiniert mit einer konsequenten Ästhetik des tugendhaften Respekts wird sein Werk zur kollektiven Schlaftablette, die alle eventuellen Schmerzen und Schuldgefühle effektiv sediert und den Patienten kollektive Psyche in eine angenehme und dabei explizit selbstbewusste Wohlfühl-Trance versetzt.

“Richter versorgt uns mit Bildern, die wesentlich zivilisierter sind als die täglichen Angebote unserer medienverrückten Gesellschaft“, formuliert das Vorwort des Ausstellungskataloges treffend. Richter als Bollwerk und Wunderheiler. Er gibt uns “Mut in einer Zeit, in der wir nicht mehr wissen, ob es irgendwelche Bilder gibt, die unserer zutiefst verstörten Zivilisation entsprechen, und in einer Zeit, in der wir keine Vorstellung davon haben, welche Bilder uns am nächsten Tag erwarten”.  Balsam auf die Wunden der Aufrichtigen.

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„Lesende“ Copyright © Gerhard Richter, 2012

An der Schwelle zur Wohnzimmerkunst

Seine Strategie formuliert Richter bereits 1970, als er in einem Interview zur Auswahl seiner Sujets befragt wird: “Es ist vielleicht eine negative Auswahl insofern ich alles zu vermeiden suchte, was bekannte Probleme oder überhaupt Probleme, malerische, soziale, ästhetische, berührte. Ich versuchte nichts Greifbares zu finden, deshalb gab es so viele banale Sujets, wobei ich wiederum mich bemühte, dass das Banale mein Problem und mein Zeichen werden würde. Es ist also eine Art Flucht.”

Eine gewagte Gratwanderung. Das Vermeiden und Ausblenden von Problemen birgt die für das Werk und den Erfolg des Künstlers tödliche Gefahr der Langeweile. Ein riskantes Spiel, ein Grenzgang an der Schwelle zum nur Dekorativen, zur harmlos pflegeleichten Wohnzimmerkunst. Aber Richters taktische Ausweichmanöver sind erfolgreich, und die Deklaration bewusster Problemvermeidung ist nur die geschickte Kaschierung seines Erfolgsrezeptes.

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„Schädel mit Kerze“ 1983 Öl auf Leinwand © Gerhard Richter

„Meine Bilder sind klüger als ich“. Gerhard Richter.

Tatsächlich waren Richters Arbeiten den Statements des Künstlers zum Trotz oft problembewusst und aktuell. Seien es die Fotobilder der 60er Jahre, die raffiniert mit ihrer Unschärfe das Nachkriegstrauma ‘entschärfen’, der RAF-Zyklus*, mit seiner Humanisierung der Top-Terroristen („Gudrun Enslin“ „ Ulrike Meinhoff“) oder die nur scheinbar harmlosen Archivfotobilder, die sich erst bei Kenntnis der historischen Hintergründe als Dokumente des Schreckens erweisen („Onkel Rudi“, „Tante Marianne“). Einige Richter-Werke, wie seine Variationen zur „Kerze“ berühren gar durch Tiefsinn und Kontemplation. Denn „alles, was man über Gerhard Richter sagt, stimmt. Aber garantiert stimmt auch das Gegenteil“ (taz vom 9.02.2012).

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George de La Tour: „Maria Magdalena“ von 1630-35 , Louvre Paris ©

Retrospektiver Querschnitt mit Glanzlichtern

Die von der Tate Modern in London, der Neuen Nationalgalerie in Berlin und dem Centre Pompidou in Paris organisierte Ausstellung ‘Gerhard Richter – Panorama’ zeigt im retrospektiven Querschnitt etwa 130 Werke des Künstlers von 1962 bis heute.

Das kondensierte Konvolut der Schau zu Ehren des 80. Geburtstages Richters am 9. Februar repräsentiert mit ausgewählten Werken die Chronologie seiner Schaffensperioden und die disparate Spannweite seines Werkes von den frühen Fotobildern über Stadt- und Naturlandschaften, abstrakte Werke, Arbeiten mit Glas- und Spiegelflächen bis hin zu den neuesten Farbkompostionen mit Computerunterstützung. Eine exquisite Auswahl von weltberühmten Richter-Werken wie ‘Neger (Nuba)’ von 1964, ‘Ema (Akt auf einer Treppe)’ von 1966, ‘Seestück (See-See)’ von 1970, ‘Betty’ von 1977 und 1988 plus die kapitale ‘Kerze’ von 1982 setzen die Glanzlichter der Schau.

Text: Ch. Horn

 

* Der fünzehnteilige Gemäldezyklus mit dem Titel ’18. Oktober 1977′ ist für die Dauer der Panorama-Ausstellung in der Alten Nationalgalerie in Berlin zu sehen.

Gerhard Richter – Panorama, 12. Februar – 13. Mai 2012, Neue Nationalgalerie, Berlin

Website zur Ausstellung in Berlin:
http://www.gerhardrichterinberlin.org/

Website von Gerhard Richter:
http://www.gerhard-richter.com/

Die Ausstellungen bei den Staatlichen Museen zu Berlin:
http://www.smb.museum/smb/kalender/details.php?objID=29733 http://www.smb.museum/smb/kalender/details.php?objID=37728

 

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