Ein Bankrott der Begierde

„Die Kameliendame“ in der Literatur und im aktuellen Theaterprogramm*

Èduard Manet „Olympia“ Öl auf Leinwand 1863
Èduard Manet „Olympia“ Öl auf Leinwand 1863

von Salomé Balthus

 

Sophie Rois flötet, kräht, heult, hustet, röchelt und erstickt schließlich in eindrucksvollster Agonie.

Akustisch gesehen ist die aktuelle Inszenierung der „Kameliendame“ von Clemens Schönborn, die im Repertoire der Volksbühne geboten wird, sehr unterhaltsam. Wenn hier von akustischen Reizen die Rede ist, sollte nicht unerwähnt bleiben, was deren Reize höchster ist: das Schöne blüht nur im Gesang, und die Arien aus „La Traviata“, die in dieser Inszenierung sinnreich eingeflochten sind, unterstützt vom hauseigenen Kammerorchester, blühen schöner als alle Kamelien der berühmten Kurtisane Marguerite Gautier.

Ein Sexsymbol nach dem Geschmack des 19. Jahrhunderts

Die Kameliendame, im Roman von Alexandre Dumas dem Jüngeren, ebenso wie in der besagten Oper von Verdi (wo sie Violetta Valéry genannt wird), ist ein Sexsymbol nach dem Geschmack des 19. Jahrhunderts: elegisch, zerbrechlich, zart und blass auch Dank der obligatorischen Modekrankheit der Schwindsucht, mit den poetischsten dunklen Augen und Locken, dem Hang zur romantischen Liebe, zur Passion für die Treue zum wahren Geliebten und der Bereitschaft zum Selbstopfer, die eine Heldin der viktorianischen Epoche nötig hat.

Die delikate Mischung aus erotischem Reiz und heiliger Selbstlosigkeit teilt Marguerite Gautier mit den Figuren ihrer Epoche, wie sie besonders gern vom klassischen Ballett verewigt wurden: Giselle, Odette-Odile, la Sylphide… ein anachronistisches Idol, das schon von Flaubert karikiert wurde, als er die „Madame Bovary“ in ihrer Hoffnungslosigkeit überdeutlich zeichnete, eine Frau ganz á la mode, die von dem Opfertod für den Geliebten träumt (der sie undankbarer Weise sitzen lässt), dann aber aus schnöden Geldnöten den Tod vorzieht.

In der Volksbühne drohen erwartungsgemäß keine Sentimentalitäten

Liebe und Geld – die zentralen Symbole auch der „Kameliendame“. Doch in der Volksbühne drohen erwartungsgemäß keine Sentimentalitäten. Nicht mit Sophie Rois, der Anti-Sentimentalen. Wenn sie in der Rolle Marguerites die lästigen Freier herunterputzt, im Liebesakt hinter weißem Vorhang, in den sie sich verwickelt, stöhnt und keucht wie ein Tier, wenn sie den berühmten Trennungsbrief an ihren Armand schreibt und dabei heult wie ein trotziges Kind, ähnelt sie der romantischen Kokotte nur durch ihre, nebenbei gesagt, höchst werkgetreue Figur, ihre Schmalheit und Blässe, ihre unleugbare physische Zartheit, ihre rührend mageren Schultern über dem tiefen Rückendekolleté.

Sie ist eine ergreifende Erscheinung, man muss sie betrachten. Ihr ausdrucksstarkes Gesicht macht die Frage vergessen, ob es schön oder hässlich ist. Ein Sexsymbol ist sie nicht. Zwingt man sie dazu, so wie der spießbürgerliche Brühwürfelfabrikant Duval (eine Idee der Regie), der ihren entblößten Körper auf seine Werbeplakate drucken lässt, wird ihre scheue Hilflosigkeit  offenbar.

Kai Rudolph gibt den Armand Duval, aus seinem Munde erklingen Verdis Arien, er ist es, der Sophie Rois´ abgeklärte und gelangweilte Kokotte zur Liebe verleitet. („Er singt so schön, ich bau ihm eine Oper!“)

Ob er es will oder nicht, aber Rudolph verkörpert genau das Ideal, das die Belle Époque allerdings von der Frau hatte: Zärtlichkeit, Häuslichkeit, Schamhaftigkeit, unschuldige Vorstellungen und ahnungsvolle Unschuld, allzu heftige Gefühle für eine allzu schamhafte Natur. Passenderweise fällt der Knabe auch bei jeder Aufregung in Ohnmacht: erst in die Arme Marguerites, die ihr gemeinsames Leben bezahlt und ihm nichts von ihren Schulden verrät, aus liebender Schonung, dann in die Arme seines Vaters, des Brühwürfelfabrikanten, der Marguerite erklärt, dass Armand niemals das erträumte häusliche Glück mit ihr leben könne, weil der Geliebter einer ehemaligen Hure, wie bekehrt sie auch sei, der sozialen Ächtung gewiss ist.

Marguerite indessen findet nicht in ihr mondänes Leben zurück, sie ist nicht mehr gefragt, sie ist abgeschrieben. Verlassen von Gönnern, ausgenutzt von Freundinnen und verachtet von ihrem Geliebten verendet sie an der Schwindsucht: hinter einem weißen Vorhang, man sieht es nicht, man hört es nur.

Zu diesem Punkt waren erst zwei Stunden vergangen. In der Volksbühne ist der Kenner jetzt darauf gefasst, mindestens vier weiter Stunden mit einem postmodern aufgebrochenen, philosophisch geladenen Regietheater traktiert zu werden, das an linker Diskurssättigung und plastisch-sinnlicher Folter keine Wünsche offen lässt. Doch nichts!

„Geld ist Leben“ sind die letzten Worte vor dem Vorhang

Marguerite, die Tote, tritt nur kurz hinter dem weißen Vorhangtuch hervor und hält einen klagenden Monolog über den Verlust des geliebten Geldes: wenn sie ihr Geld noch hätte, wäre sie nicht allein: „Geld ist Leben“ sind die letzten Worte vor dem Vorhang. Was ist das? Leichte Kost! Unterhaltsam durchaus, sehenswert, aber nicht die gehaltvolle Nahrung des Geistes, nicht die begehrte Tortur, nicht die fast ins Unerträgliche gesteigerte Tiefe, Breite und Länge theatralisch aufbereiteter Sinnvernichtung und Alltagsbewusstseinszertrümmerung, die Leute Türen knallend aus dem Saal treibt und nur eine eingeschworene Gruppe Verzückter zurück lässt, die dann gegen zwei Uhr nachts das Haus zum bebenden Nachtclub machen. – Dieser Abend endete in dinnerfreundlicher Länge.

Schönborn hat zu wenig aus dem Stoff herausgeholt, er hat ihn nicht einmal vollständig vorgestellt. Es wird  nicht deutlich, was der Roman von Dumas angreift. Was ist die Fabel? Eine Hure, eine achtbare Größe der Halbwelt, will aus Liebe zu einem Mann ein bürgerliches Leben mit ihm führen. Doch Frau „mit Vergangenheit“ hat kein Recht darauf, jemals als akzeptabler Teil der Gesellschaft zu gelten, ebenso wenig ihre Angehörigen. Eine Liebesheirat würde für das Paar ein Elend bedeuten, dass Marguerite wieder in die Sphäre drängt, zu der sie nicht mehr gehören wollte. Sie hat keine Wahl. Marguerite wird das Opfer einer Männergesellschaft, deren Doppelmoral den Verkehr mit Edelkurtisanen für sich beansprucht, für die Ehe aber lediglich Frauen „ohne Vergangenheit“ akzeptiert. Welcher Mann diese Regel bricht, ist ruiniert.

Vor diesem Schicksal möchte Marguerite ihren Geliebten bewahren und verlässt ihn, indem sie vorgaukelt, ihn nie geliebt zu haben. Zurück in Paris und ihrem Leben als Kokotte aber gilt Marguerite durch die lange Beziehung zu Armand als sentimental, mithin als abgeschrieben. Sie erliegt ihrer Krankheit in Armut und Verlassenheit. Ein Tod allerdings, dem auch eine noch so unsentimental-geschäftstüchtige Kurtisane schwer entgehen konnte.

Eine Kurtisane hat kein Eigentum. Sie besitzt nicht einmal sich selbst.

Die Kurtisane von Verstand sollte nicht einen Augenblick glauben, dass die Reichtümer und Ehrentitel, die sie mit ihrer Kunst erwirbt, wirklich ihr gehören. Eine Kurtisane hat kein Eigentum, sie besitzt nicht einmal sich selbst. Sie ist der Besitz der Männerwelt, die ihr saisonales Lieblingsspielzeug mit kostbaren Attributen schmückt, deren Glanz auf die Erfolgreichsten des männlichen Geschlechts abstrahlt. Die Kurtisane, so wählerisch und stolz sie sein mag, ist nichts ohne die Männer, und die Männer wissen es. Sie sind solidarisch: einer garniert die schöne Frau mit seinem ganzen Vermögen, bis er sich zurückziehen mag, um den nächsten seiner Gattung die Früchte dieser Großzügigkeit genießen zu lassen: seidene Laken, kostspielige Dessous, ein lauschiges Landgut… alles Dinge, die der Liebe nützen, die das Liebesleben schöner machen, Investitionen in ein Produkt, an dessen Wert man sich seine Aktie verdient.

Die Kurtisane ist das Produkt reicher Männer, und sie schätzen sie nicht anders als ein kleines Unternehmen, das sie gesellschafterisch unterhalten. Die Männer achten sich gegenseitig für den Verkehr mit der Kurtisane, insofern ein jeder sich an dem Geschäft der Wertsteigerung beteiligt. Wer aber eine wahrhafte Liebe hegt, nicht für die Kurtisane, sondern für das menschliche Wesen, das diese Liebe eventuell erwidert, der wird ausgestoßen, denn er hat die Preise verdorben, hat die Kurtisane sentimental gemacht… die Männerwelt indes weiß, dass sich das gemeinschaftliche Unternehmen stets auszahlt: ist die Kurtisane nicht mehr en vogue, sei es nun, weil sie krank, gealtert oder sentimental ist, muss sie all die Kostbarkeiten, die sie zu besitzen wähnte, zurückzahlen.

Die Gesetze des Kurtisanenlebens verlangen, dass diese Frauen sich ständig verschulden, immer mehr Geld ausgeben, als sie verdienen. Ihr Ansehen, ihr Preis, ihre Einkünfte steigen zwar ständig, von den ersten Nächten ihres Ruhmes angefangen. Doch ihre Ausgaben, ihre Ansprüche eilen dem stetes voraus. Vielleicht hat es mit einem geliehenen Kleid angefangen, mit auf Kredit gekaufter Wäsche. Die erfolgreiche Liebesnacht hat ausgereicht, diese Ausgaben gerade eben zu bezahlen. Doch nun naht die nächste Nacht, der nächste Mann, auch diesem muss man gefallen, und zwar besser noch als dem vorigen, um besser belohnt zu werden.

Das eigene Gefühl, selbst mehr wert zu sein nach jedem Erfolg, genährt durch die Komplimente und Geschenke des Kavaliers, verlangt seine Entsprechung in neuer Garderobe, feinerer Kosmetik, einer prachtvolleren Wohnung zum Empfangen und Repräsentieren. Die Kurtisane wird von Männern ausgehalten, reich beschenkt und verwöhnt. Gleichzeitig aber häuft sie Schulden an bei Modisten, Lieferanten, Innenausstattern und Ärzten, und alle geben der Kurtisane gern Kredit. Sie hoffen bei einem Blick in ihren eleganten Salon mit den prächtigen Möbeln, ihrem Boudoir voll kostbarer Seide und Juwelen, dass all diese Dinge, all dieses Geld einst zu ihnen herüber wandert, in nicht wenigen Jahren, wenn der Reiz und Charme des promisken Wesens verbraucht ist. Denn gerade dann, wenn die Kurtisane ahnt, dass ihr Stern verlöscht, versucht sie verzweifelt, ihre Stellung zurück zu gewinnen. Sie versucht es mit den üblichen Mitteln, mit gesteigerter Koketterie, mit öffentlichen Auftritten in neuen, rauschenden Toiletten. Oder aber, sie wird krank und versucht der Krankheit, die sie verzehrt, zu entgehen, und häuft Schulden an bei Ärzten und Scharlatanen.

Doch die Männer wollen nicht mehr den vielgeliebten Frauenkörper, sie wollen ihr Geld, das sie noch mehr lieben

Im Kampf gegen das Unausweichliche mehren sich die Schulden der Kurtisane um ein Vielfaches. Wie oft hat sie Schulden gemacht, für Investitionen in ihre Verführungskunst, die sich dann um ein Vielfaches auszahlten! Und noch mehr Schulden beim nächsten Mal, und wieder höhere Gewinne! Doch die Rechnung geht nicht auf. Die letzten Schulden, Schwindel erregende Beträge, können nie mehr beglichen werden. Die Kurtisane ist ruiniert, am Ende, niemand macht ihr mehr ihre Aufwartung, und wenn sie ausgeht, eilt ihr eine üble Fama voraus. Eines Tages kommen doch wieder Männer in ihren Salon, doch diese Männer wollen nicht mehr den vielgeliebten Frauenkörper, sie wollen ihr Geld, das Geld, das sie noch viel mehr lieben als die Frauen. Durch Pfändungen und Versteigerungen kommt ihr geliebtes Geld zu ihnen zurück, erholter und wohlgenährter als es einst ausgeliehen wurde. Das Unternehmen hat sich ausgezahlt, das Geschäft ist abgeschlossen. Eine Aktie ist eine zeitlang gestiegen, jetzt ist sie im freien Fall begriffen, doch ihr Aufstieg hat manch Glücklichem Geld gebracht.

Schlimme Zeiten, vergangene Zeiten. Ich habe das Glück, in einer Zeit und in einer Stadt zu leben, wo  möglich ist, was über die Jahrtausende, die das promiske Gewerbe bestand, unmöglich war: ein selbst bestimmtes Leben, das mir nicht nur dir Wahl lässt, die moderne Version einer Kurtisane zu sein, weil ich es so will, ohne dafür vom Gesetz diskriminiert zu werden – und es morgen vielleicht nicht mehr zu sein, ganz nach meinem Belieben.

Wir sind frei, unsere eigenen Bedürfnisse, unsere Lust zu befriedigen

Und nicht nur das: außerdem ist es uns modernen Kurtisanen, uns „Musen“, möglich, auch noch ein Leben neben dem Halbweltdasein zu führen, ein tätiges Leben inmitten einer Gesellschaft, die wir mit gestalten. Wir sind nicht für die Männer da, denen wir als Institution zur Verfügung stehen – wir sind frei, unsere eigenen Bedürfnisse, unsere Lust zu befriedigen, die uns zum Flirt mit Unbekannten reizt. Und am nächsten Morgen können wir in die Universität gehen, oder an den Schreibtisch, oder wo auch immer unser Platz in dieser pluralistischen Demokratie ist. Das Leben als Muse ist heute keine gesellschaftliche Sackgasse.

Oder? Ist das nur eine sentimentale Illusion? Hat sich mit den Gesetzen des deutschen Staates auch die öffentliche Meinung geändert? Kann man heute wirklich als bekennende Kurtisane ein angesehenes Mitglied der Gesellschaft sein? Warum verraten wir Musen von Greta Brentano dann niemals unsere wirklichen Namen?

 

* Die Kameliendame an der VOLKSBÜHNE Berlin

Mit: Hendrik ArnstJean ChaizeZazie de ParisSophie RoisKai-Ingo Rudolph und Hans Schenker

Regie: Clemens Schönborn
Kostüme: Nina Kroschinske
Musikalische Leitung: Michael Wilhelmi
Licht: Torsten König; Dramaturgie: Ralf Fiedler
Chor: Frank BackmeisterFrank BauszusLothar ButsziesBerthold KogutMaxime MartinotManfred MeierReinhard SchmidtBernhard SchumannHelge Witt
Klavier: Michael WilhelmiYoung-Eun Hur ; 1. Geige: Kirsten Harms;  2. Geige: Emmanuelle Bernard;  Bratsche: Chang-Yun Yoo; Cello: Augustin Maurs; Flöte, Klarinette: Tilmann Dehnhard; Klarinette: Freyja Gunnlaugsdóttir

volksbühne

Abb. 1: Èduard Manet „Olympia“ Öl auf Leinwand 1863. Das Bild zeigt eine erfrischend realistische Version der „Venus von Urbino“ nach Giorgione. Manet porträtierte hier sein Lieblings-Modell Victorine Meurent, die selbst Malerin war und Gelegenheitshure.

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