Dirty Harry Hamlet

Notizen zu meinen Besuch von „Hamlet“,  frei nach William Shakespeare auf der Schaubühne Berlin.
Von Greta Brentano
Thomas Ostermeier inszeniert die Tragödie als Farce und beweist: Katastrophe und Klamotte sind die zwei Gesichter des Januskopfes, den wir das „Leben“ nennen.
Hamlet ist der Kronprinz unter den Psychopathen, ein ödipaler Berserker.
Fürchterlich und lächerlich wie alle Tyrannen.
Ein Wüstling, der seine Wollust durch Weinerlichkeit kaschiert.
Mal Narr mal Nerventöter, einer, der die Worte nicht halten kann – bis zum Elendsende in Schweigen.
So erweist sich der Held des Weltekels als das Ekel dieser Welt.
(Ein Andreas Bader, ein bis zum Selbsthass selbstverliebter bramarbasierender Kotzbrocken, nur weitaus gewitzter und wortgewaltiger als jener Hahn-im-Korb der RAF).

Lars Eidinger hat den Hamlet neu erschaffen: einen  Weltverbesserer im Wahnsinn. Aber auch ein Wahnsinns-Typ. Ein Superstar auf diesen Brettern, die Welt als Bühne deuten, um der Wirklichkeit die Schau zu stehlen.
Großartig  und genial: die Geräuschkulisse und das Bühnenbild, die hier zur Einheit werden.
Anrührend: Judith Rosmaier als Hamlets  Mutter Gertrud und Geliebte Ophelia in einer Person, die sich sensibel doch selbstvergessen zum Opfer der Macho-Macht-Perversionen macht: die Pussy des „Ödipus Hamlet“.
Die vier Jahre alte Inszenierung wirkt spontan und authentisch – frei von Routine. Nur das Publikum ist zahmer geworden: kein einziges „Buh“- dafür viele Lacher, Bravo-Rufe; Bereitschaft zum spontanen Mitspiel und frenetischer Applaus.

Regie: Thomas Ostermeier
Bühne: Jan Pappelbaum
Kostüme: Nina Wetzel
Musik: Nils Ostendorf
Licht: Erich Schneider
Hamlet: Lutz Eidinger
Gertrud und Ophelia: Judith Rosmair
Premiere: 7. Juli 2008 in Athen
Karten: +49 (0) 30. 89 00 23; www.schaubuehne.de
Schaubühne am Leniner Platz, Kurfürstendamm 153, 10709 Berlin

Fazit: Schein oder nicht Schein, das ist hier die Frage.

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