Die Sehnsucht der Töchter. Und das Versagen der Eltern.

Kommentar eines Lesers zu Francois Ozons Film „Jung und schön“.

Ich finde den Film gemischt. Salomé hat recht, dass Ozon mehr daraus hätte machen müssen, eben wegen der aktuellen Diskussion zur Prostitution in Frankreich und Deutschland und weil es schon mutigere Werke gab.

Wenn man nämlich einige Hintergründe nicht kennt, wird man viele Dinge, die der Film in Andeutungen enthält, nicht erkennen.

Das grundsätzliche Thema, noch über den Film hinaus, ist die weitgehende Unverbundenheit der (angeblichen) Erwachsenen mit den Heranwachsenden. Das wenige, was zwischen den beiden Gruppen abläuft, dreht sich um Hausaufgaben, mal ins Theater usw. Für die jungen Leute in ihrem Suchen total belanglos! Die Eltern nehmen im Wesentlichen die gesellschaftlichen Interessen war, aus den jungen Leuten produktive Werktätige zu machen, immerhin mit ein bisschen Kultur, da sind die Franzosen gut. Alles andere, meinen die Erwachsenen, würde in der Schule oder von selbst passieren. Und so müssen sie keine unangenehmen Gespräche führen, in denen die eigene Unfähigkeit, Unreife und Fehlbarkeit zutage kommt. Und das sie alles weichspülen oder unter den Teppich kehren. Wahrscheinlich genau so, wie sie es selbst mit ihren Eltern erlebt haben.

Dumm nur, dass Lehrpersonal natürlich nicht zum Erwachsen-werden-helfen geeignet ist, und die Gleichaltrigen mangels Erfahrung natürlich ahnungslos sind. So müssen die Heranwachsenden also versuchen, das Rad selbst neu zu erfinden, was aber allzu oft nicht klappt. Siehe die “Erwachsenen”.

Im Film bemüht sich die Mutter entsprechend überhaupt nicht darum, ihrer Tochter etwas über das Frau-werden zu vermitteln. Stattdessen wirft sie der Tochter vor, dass diese ihr etwas angetan habe. Dabei ist es umgekehrt, sie hat ihre Tochter mit ihren Problemen allein gelassen. Das ist ihr aber nicht bewusst. Konsequent sagt sie der Tochter nicht klar, was sie nun mit ihrem Bekannten Peter laufen hat.

Der Stiefvater benutzt die bequeme Ausflucht, dass er nicht der leibliche Vater ist. Der Tochter könnte er als Mann zwar nicht das geben, was die Mutter geben könnte, aber er macht auch der Mutter nicht klar, dass sie sich um ihre Tochter kümmern müsste. Immerhin hat er mit seiner Aussage festgestellt, dass die Tochter voll geschlechtsreif ist und damit angedeutet, dass sie offensichtlich biologisch erwachsen ist und für ALLE geschlechtsreifen Männer eine vollwertige Frau darstellt. Nicht mal das war der Mutter klar. Das die Tochter formal minderjährig ist, zeigt wie die Gesellschaft das Problem verstärkt – gut gemeint als Schutz, aber zu verallgemeinernd weil der Frau-Zustand eben meist früher eintritt und diese schon-Frauen dann mit den gleichaltrigen noch-Jungen vorlieb nehmen müssten. Mit Pädophilie hat das also nichts zu tun. Wenn der Film gesagt hätte, sie sei 18 hätte das jeder geglaubt, und die paar Monate sind eben nur formaljuristisch ein Unterschied.

Die Tochter hat also in der Prostitution einen wesentlichen Teil dessen gesucht und gefunden, was man ihr vorenthalten hat, bzw. was sie von Gleichaltrigen (ihr erster Lover) nicht bekommen hat. Das ist Kontakt mit Erwachsenen, deren Erotik, deren Erfahrungen, deren dunkle Seiten. Und deren Geld, womit sie allerdings nichts angefangen hat – sie hat die Kleidung ihrer Mutter benutzt und sich davon nichts gekauft. Es ging also nicht um Geld!

Versagt hat dann der Therapeut – und der Film. Da wäre DIE Chance gewesen, der Tochter und ganz dringend der Mutter – und damit dem Publikum – zu erklären, worum es überhaupt ging! Aber der Therapeut war genauso ahnungslos, wie alle Erwachsenen in dem Film, die noch nicht das Alter und die Reife des Stammkunden und dessen Frau erreicht hatten.

Ohne den Kontakt zu Erwachsenen – und das bedeutet insbesondere auch Nicht-Eltern – bleiben nämlich die meisten Leute Heranwachsende. So lange, bis ihnen um die Mitte 40 bis 50 Jahre langsam dämmert, dass da etwas nicht stimmt, dass ihnen etwas fehlt. Schade nur, dass dann Jahrzehnte unwiederbringlich vergangen sind, in denen sie nicht erwachsen waren, sondern nur der Gesellschaft produktive Werktätige waren. Industrialisierte Menschen.

Wenn sie Glück und genug Mut haben, stürzen sie sich dann in eine veritable Mid-life-Crisis und holen möglichst viel von dem nach, was ihnen in ihrer Jugend versagt blieb. Und wenn sie Männer sind, dann buchen sie fleißig bei Greta Brentano. Sofern sie immerhin dafür produktiv genug waren und/oder Stil haben.

Die Frauen haben da leider weniger Möglichkeiten, abnehmende Attraktivität und (deswegen?) ein Mangel an männlichen Escorts, oder ihr “Mindset” aus Moral und sonst was lassen sie ziemlich allein mit sich selbst und ihrem Therapeuten und Töpferkurs.

Deshalb ist es auch verpönt, das ältere Männer mit jüngeren Frauen Erotik haben oder womöglich Paare werden. Siehe Presse.

Immerhin wird uns im Film noch gezeigt, dass die Tochter eine höhere erotische Kompetenz erworben hat als ihr zweiter Lover, als sie ihm ihren Finger in den Po steckt. Ganz schön kleiner Tabubruch in einem Film, der das Riesentabu Pseudo-Erwachsene-erklären-ihren-Kindern-endlich-das-Leben/Vögeln hätte klar herausstellen können. Hat er leider nicht. Dommage!

Die gesamte Gesellschaft nimmt ihre Aufgabe und Verantwortung nicht wahr, heranwachsende Menschen bei ihrem Weg zu unterstützen. In älteren und weniger “zivilisierten” Kulturen ist das ein zentraler Teil der Entwicklung des Lebens. In der “hochentwickelten” Gesellschaft wird nicht mehr der Mensch entwickelt sondern nur die Wirtschaft.

Heiko B., Berlin im Dezember 2013

 

Wer sich (jetzt) dafür interessiert, und nun endlich ein richtiger Mann oder eine richtige Frau werden will, dem sei folgende Literatur empfohlen:

Robert Bly, “Eisenhans – Ein Buch über Männer” (engl. Originaltitel: „Iron John“) KINDLER Verlag;   ISBN-10: 3463401665   ISBN-13: 978-3463401669

Clarissa Pinkola Estés, “Die Wolfsfrau – Die Kraft der weiblichen Urinstinkte” HEYNE Verlag;   ISBN-10: 3453132262    ISBN-13: 978-3453132269

 

 

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