Die Musen küssen doch nicht jeden!

Salomé Balthus
Salomé Balthus

Es war einmal ein Interview

I am amused….

Als eine  Diplomatin der Welt der galanten Jeux und einer seltenen, kostspieligen, luxuriösen Décadence habe ich jüngst mit einer sympathischen jungen Frau einen Dialog geführt; intim, durchaus, doch bestimmt für die Öffentlichkeit, denn meine Gesprächspartnerin ist Journalistin, und auf dem marmornen Restauranttisch zwischen uns stand ein kleines Diktiergerät. Aus drei Stunden heiteren Geplänkels entre-nous schuf meine Journalistin-Freundin einen Text nach ihrem besten Wissen und Gewissen und ganz ohne meine Hilfe – nicht einmal zum Zweck einer Autorisierung habe ich ihr Werk manipuliert. So, wie sie es geschaffen hatte, erschien es  in der online-Ausgabe eines Magazins, das da genannt wird „Die Bildzeitung der Intellektuellen“ – nun, die Leserschaft, die sich in dem Diskussionsforum mit über 600 Beiträgen äußerte, gehört nicht gerade zu den Vorurteilsfreien. Dies musste ich leider feststellen. Auch wenn es im Kreise der Lästerer ein paar Gerechte gab, die sich galanter Weise um meine Ehre tjostierten.

Solche Umstände, und die Tatsache, dass jener Artikel nicht so ganz der Art und Weise entspricht, wie ich mich selbst darstellen würde, motivieren mich, hier nun einmal in eigener Sache selbst von meiner Nebentätigkeit zu sprechen.

Bin ich eine Hure?

Ich spreche hier ganz allein für mich. Ich bin ein Einzelfall. Ich bin wahrscheinlich sogar in vielerlei Hinsicht eine Ausnahme. Nicht nur, weil ich zu meinen erotischen Unternehmungen eine Ausnahme-Agentur beauftragt habe, die sich kultivierter als alle anderen darstellt, und die aus meiner Sicht als die erste und einzige emanzipierte Escort-Agentur der Welt bezeichnet werden kann.  Die Escorts heißen „Musen“, die sich, wie ich, als Fortsetzerinnen einer ehrwürdigen Tradition sehen. Diese Tradition, die wenig mit dem zu tun hat, was man aus Unkenntnis „Prostitution“ nennen mag. Wenn ich mich selbst gelegentlich als „Hure“ bezeichne oder als „Nutte“ gar, etwa mit einer Zigarre zwischen meinen Spitzenhandschuhfingern, gelehnt an eine Palisander-Bar, dann gebrauche ich diesen Ausdruck als hyperbolische Ironie. Oder hypertrophe Idiosynkrasie? Oder hypostatische Idolatrie? Oder hypererotische Idiotie? Jedenfalls neige ich dazu, mich selbst nicht allzu ernst zu nehmen.

Salomé Balthus
Salomé Balthus

Illusionen zum Anfassen

Wenn ich von mir selbst als „Hure“ spreche, dann meine ich etwas in mir, ein Wesen reiner Begierde, das nach Lust und Freuden ebenso giert wie nach Aufmerksamkeit und Zuspruch, nach den schmeichelhaftesten Komplimenten und Lügen.  Doch bin ich freilich mehr als meine Begierde. Ich bin auch eine Schauspielerin meiner selbst, eine, die Wert auf Selbst- Inszenierung legt und die ihre kleine Welt aus der Distanz des Zuschauers betrachtet. Ich spreche nur für mich selbst. Über meine Kolleginnen weiß ich zu wenig. Und nur Weniges ist es, was ich über die Hetären der alten Welt weiß. Meine Phantasie aber schmückt sie mit Perlenreihen und drapiert ihre weißen Körper auf Laken von schwarzer Seide – nur die Bilder in meinem Kopf kenne ich wohl, und wünsche, nicht weniger geben zu dürfen als den ganz großen Auftritt. Meine Inszenierungen  sind ein Spiel mit Illusionen, aber ich bin echt, und was ich verheiße, kann man anfassen. Ich bin es gewohnt, alle Hüllen fallen zu lassen, und wenn Sie mir dann Augen in Auge gegenüberstehen, da kann ich Sie gar nicht betrügen. Und wen betrügen Sie? Sich selbst so wenig wie der Theatergast, der sich vom Bühnenspektakel mitreißen lässt, das auch Illusion ist. Noch betrügen Sie als verheirateter Mann (oder verheiratete Frau) Ihren Partner, da zum Betrug ja stets ein Geschädigter gehört. Doch Liebeslust beglückt. Und ich empfehle allen Ehepaaren sich in einer Ménage à trois mit mir gegenseitig zu beglücken und von mir beglücken zu lassen.

Notwendige Einschränkung

Aber damit wir uns recht verstehen: Ich küsse nicht alle und jeden! Nur Auserwählte werden von der Muse geküsst.  Ich suche mir aus, welchem Mann (welcher Frau, welchem Pärchen)  ich meine Begleitung gewähre – sei es bei Tag oder Nacht, im Museum, im Theater oder bei Tisch und im Bett. Und ich tue es für Geld, doch nicht um des Geldes wegen. Mein Honorar, das für manche schmerzlich hoch sein mag, wird von mir als Zeichen des Respekts geschätzt. Als Muse verstehe ich einiges von Kunst und die wird nicht zuletzt ihres Preises wegen gewürdigt. Quälen Sie sich nicht mit der Frage, warum Sie mir für aufrichtige Gefühle und echte Zuneigung Geld bezahlen sollen, denken Sie einfach: Ich bin ein Kunstwerk, Ars amatoria!

Freiheit, die ich meine

Halte ich mich etwa für besser als andere? Das ist eine gute Frage. Hält nicht jeder Mensch sich für besser, vor allem: für klüger als andere? Manche, und so auch ich, standen in ihrer frühen Jugend sogar vor der Entscheidung, sich den Erniedrigungen der Mehrheit zu beugen und sich für schlechter zu halten als die anderen – oder aber, aus den Erniedrigungen gerade jene berauschende Gewissheit zu ziehen, dass anders zu sein auch heißen kann, besser als andere zu sein. Mein Anderssein, das bedeutet für mich Identität. Und darum bin ich immun gegen jede Art von Anpassungsdruck. Ich sehe mich weitgehend unabhängig von der öffentlichen Meinung, fühle mich frei und mutig, auch übermütig bisweilen, aber losgelöst von gesellschaftlichen Vorbehalten  und moralischen Vorhaltungen. Als Philosophiestudentin weiß ich: Nichts ist so unethisch wie die verallgemeinerte Moral. Der Ruchlosigkeit meines Gewerbes, mit dem ich keinem Menschen schade, verdanke ich mein jubelndes Gefühl von Freiheit.

Im Flagranti

Wie es mir geht bei Fremden im Bett? Wie ich mich fühle, wenn die Luft vor Lust vibriert? Frei und süchtig zugleich. Frei fühle ich mich sogar von einem Teil meiner selbst: Ich gleite in eine wohl kalkulierte Selbstentfremdung.  Süchtig bin ich, und war es stets:  nach Aufmerksamkeit. Süchtig nach Flirts, süchtig auch danach, mich selbst zu lieben und zu begehren. Mich begehrenswert zu fühlen, ist mir so wichtig, wie den zu begehren, der meinen Charme für einige Stunden gemietet hat. Dieser Mann muss nicht schön sein, mir nicht einmal optisch gefallen, er soll nur eines: mich begehren. Mir zeigen, dass er mich will. Ich möchte mich selbst zum Objekt seiner Begierden machen und dabei mich und meinen Liebhaber gleichsam von Ferne betrachten. Ich will ihn sehen, wie er sich selbst beherrschen kann angesichts von Kellnern, die in Vornehmheit erstarren, und ich erwarte im Widerschein der Kerzen die verhaltene Gier in seinen Zügen. Um dann, Stunden später, zu genießen, wie er die Contenance verliert, und mich seiner Wollust auszuliefern. Das Bett wird zum Opferaltar eines dunklen Kultes, und das Gefühl meiner Reinheit ist die höchste Befriedigung meiner Eitelkeit dabei! Der Triumpf meiner wiedergewonnenen Unschuld.

Salomé Balthus
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Meine Unschuld

Als Kind habe ich früh begonnen zu masturbieren. Ich brachte es meinen Freundinnen bei. Wenn diese mir dann erzählten, die Berührungen, die sich so schön anfühlten, so dass man gar nicht mehr aufhören konnte, seien etwas Schlechtes, Schmutziges, Verbotenes – dann war ich traurig und verletzt. Ich hatte ihnen nur eine neue Freude entdecken wollen, und nun machten sie mir Vorwürfe. Dieses Gefühl steigt erneut in mir auf, wann immer sich jemand über mich empört, in selbstgerechtem Halbwissen über meine Zunft, mit Vorurteilen ohne Verstand, und seine Zunge, die mir die Worte im Munde umdreht, schmeckt nach Verbitterung bei diesem Kuss.

Die Emanzipation der Lust

Die Tradition, in der ich mich am liebsten sehe – ob ich wirklich zu ihr gehöre, kann erst posthum von Forschern und meinen letzten Liebhabern enthüllt werden – ist eine lose verbundene Folge von Frauen über Epochen und Kulturen hinweg. Für mich sind sie Heldinnen, vereint durch die Rolle wohlhabender, oft weiser und berühmter Männer in ihrem Leben, aber mehr noch durch die Gemeinsamkeit ihres erotischen Genies, durch ihre entwaffnende Schamlosigkeit und durch ihren aristokratischen Stil. Sie ließen sich für ihre Dienste zwar bezahlen – erotische Dienste – zu denen weit mehr gehörte als das Spreizen der unteren Extremitäten. In manchen Fällen enthalten die erotischen Dienste dieser Hetären, Kurtisanen und Kokotten sogar überhaupt keinen Sex im Sinne vaginaler Penetration, dafür vieles andere, Verfeinerungen des Eros zu Raffinement und Delikatesse, zu Lust und Liebeskünsten, die der Banause gerne als Perversionen abtun möchte. Doch so manche von uns weiblichen Wesen verstanden sich seit der Antike auf jene  vielgestaltigen Arten des Liebesaktes, der nicht der Fortpflanzung dient, vielmehr dem Fortschritt der Kultur mit ihrer blühenden Phantasie und ihrer Verfeinerung der Sinne. Und es gab zu allen Zeiten immer alles, allen Verboten zum Trotz. Und das Reich der Sinnlichkeit, woran ich Anteil zu haben mich erfreue, brauchte und hatte stets Botschafterinnen.

Mit Recht und großen Verdiensten kämpft die Frauenbewegung dafür, dass Weib wie Mann die gleichen Berufe, Karrieren, akademischen Grade, und Staatsämter bei gleichem Einkommen und gleichen Befugnissen  beanspruchen können – bis hin zur Bundeskanzlerin. Angela Merkel wurde vom US-Magazin „Forbes“ mehrfach zur mächtigsten Frau der Welt gewählt.  Ja, das ist schon was. Doch es ist noch nicht alles.

Salomé Balthus
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Mein geliebtes Recht

Als Frau beanspruche ich auch das Recht, mich nicht rechtfertigen zu müssen, wenn ich meiner Lust freien Lauf lasse. Dazu zählt meine Polyamorie.  Ich habe einen festen Freund mit viel Verständnis, der mir Geborgenheit gibt. Ich habe Freundinnen und Freunde, mit denen ich Interessen und auch Intimität austausche. Und ich habe Gäste, denen ich meine Gunst gewähre und die ich sinnenfroh beglücke. Keinen davon will ich missen.

Eine Frau ist ein überaus formbares, flexibles Wesen, das stark von seiner geistigen Umgebung abhängt – den wenigsten Frauen ist bewusst, welche Talente in ihnen schlummern und welches Aroma, welches Flair, welchen Glanz sie entwickeln können. Die begabtesten sind schon erstickt und erdrückt worden von der Aura des Mannes an ihrer Seite, neben dem sie sich klein machen zu müssen glaubten. Doch einige sind auch gewachsen durch die Männer – im Plural. Was ist verkehrt daran, mit vielen zu verkehren und Verkehr zu haben? Hetären hießen sie in der Antike, im Mittelalter waren es die Kurtisanen des Vatikans, die japanischen Geishas erhoben ihre Kunstfertigkeiten zur Kunst. Madame de Montespan und Madame de Pompadour hielten Hof in Versailles und bekleideten den höchsten Rang nach der Königin, mit der sie sich bestens verstanden. Perikles, Athens Staatmann und ruhmreicher Feldherr, ließ sich von seiner Hetäre Aspasia Staatsreden schreiben, und Theodora brachte es durch ihre Empathie und Eloquenz zur Kaiserin von Byzanz.  Wodurch wohl unterschieden sich diese Damen von den anderen Huren und Starlets, von den Haus- und Eheweibern?  Durch genau jene Eigenschaft, die ich für die entscheidende Ingredienz der Erotik halte, und die fast allen erotischen Äußerungsformen unserer Tage so beklagenswert fehlt: durch Geist!

Salomé Balthus

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