Die lebenswichtige Gefahr der Liebe

Nan Goldins intime Porträts und Akte in der Berlinischen Galerie

Weiblichkeit und Wasser gehören zusammen. Schon Aphrodite, die Göttin der Liebe, war eine Wassergeburt. Auch nackte Nymphen konnte man meist an Quellen finden.

Arnold Boecklin Spiel der Wellen 1883
Arnold Boecklin Spiel der Wellen 1883

Seien es die Sirenen des Odysseus oder die Nixen nordischer Sagen: Seit je planschen Wasserwesen durch die Kunstgeschichte – verführerisch, verheißungsvoll und kaum zu fassen. Besonders die sexualisierte Bildwelt des Symbolismus, deren Schöpfer den Schock anbrandender Emanzipation verkraften mussten, ist bevölkert von wilden Wasserweibern.

 

Nixen und nacktes Frischfleisch

Bei Arnold Böcklin werden dralle weißfleischige Nixen bedrängt von schmerbauchigen Meeres-Machos. Im „Spiel der Najaden“ aalen sie sich, schlüpfrig, lüstern, zügellos in den aufgewühlten Wellen des Ozeans. Bei Franz von Stuck, dem Paranoiker dämonischer Weiblichkeit, hockt die Nixe huckepack auf den Schultern eines Fauns. Mit verzücktem Griff an die Bockshörner lässt sie sich von ihrem haarigen Gefährten durch die Fluten tragen.

Neben Sommerwiesen, Kornfeldern und Kathedralen wurden im Impressionismus die Badenden zum Grundmotiv. August Renoir der Großmeister des Gefälligkeits-Impressionismus widmet sein Werk überwiegend hygienebewussten Mädchen. Mit seinen rosig runden Appetitsanregern – frisch-fleischig zubereitet für den männlichen Genießer – wurde er zu einem der Gründungsväter der Pin-ups.

 

Der weibliche Blick auf Weiblichkeit

Im 20.Jahrhundert erobern sich Frauen ihren weiblichen Blick auf Weiblichkeit. Besonders bei Nan Goldin, der großen Protagonistin der subjektiven Fotografie, spielen Wasser und Weiblichkeit immer wieder zusammen. Das ist wohl eine der nachhaltigen Einsichten, die ihre kleine aber feine Schau in der Berlinischen Galerie eröffnet.

Mit ihrer herb-feinfühligen Schnappschussästhetik wurde die 1953 geborene Goldin zur Chronistin von Künstlern, Bohemiens und der sexuellen New Yorker und Berliner Subkultur. Leidenschaft und Obsession, Zärtlichkeit und Gewalt, Liebe und Hörigkeit bestimmen ihr Schaffen seit ihrem Durchbruch mit der „Ballad of sexual Dependancy“. Doch neben den Clubs, Bars und Betten ist das Badezimmer ein zentraler Schauplatz ihrer Fotografien.

 

Schönheit aus Schamlosigkeit

In der eindringlichen Intimsphäre des Badezimmers waschen sich die Nachtschwärmer den vergangen Tag vom Leib, präparieren sich für die kommenden Orgien. Einfach und ungeschönt erscheint ihre Nacktheit. Selbst der Abdruck eines Gummizugs bleibt sichtbar auf weißen Hüften.

Etwa Amanda, wie sie auftaucht aus dem Saunabecken des Hotels Savoy,
eine Venus der Moderne. Verletzlich und lilienblass. Berührbar und berührend. Amanda, immer wieder fotografiert und verwirrend wandelbar. Hier Femme Fatale mit Netzstrümpfen und Löwenlocken. Dort nackt und bloß als melancholische Odaliske, feingliedrig und mädchenhaft hell: Schillernde Facetten einer Persönlichkeit. Denn das eine, endgültige Porträt ist für Goldin nicht zu haben.

Nan Goldins notorische Nähe

Erfreulich schamlos rückt sie ihren Modellen auf die Pelle. Das Familienalbum ihrer Freunde und Freundinnen, Liebhaberinnen und Liebhaber entsteht aus der Vertrautheit. Sie hält Hautkontakt zu den Menschen ihrer Bilder. Aufgewachsen im fadenscheinigen Vorortidyll von Silver Spring, Maryland, floh sie schon mit vierzehn aus der bürgerlichen Enge. Entdeckte mit achtzehn die Fotografie. Was ihre Eltern verschämt versteckten, steht im Focus ihrer Bilder: Intimität in allen erdenklichen, oftmals peinlichen und peinigenden Erscheinungsformen. Doch zu allererst und vor allem: die lebenswichtige Gefahr der Liebe.

Ausstellung:
Nan Goldin. Berlin Works
20.11.2010-28.03.2011

Berlinische Galerie*
Alte Jakobsstraße 124-128
10969 Berlin

Öffnungszeiten:
Täglich (außer Dienstag) 10-18 Uhr

Abbildungen:
Arnold Böcklin „Im Spiel der Wellen“, 1883
Pierre Auguste Renoir „Die großen Badenden“, 1887
Nan Goldin „Amanda at the sauna, Hotel Savoy, Berlin, 1994“ (© Nan Goldin/Courtesy Matthew Marks Gallery, New York)*
Nan Goldin „Amanda on my Fortuny“, Berlin, 1993 (© Nan Goldin/Courtesy Matthew Marks Gallery, New York)*
Nan Goldin „Simon and Jessica in the Shower“ (© Nan Goldin)*
Nan Goldin „Käthe in the tub“, West Berlin, 1984 (© Nan Goldin/Courtesy Matthew Marks Gallery, New York)

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