Die Kluge

Carlos Obers (C) Hannah Arendt
Hannah Arendt Zeichnung von Carlos Obers

Was ist Klugheit? Eine Leidenschaft? Ein Leiden an der Welt?

Noch Simone de Beauvoir (1908 – 1986) musste sich von ihrem Verleger Gallimard bescheinigen lassen, dass die Bücher einer Philosophin unverkäuflich seien, da kein Mensch eine philosophierende Frau als kompetent erachte. Und Hannah Arendt (1906 – 1975) sagte von sich „Ich bin keine Philosophin, mein Fachgebiet ist politische Theorie“.  Sie wollte sich nicht mit Männern messen, übertraf jedoch alle ihrer Generation.

Die Filmautorin Margarethe von Trotta hat ihr ein cineastisches Denkmal gesetzt, das (mit Barbara Sukowa in der Hauptrolle) ab dem 10. Januar 2013 in deutschen Kinos zu sehen ist. Das Werk „Hannah Arendt“ wurde als „Film des Monats“ ausgezeichnet.

Die Banalität des Bösen und die Bosheit des Banalen.

Im Auftrag der Zeitschrift „The New Yorker“ berichtete Hannah Arendt 1963 über den Eichmann-Prozess in Jerusalem. Dieser scharfsinnige und aufrichtige Artikel hat der bekennenden Zionistin eine Welle der Wut und unverhohlenen Hass eingebracht – ausgerechnet von Juden. Selbst enge Freunde sagten sich von ihr los. Stein des Anstoßes war vor allem der Titel „Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht über die Banalität des Bösen“ und die Fama, welche die Medien darüber verbreiteten. Der SS Obersturmbannführer (1906 – 1962), hauptverantwortlich für die Deportation und Ermordung von Millionen jüdische Europäer, hatte sich in der Gerichtsverhandlung als „unschuldiger Befehlsempfänger“ hingestellt.

In eben diesem Unvermögen, Schuld und Verantwortung zu übernehmen, diagnostizierte Hannah Arendt das Unmenschliche des Verbrechens. „Eichmann war nicht Mcbeth… Außer einer ganz ungewöhnlichen Beflissenheit, alles zu tun, was seinem Fortkommen dienlich sein konnte, hatte er überhaupt keine Motive“. Man könne ihm keine teuflische Tiefe abgewinnen. „Ich war der Meinung, dass der Eichmann ein Hanswurst ist. Ich habe dieses Polizeiverhör von 3.600 Seiten gelesen, und ich weiß nicht, wie oft ich gelacht habe“, bekennt sie im Gespräch mit Günter Gaus 1964.

Die Enttäuschung, nicht des Teufels Beute zu sein.

In Israel wurde „Eichmann in Jerusalem“ erstmals im Jahre 2000 veröffentlicht. Zu schmerzhaft war es den Hinterbliebenen, nicht des Teufels Beute geworden zu sein, vielmehr Opfer eines Räderwerks, das von gedanken- und gefühllosen Durchschnittsmenschen in Gang gehalten wurde: „Jetzt wissen wir,“ so Arendt, „dass in jedem von uns ein Eichmann steckt“.

Über die Shoah sagt sie: „Alles andere hätte irgendwann einmal gutgemacht werden können, dies nicht“. Sie erkennt das kategorisch Neuartige an diesem industrialisierten Massenmord, und sie fasst ihre Forschungsergebnisse in zwei Hauptwerken zusammen:

„Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ (USA 1951, BRD 1955) rekonstruiert zunächst die Entwicklung des Antisemitismus seit dem 18. Jhdt. und analysiert dann die Strukturen und Mechanismen totaler Herrschaft am Beispiel des Nationalsozialismus und des Stalinismus. Sie wollte durch Vermittlung von Fakten eine Voraussicht aber auch ein Gefühl dafür vermitteln, wie Terror und Totalitarismus frühzeitig verhindert werden können.

„Denken heißt, eigenem Erleben nach zu denken“

In „Vita activa oder Vom tätigen Leben“ (1960) fordert Hannah Arendt ihre Leser auf, aktiv am politischen Geschehen teilzunehmen – was nicht mit Parteizugehörigkeit verwechselt werden soll. Sie selbst war nie Mitglied einer Partei, jedoch engagierte sie sich bereits 1933 nach ihrer Emigration in Frankreich in zionistischen Organisationen, die Jugendlichen zur Flucht nach Palästina verhalfen. Sie unterstütze auch den damals noch kaum bekannten Walter Benjamin und setze sich für die Veröffentlichung seiner Werke ein.

Handeln bedeutet, miteinander und füreinander tätig zu werden, niemals jedoch im Sinne einer Ideologie. Denn jede „Wahrheit“,  die auf einer einzigen Meinung beruht, sei unmenschlich. Vorbild ist ihr darin Rosa Luxemburg, die deutsche Kommunistin und Revolutionärin (ermordet 1919 in Berlin), die sich nicht scheute, Lenins Ideologie zu kritisieren: „ … so glaubte sie nicht an einen Sieg, bei dem die breite Masse keinen Anteil und kein Mitspracherecht hatte, ja, sie hielt so wenig davon, um jeden Preis die Macht in Händen zu halten, dass sie ‚eine deformierte Revolution weit mehr als eine erfolglose fürchtete‘“ (aus “A heroine of Revolution“ 1966; siehe auch: Margarethe von Trottas Film „Rosa Luxemburg“ – ebenfalls mit Barbara Sukowa).

Kein Mensch hat das Recht, zu gehorchen.

Es klingt wie Hohn, wenn Adolf Eichmann sich auf den kategorischen Imperativ des Immanuel Kant beruft. Denn dieser „Weltbild-Zertrümmerer“ (Nietzsche über Kant) hat als erster den Deutschen ihre Sucht zum Subalternen auszutreiben versucht.

Außerhalb des Militärs sind Befehle dazu da, verweigert zu werden. Jeder Mensch ist autonom, frei in seinen Entscheidungen und gleichberechtigt – nach Hannah Arendts Auffassung auch in der Politik. Damit meint sie, dass politische Entscheidungen konkret von denen getroffen werden sollten, die betroffen sind und dazu gewillt und fähig. Weil die repräsentative Demokratie in einer pluralistischen Gesellschaft zunehmend ihre Inkompetenz demonstriert („Der Staatsmann ist auf Experten angewiesen, die er nicht versteht“), plädierte  sie für eine direkte Demokratie.

Das ist eine Forderung, die Hand und Fuß bekommen hat, seit es für alle Bürger die technischen Möglichkeiten gibt, bei politischen Entscheidungen mit zu bestimmen: aktuell und online.

War Hannah Arendt womöglich eine Piratin der frühen Geburt?

Ich empfehle, das Netz zu nutzen für:

Hannah Arendt im Gespräch mit Günter Gaus (auf Yutube)

„Hannah Arendt“ Film von Margarete von Trotta mit Barbara Sukowa (Trailer bei Yutube)

Hannah Arendt bei Wikipedia (eine sehr fundierte und ausführliche Würdigung)

Margarethe von Trotta bei Wikipedia (Leben und Werk)

The Origins of Totalitarianism (Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft)  Piper Verlag, München ISBN 3-492-21032-5

The Human Condition (Vita activa oder Vom tätigen Leben) Piper Verlag, München ISBN 3-492-23623-5

Eichmann in Jerusalem (Ein Bericht von der Banalität des Bösen) Piper Verlag, München ISBN 3-492-20308-6

On Violence (Macht und Gewalt), Piper Verlag, München ISBN 3-492-20001-X

Notabene:

„Wenn die Welt nicht so beschissen wäre, dann wäre es eine Lust zu leben“, Hannah Arendt

 

 

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