Dido und Aeneas

Henry Purcells Oper „Dido und Aeneas“ mit Sasha Waltz in der STAATSOPER im SCHILLER-Theater Berlin.

„Sasha Waltz, die Zauberin“, Zeichnung von Carlos Obers© 2014
„Sasha Waltz, die Zauberin“, Zeichnung von Carlos Obers© 2014

Wenn die Tragödie tanzt.

Sobald sich der Vorhang hebt, erblicken wir Zuschauer ein Aquarium, das fast den gesamten Bühnenraum füllt. Die Tänzer der Sasha Waltz tauchen in die Fluten. Hier irgendwo in der Tiefe muss wohl die versunkene Großmacht Karthago verborgen liegen und mit ihr jene Abgründe unseres kollektiven Unterbewussten, von dem die Tragödie „Aeneis“ des römischen Dichters Vergil (Publius Vergilius Maro, 90 bis 17 v.Chr.) erzählt.

Der englische Barock-Komponist Henry Purcell hatte diese Historie nach einem Libretto von Nahum Tate zwischen 1688 und 89 in einem Mädchen-Pensionat in Chelsea (London) uraufgeführt.

Es geht um den trojanischen Feldherrn Aeneas, der nach Karthago immigriert war, wo sich die Königin des Landes unglücklich in ihn verliebt. Nein, falsch. Es geht vielmehr um diese Königin, Dido, die ebenso autonom (und man könnte sagen: „verantwortungslos“) das Schicksal ihres Volkes wie auch ihr eigenes der Liebe unterwirft. – Und nichts als der Liebe. Im Gegensatz zu Aeneas, diesem typischen Helden und Schlappschwanz zugleich: Als ein Heer von Hexen ihn nötigt, dem Befehl Gott Jupiters folgend Dido zu verlassen, um Rom zu gründen, unterwirft er sich der höheren Macht. Dido wählt den Freitod, er die Flucht in die Karriere.

Das ist ein hübsches Lehrstück über den uralten und unlösbaren Menschheitskonflikt zwischen Staatsräson und Selbstverwirklichung.

Ein Marxist würde sich wie Aeneas entschieden haben, ein US-Star wie Madonna der unbestechlichen Dido folgen – jedenfalls solange die Publikums-Quote stimmt.

Musikhistoriker können es bis heute kaum fassen, dass der Jahrhundert-Komponist Purcell dieses Meisterwerk „Dido und Aeneas“ einer Mädchenschule zur Uraufführung überließ. Es müsse doch wohl mindestens der Englische Königshof gewesen sein. Doch trotz ihrer pädagogischen Gesinnung ist Purcells Oper frei von höfischem Pomp und Pathos, keine staatstragende Kunst à la Händel, eher schon ein Musical.

Der Chor der Hexen mit ihren gehässigen Krähenstimmen, könnte auch Walt Disney-Fans gefallen. Und Didos Abschiedsklage „Rember me, but ah! forget my fate!“ hätte auch als “Song for Lady Di” erklingen können – gäbe es denn in unserer Epoche einen Komponisten vom Format des Henry Purcells.

Christopher Moulds, obwohl Fachmann für Alte Musik,  hat Purcells Opern-Torso so restauriert, dass ihm ganz und gar nichts Museales anhaftet. Erst recht beweist die choreografische Inszenierung von Sasha Waltz, dass es Zeit wurde „Dido & Aeneas“ aus der Mottenkiste zu holen.

 

Siehe auch: www.staatsoper-berlin.de/de_DE/repertoire/718202 sowie: www.youtube.com/watch?v=K5KlgvD22UE


Noch eine Empfehlung:

Am Samstag, 12. April 2014 konnten die Glücklichen, die eine Eintrittskarte ergatterten,  in der BERLINER STAATSOPER im SCHILLERTHEATER die Premiere des „Tannhäuser“ in der Inszenierung von Sasha Waltz (Regie und Choreografie) mit Daniel Barenboim (musikalische Leitung) erleben.

Das Premieren-Publikum reagierte mit Applaus und zum Glück auch mit wütenden „Buhs“. – Unverkennbares Indiz, dass etwas künstlerisch Neues stattgefunden hat.

Wie bei „Dido und Aeneas“ geht es auch in Richard Wagners Oper um die Unvereinbarkeit  von Liebe und Gesellschaft. Nur diesmal aus männlicher Sicht. Tannhäuser, ein Ebenbild Richard Wagners, fühlt sich zwischen seinen Geliebten, der Hure „Venus“ und der Heiligen “Elisabeth“ hin und her gerissen. Während traditionelle Aufführungen von Wagners Oper durch viel Tatü-Tata und Tiefenhuberei für moderne Ohren allzu humorlos daher kommen, gewinnt sie durch die 18 Tänzerinnen und Tänzer der Sasha Waltz an beglückender Leichtfüßigkeit und Selbstironie. Auch Pia Maier Schrievers inspiriertes Bühnenbild bewirkt, dass fünf lange Stunden kurzweilig bleiben: Mit verhaltenem Witz gestaltet sie Wagners Venusberg als allumfassende Ovulation.

Fazit: Bitte, bitte mehr davon!

Dido und Aeneas
Bei Sasha Waltz ist Oper nicht Opa. Durch sie wird Oper zur Emotion pur, indem sie auch Gefühle, die uns in unserer heutigen Welt bewegen, hoch kochen lässt. Ergo: Sasha Waltz ist die Zauberin, die unsere entzauberte Moderne braucht.