Der Frauen Held

„Ich dachte immer, so jemand kann nicht sterben. Das ist, als ob das Leben selbst gestorben wäre“, lesen wir im Nachruf der Elfriede Jelinek, Nobelpreisträgerin der Literatur.

Für sie ist Christoph Schlingensief „einer der größten Künstler, der je gelebt hat“. Und für den Rest der Weiberwelt? Für uns jedenfalls ist, war und bleibt dieser schöne Mann mit den klugen Augen und der zerwühlten Bettfrisur: unser Held! Ein ganzer Kerl, ein richtiger Mann und ein ewiger Lausbub.

Er kämpfe gewaltfrei mit den Waffen der Gewitztheit auf vielen Schauplätzen der Kreativität bis hin zu Burgtheater, Bayreuth und Dokumenta.

2011 sollte er den Deutschen Pavillon der Biennale in Venedig gestalten, daraus wird nun nichts. Doch es ehrt Deutschland, sich als Repräsentanten einen Unbeugsamen auszusuchen, der noch vor wenigen Jahren verhaftet wurde, weil er mit einem Schild „tötet Helmut Kohl!“ demonstrierte. „Haben Sie wieder ein Schild dabei? Tötet Angela Merkel!“. Nein, das fragte ihn die Kanzelerin nicht als er sie besuchte, sie lispelte bloß: „Möchten Sie noch ein Stück Kuchen?“


Nachdem Schlingensief ein Tagebuch seiner Krebserkrankung veröffentlichte, Titel: „So schön wie hier kann es im Himmel gar nicht sein!“ hat Deutschland ihn ins Herz geschlossen. Aus dem bösen Buben wurde plötzlich Muttis Liebling, so als wäre der Schlingel nicht Schlingensief sondern ein zweiter Hansi Hinterseer. Um es gar nicht erst soweit kommen zu lassen, haben die Götter des Olymp, die ihn so liebten und die Musen, die ihn so gerne küssten, jetzt zu sich geholt (am Samstag, 21. August 2010).

Was wird von ihm bleiben außer Tränen und Trauer? Wahrscheinlich nichts, denn dieser (bei allem Show-Talent) so bescheidene Mann hat sein Genie nicht in sogenannte „unsterbliche Kunst“ investiert, er wollte in der Tagespolitik mitmischen, wollte den Machtlosen durch die Macht der Medien (mit denen er zu spielen verstand wie ein Kind mit seiner Playstation), Kraft geben, zumindest aber Gehör verschaffen. So hatte er zu Helmut Kohls Zeiten vier Millionen Arbeitslose eingeladen, gleichzeitig in den Wolfgangsee zu steigen, damit den badenden Kanzler dort eine Bugwelle des Volksbegehrens überschwemme.

Sein letztes Projekt, das „Operndorf Afrika“, ist noch im werden und muss nicht unvollendet bleiben, wenn wir und Sie mithelfen (siehe www.schlingensief.com ).