Der Boros Bunker

Ein Berliner Bunker aus der Nazi-Zeit ist das Eldorado für Gegenwartskunst?

Als Christian Boros seinen Plan offenbarte, aus dem monströsen Hochbunker in der Reinhardtstraße 20 ein Museum zu machen, hielt man dies für die wahnwitzige Idee eines Privatsammlers. Fakt ist, dass ihm damit eines der wichtigsten Kunst-Projekte gelungen ist, die Berlin zu bieten hat. Ohne Übertreibung: eine Sensation.

Mit seiner labyrinthischen Raumstruktur zählt der Bunker zu den faszinierenden Kunsthäusern der Gegenwart. Vor allem auch deshalb, weil er mehr ist als ein Museum oder eine Galerie: ein Gesamtkunstwerk, das die Freiheit heutiger Kunst in klugen Kontrast setzt zur Angst, Enge und Beklemmung der Krieg mit sich bringt und die der Bunker den Besucher spüren lässt.

Wer das Gebäude betritt, die schweren Stahltüren hinter sich schließt, kommt  in eine andere Welt. Überall Beton, gezeichnet von den Spuren der Zeit. Kein Laut dringt von außen in das fensterlose Verlies. Kein Handyempfang. Im Eingangsbereich eine Glocke. Hoch oben schwingt sie. Unheimlich an der Decke, ohne Schlegel, ohne Glockenton. Eine stumme Mahnerin. Eine halbe Tonne schwer.

Erleben statt verstehen

“Ich sammle Kunst, die ich nicht verstehe”. So lautet das Credo von Christian Boros. Damit sind unter anderem Werke von Künstlern wie Damian Hirst, Olafur Eliasson, Elizabeth Peyton, Wolfgang Tillmanns, Monika Sosnowska und Anselm Reyle gemeint.
Boros, Inhaber einer Werbeagentur mit Standorten in Wuppertal und Berlin, zeigt in seinem Bunker wechselnde Ausstellungen seiner rund 500 Werke umfassenden Sammlung. Skulpturen, Rauminstallationen, Licht- und Performancearbeiten machen den Gang durch jene Räume, in denen zu Kriegszeiten tausende von Menschen dicht zusammengedrängt vor den Bomben Zuflucht suchten, zu einem Erlebnis bei dem sich Beklemmung zu Begeisterung wandelt.

Ein Blickfang und „Lichtblick“ im wörtlichen Sinne sind die raumgreifenden Werke von Olafur Eliasson, dem mystischen Illuminator und Kybernetiker. Von ihm besitzt Boros mehr als ein Dutzend bewegender Installationen, etwa den schwingenden Ventilator, mit dem der Däne vor zehn Jahren bei der ersten Berlin Biennale bekannt wurde, sowie eine farbig schillernde “Lampe”, die das Grau der Betonwände in zauberhafte Lichtreflexionen hüllt. Nicht weniger beeindruckend ist ein fluoreszierend leuchtend gelber Heuwagen von Anselm Reyle, der in einem abgedunkelten Kabinett steht, oder die von der Decke baumelnden grellbunten Flechtkunstwerke von Tobias Rehberger. Nicht weniger spektakulär: drei schwarze Monolithe von Santiago Sierra, die im 45-Grad-Winkel eine meterdicke Betonwand durchstoßen. Ein Ausdruck der Befreiung.

Krieg kollidiert mit Kunst

Der ungewöhnliche fünfgeschossige Bunker hat eine quadratische Grundfläche mit einer Länge von circa 38 m und einer Höhe von 16 m. Es verfügt über 300 Quadratmeter Flächen mit 2,30 bis 13 Meter hohen Räumen. Viele der niedrigen Zwischendecken wurden mit Diamantschneidern herausgesägt. Immer wieder gibt es überraschende Durchblicke und verblüffende Sichtachsen. Kein Tageslicht. Der bedrohliche Charakter wurde gewahrt, die Kriegsspuren belassen. Ein Denkmal, das zum Denken anregt.

Ursprünglich diente der 1941 von Albert Speer im Rahmen des „Führer-Sofortprogramms“ entworfene Bunker als Evakuierungsraum für den nahe gelegenen Bahnhof Friedrichstraße. Manche der Betonwände sind weiß gestrichen, viele andere hingegen tragen Aufstriche, Graffiti und Kritzeleien: Spuren der langen Nutzung unter anderem als Techno- und Fetisch-Club in den 90ern. Rostige Lüftungsrohre liegen bloß, im Treppenschacht hängen die Eisenarmierungen wie Spaghetti aus der roh ausgebrochenen, drei Meter schweren Decke. Da spürt man Geschichte. Gekrönt wird das 1000 Quadratmeter große bombensichere Beton-Dach vom luftigen Penthouse im Mies-van-der-Rohe-Stil, in dem sein Besitzer gelegentlich wohnt.

Musenkuss und Kunstgenuss

Die Privatsammlung von Christian Boros können Sie nach Voranmeldung an Wochenenden besuchen.
Bitte anmelden bei: www.sammlung-boros.de
Ein außergewöhnliches Erlebnis, das Ihnen unvergessen bleibt – vor allem wenn Sie von der Muse geküsst sind. Die Musen unserer Zeit – schöne Künstlerinnen, die inspirieren und nicht nur zum Schauen verführen – finden Sie bei
www.greta-brentano.de