Ben Johnsons „Volpone“ im Amphitheater Berlin

Geld, Gier und gute Laune

Dem Berliner Hexenkessel-Theater gelingt mit Ben Jonsons „Volpone“ eine entwaffnende Mischung aus Schmierentheater und allerbester Commedia dell‘arte. Bravo! e Da capo!

Ben Jonson hat Saison. Die Klamauk-Komödie ‘Volpone’ des lange vergessenen Shakespeare-Zeitgenossen erfreut sich auf den Spielplänen deutschsprachiger Theaterhäuser erheblicher Beliebtheit. Von Wiesbaden über Darmstadt nach Bochum, von Berlin nach Zürich und bis in die hinterste Provinz erlebt die elisabethanische ‚Commedia dell’arte-Groteske zu Gier und Niedertracht‘ ein erstaunliches Revival. Selbst die Sarkasmus-Ikone Harald Schmidt war sich nicht zu schade in seiner ersten großen Theaterollen den ‘Fuchs Volpone’ am Staatstheater Stuttgart zu geben.

In Berlin hat sich das Hexenkessel-Theater den Jonson-Klassiker in diesem Jahr für seine Sommer-Spielzeit vorgenommen – und damit eine exzellente Wahl getroffen. Ensemble und Stück passen wunderbar zusammen, in hinreißendem Tempo durchgängig kraftvoll gespielt gelingt den Berlinern eine tosende und dabei immer leichtgängige Slapstick-Inszenierung, die den Applaus seines Publikums vollauf verdient.

Geldgier scheitert grandios

Der Plot des ‘Volpone’ ist denkbar simpel. Der ohnehin unermesslich reiche venezianische Kaufmann Volpone (der Fuchs) beschließt sein Vermögen mit einer so raffinierten wie skurrilen Intrige zu mehren. Er will sein baldiges Ableben vortäuschen, damit seine Geschäftspartner (die Aasvögel) Corbaccio (böse Krähe), Corrino (der Rabe) und Voltore (der Geier) anlocken, diese mit der Hoffnung auf ein baldiges, umfassendes Erbe zu reichen Geschenken ihrerseits verlocken, um sich dann mit der Beute abzusetzen. Der mit seinem gemein-verschlagenen Diener Mosca (die Schmeißfliege) zunächst trefflich umgesetzte Plan fliegt dann natürlich auf und scheitert grandios. In der finalen aberwitzigen Gerichtsverhandlung verliert der geschlagene Volpone zwar zunächst sein gesamtes Vermögen, versteht es aber letztlich doch wieder der Nutznießer zu sein.

Ein Patchwork exaltierter Impressionen

Dem Hexenkessel-Ensemble gelingt es, den Volpone-Plot in ein Patchwork exaltierter Impressionen zu verwandeln. Die Kontinuität des Handlungsstranges tritt in den Hintergrund, doch die Faszination der Schlag auf Schlag folgenden Überraschungen trägt und treibt das Stück voran. Der Hexenkessel-Dramaturgie glückt dabei das schwierige und subtile Kunststück, mit perfektem Timing eine zündende Komik zu erzeugen und über fast den gesamten Spielverlauf zu erhalten. Komödien sind ja für Regie und Schauspieler oft viel anstrengender als Tragödien, weil sie dieses Timing und Tempo erfordern.

Es ist eine laute Inszenierung. Da wird geschrien, geheult, gebrüllt, gespuckt und geflennt. Dennoch gelingt dabei der Balanceakt zwischen dem banal-Vulgären und tiefgründiger Ironie. Die triebhaften Leidenschaften, die Gier, die Lust, werden ausgelebt und vorgeführt, doch immer in gekonnt skurriler Reflektion. Die Tragik der zwanghaften menschlichen Abgründe erscheint uns gar sympathisch und durch das Groteske gelindert, der existenzielle Schrecken löst sich auf in herzhaftes Lachen.

So lachhaft ist der Ernst des Lebens.

Die Tragik der Gefangenschaft in ihren Leidenschaften und die Befreiung im Akt der komischen Übersteigerung macht die Charaktere im „Volpone“ zu Menschen aus Fleisch und Blut. Volpone selbst – immer im herrlichen Schlagabtausch mit dem raffinierten Mosca – wird angetrieben vom Größenwahn und unstillbarer Geltungssucht. Er tut so fein, spricht so gewählt und hält sich für so oberschlau, dass die Lachmuskeln schon unwillkürlich in Bewegung geraten, obwohl und gerade weil man sich und seine Mitmenschen so peinlich ertappt fühlt. Eine Glanzleistung des Hauptdarstellers Andreas Köhler.

Durchweg überzeugend auch die Ausarbeitung der anderen Charaktere: Corbaccio, Corvino und Voltare. Die schwadronierende Tölpelhaftigkeit der Richterin ist vielleicht etwas arg übertrieben und die gestelzte Tugendhaftigkeit der Corvino-Ehefrau Celia etwas zu fade umgesetzt. Umso mehr überzeugt mich ihre Darstellerin, Rebekka Köbernick, in der Doppelbesetzung als Hure Canina mit ihrem outriertem Selbstbewusstsein. In summa ist das Stück gekonnt inszeniert, und das Ensemble spielt auf hohem Niveau.

Wildes und virtuoses aus der Wundertüte

Die Hexenkessel-Inszenierung greift mit vollen Händen in die Stilmittelkiste. Da wird modern improvisiert und klassisch rezitiert, antiker Sprachduktus trifft auf flapsiges Gehabe, gelungene gestische Expressivität auf liederliches Durcheinanderrennen. Was wir dabei erleben, ist eine wilde, mit Detailbesessenheit komponierte Tour de Force an Intensiv-Komik. Das improvisierte Ambiente unter freiem Himmel im ‚Amphitheater am Monbijouplatz‘ verleiht der Szenerie jenen Zauber, den wir im Theater sonst so oft vermissen.

Sie wollen sich einen schönen Sommerabend machen und weder von belanglosen Witzen beleidigen, noch von bemühtem Tiefsinn belehren lassen? Dann empfehle ich Ihnen das Amphitheater. Viel Vergnügen!

 

Paloma de Ponte

 

„Volpone“ von Ben Jonson, in einer Regieeinrichtung von Frieder Venus.
Amphitheater im Monbijoupark.
Spielzeit bis 31. August 2013, Di. bis Sa. 21.30 Uhr.

Ebenfalls sehr zu empfehlen: „Sarg niemals nie“ ein Musical zum Totlachen. Im Studio der Neuköllner Oper Berlin

 

Leave a Reply