Ai Weiwei in Berlin (deutsch)

Kunst ist Widerstand gegen die Staatsgewalt.

3. April bis 7. Juli 2014: Ai Weiwei in Berlin

Am Donnerstag, 3. April 2014 eröffnet das Berliner Museum im MARTIN-GROPIUS-BAU die bisher größte Ausstellung des Pekinger Künstlers Ai Weiwei. Das allein schon könnte ausreichen, die Genialität des Ai Weiwei zu erklären. Erstmals gelingt es einem scheinbar machtlosen einzelnen  Menschen die Staatsgewalt dieses Riesenreichs (mit dessen über 2.000jährigen Despoten und Untertanen-Tradition) zum Pingpong-Ball seiner eigenen Interessen umzufunktionieren. Dabei verbindet Ai chinesische Geschäftstüchtigkeit mit gänzlich un-chinesischer Renitenz.

Ein Beispiel: Nach dem Erdbeben von 2008 in Chengdu (Provinz Sichuan) hatte er die Namen von 80.000 Toten, darunter mehreren tausend Kindern gesammelt, die er auf seinem Kunst-Blog veröffentlichen wollte. Dazu entwarf er ein Kunstwerk, das 9.000 Schulranzen der toten Kinder zeigte. Das Werk wurde 2009 im HAUS DER KUNST in München ausgestellt. Ergänzend hatte Ai Weiwei auf seinem Internet-Blog wissen lassen, warum so viele Kinder durch einstürzenden Schulhäuser den Tod fanden: Die zum Bau der Schulen ursprünglich bestimmten Stahlträger wurden von den zuständigen Parteibonzen zum Bau eigener Häuser abgezweigt.

Eine solche Nachricht könnte für die kommunistische Parteiführung verhängnisvoll sein, indem sie zu Aufruhr in der Provinz und zu bewaffnetem Widerstand Anlass gibt. Was tat die Staatsführung? Sie sperrte den Blog, strengte aber keinen Prozess gegen den Künstler wegen Verleumdung o.dgl. an. Denn dann wäre die Wahrheit ja erst recht ans Licht gekommen. Nein, Ai Weiwei wurde wegen angeblicher Steuer-Hinterziehung inhaftiert, für die der Staat allerdings bis heute jeden Beweis schuldig bleibt.

Seitdem ist Ai Weiwei fortlaufenden Schikanen und Verboten ausgesetzt, die ihm das Leben schwer machen und seine Gesundheit in Mitleidenschaft ziehen. In seinem Pekinger Studio wird er Tag und Nacht von Kameras überwacht, und sobald er das Haus verlässt von Sicherheits-Polizei beschattet.

Das bleibt im Ausland keineswegs verborgen. Ein Dissident zu sein mehrt seinen Ruhm. Es macht ihn zum Helden und zur internationalen Berühmtheit. Die Frage:“Welchen lebenden chinesischen Künstler kennen sie?“ findet in aller Welt und aller Munde die gleiche Antwort: „Ai Weiwei“.

Unnötig zu erwähnen, das Ai auch der teuerste chinesische Künstler ist, Markt-Führer und lebende Marke zugleich. – Was er mit Humor kommentiert: u.a. durch eine neolythische China-Vase, die er mit dem Coca Cola-Logo ziert, dem Inbegriff aller Vermarktung. Schalkhaft stellt er sich selbst auch gern als Zertrümmerer von Ming-Vasen dar, vielleicht um seine despektierliche Beziehung zu Chinas Tradition zu bekunden.

Gerne provoziert Ai Weiwei auch mit scheinbar pornografischen Fotos.  Damit bietet er der chinesischen Justiz Gelegenheit, ihn wieder einmal vor Gericht zu zitieren – und zugleich der internationalen Presse die Chance, solche Prozesse als Posse darzustellen und sein Porträt zu veröffentlichen.  Ai Weiweis Buddha-Habitus mit dem verschmitzten Lächeln des Hofnarren kann als das wohl populärste Künstler-Konterfei (seit Pablo Picasso, Andy Warhol und Joseph Beuys) gelten.

Seine Gelassenheit macht ihn unantastbar. Und wenn auch alle Wasserstoffbomben des Westens die Allmacht des volksrepublikanischen Parteiapparats wohl niemals in die Nähe einer Niederlage bringen könnten, ein kleiner dicker Mann, ausgestattet mit kreativem Witz und listiger Weisheit, wäre dazu durchaus in der Lage: das Genie Ai Weiwei.

Austellung: Ai Weiwei „Evidence“ Donnerstag 3. April bis Montag 7. Juli 2014, geöffnet mittwochs bis montags von 10:00 bis 19 Uhr im MARTIN GROPIUS BAU Berlin, Niederkirchnerstraße 7, 10963 Berlin, Telefon: +49 (0) 30 25 48 60

艾未未

Ai Weiwei (in chinesischen Schriftzeichen)

 

Empfehlung:

Das ZEIT-Magazin Nr. 13 vom Donnerstag, 20. März 2014, gestaltet von Ai Weiwei mit bisher unveröffentlichten Fotografien und Kunstwerken (erhältlich im Zeitschriften-Handel).

Titelfoto des ZEIT-MAGAZINs Nr. 13 © DIE ZEIT Hamburg 2014
Titelfoto des ZEIT-MAGAZINs Nr. 13 © DIE ZEIT Hamburg 2014

Weitere sehenswerte Ausstellungen und Veranstaltungen:

Ägyptisches Museum und Papyrussammlung mit der Büste der Königin Nofretete : NEUES MUSEUM auf der Museumsinsel Berlin

Antiken-Sammlung mit dem Pergamon-Altar: PERGAMON-MUSEUM, ALTES MUSEUM auf der Museumsinsel Berlin

Gemäldegalerie mit Gemälden des 13. bis 18. Jahrhunderts, u.a. von  Jan van Eyck, Pieter Bruegel, Albrecht Dürer, Raffael, Tizian, Caravaggio, Peter Paul Rubens, Rembrandt und Jan Vermeer van Delft: KULTURFORUM nahe Potsdamer Platz

Kunst des 20. Jahrhunderts mit Werken von Ernst Ludwig Kirchner bis Joseph Beuys, präsentiert in einem Meisterwerk der Bauhaus-Architektur von Mies van der Rohe: NEUE NATIONALGALERIE nahe Potsdamer Platz

Museum der Gegenwart mit Gemälden von Andy Warhol bis Anselm Kiefer u.a.: HAMBURGER BAHNHOF nahe Hauptbahnhof Berlin

Sammlung Boros, eine wichtige Privatsammlungen mit Kunstwerken der Gegenwart, dargestellt als Gesamt-Kunstwerkt in einem ehemaligen Luftschutzbunker: BOROS BUNKER nahe Bahnhof Friedrichstraße,  Reinhardtstraße 20, 10117 Berlin. Besichtigung nur nach Voranmeldung unter Telefon +49 (0) 30 27 59 40 65

JÜDISCHES MUSEUM mit Dokumenten der Jüdischen Kultur in Deutschland und der Shoah im Museumsbau des Architekten Daniel Libeskind,  Lindenstraße 9-14, 10969 Berlin

DDR-MUSEUM  mit interaktiven Dokumenten zum politischen und privaten Leben im ehemals russisch besetzten Ostteil Deutschlands bis zum Fall der Berliner Mauer am 9. November 1989:  Karl-Liebknecht-Straße 1, 10178 Berlin

GEDENKSTÄTTE BERLINER MAUER geöffnet dienstags bis sonntags von 9:30 bis 19 Uhr: Bernauer Straße 111, 13355 Berlin

 

Ai Weiwei in Berlin
MARTIN GROPIUS BAU, Niederkirchnerstrasse 7,10963 Berlin,Germany
04/03/2014
07/07/2014