In mir ist viel Frau

Ein Liebeserklärung an den Mann, der in Cannes zum größten Filmregisseur aller Zeit ernannt wurde: Ingmar Bergman.

Was in der Ehrfurchtsstarre vor der Regielegende gerne übersehen wird:

Der Sinnsucher war nicht nur ein Meister der dunklen Töne. Ingmar Bergman hatte Humor.

Selbst das „Siebente Siegel“, sein apokalyptisches Mysterienspiel, wird von Komik aufgehellt.

Vor allem: In Bergmans Gesamtwerk – den über 60 Filmen und mehr als 130 Theaterinszenierungen – pulsiert eine selten gesehene Sinnlichkeit.

 

„Der sinnlichste Film der je gedreht wurde“

Am sichtbarsten manifestiert Bergman seinen tieferen Sinn für Sex in „Das Schweigen“ (1963), von einem Kritiker als „sinnlichster Film, der je gedreht wurde“ gefeiert. Nicht nur hierzulande sorgte er für Aufruhr. Besorgte Spießer schrien Alarm und riefen mit der „Aktion saubere Leinwand“ zum Kampf auf gegen den cinematographischen Schmutz. Auf ihrer Anklagebank: eine weibliche Autoerotik, zwei ausgedehnte Sexszenen und ein paar nackte Brüste.

Schon in seinen frühen Filmen nahm sich Bergman die Freiheit, Haut zu zeigen. Aber von der Stimulationsmechanik des Pornos ist seine Sinnlichkeit Lichtjahre entfernt. Wie die Schwüle des Sommers liegt sie im „Schweigen“  über den in Hassliebe verknoteten Schwestern.

Bergmans Sicht auf den Sexus verdichtet sich in seinen Themen, Motiven und Landschaften. Sie materialisiert sich in den lichtgeborenen Photographien seines kongenialen Kameramanns Sven Nykvist; sie nimmt in den Gesichtern Körpern und Gesten seiner Darstellerinnen Gestalt an.

Kühle Intellektuelle und lüsternes Weib

Außer Liv Ullmansind Bergmans Filmfrauen meist nur noch Cineasten ein

Begriff. Und doch zählen Eva Dahlbeck, Harriet Andersson, Ingrid Thulin, und Bibi Andersson zu den großen Akteurinnen des europäischen Kinos: Über Jahre und Jahrzehnte hat Bergman mit ihnen gearbeitet, mit manchen gelebt und auch nach dem Ende der Liebesbeziehung immer weiter Filme gemacht.

Da ist Ingrid Thulin, deren herbe Schönheit an die junge Knef erinnert. In „Das Schweigen“ spielt sie Ester, eine schwindsüchtige Übersetzerin, intellektuell, beherrscht, die sich in Hass-Liebe nach ihrer Schwester Anna (Gunnel Lindblom) verzehrt.  Weniger obsessiv als fraulich gereift gab sie in „Wilde Erdbeeren“, die Schwiegertochter eines emotional verödeten Medizinprofessors. Aber Bergman ließ sie auch gegen den Strich spielen. In seiner surreal-schwarzromantischen „Stunde des Wolfes“ (1968) erscheint sie als lüstern-fatales Projektionsweib, dem Max von Sydow als Künstler in der Schaffenskrise verfällt.

 

Selbstverwirklichung durch Sex

Ingrids schwesterliches Gegenprinzip in „Das Schweigen“ ist Gunnel Lindblom, Bergmans Frau fürs offensiv Sexuelle. Schon in der oscargekrönten „Jungfrauenquelle“ (1960) ist sie die triebhafte Gegenspielerin der keuchen Hauptfigur (Brigitta Valberg): eine eifersüchtige Magd, deren Sinnlichkeit animalische Züge trägt. Wild, verächtlich, verletzbar und stolz: Bergmans Esmeralda.

Im „Schweigen“ erscheint Gunnel Lindblom als abgründige Variante von Sophia Loren. Von ihrer intellektuellen Schwester glaubt sie sich für ihre Geilheit verachtet. Sie antwortet durch trotzigen Hochmut, stürzt sich in Eskapaden mit namenlosen Männern und sucht ihr Heil im Orgasmus. Rauschhaft reißt sie das Leben an sich und bezahlt mit dem kleinen Tod der postkoitalen Depression. Gemessen an ihrer stolzen Verworfenheit  erscheinen die heutigen Film-Weiber beinahe bieder.

 

Kindfrau und fürstliche Kurtisane

Wie keine andere Schauspielerin verkörpert Eva Dahlbeck die komische Seite Ingmar Bergmans – mit größter Eleganz. Im „Lächeln einer Sommernacht“ von 1955, seiner einzigen Komödie,  ist sie als fürstliche Kurtisane ein Ereignis. Bergmans Ausflug ins Komödienfach geriet zur Großtat des Genres. Mit geschliffenen Bonmots in Serie steuert er sein Narrenschiff des Lebens durch die Untiefen von Lust und Liebe. Spöttisch, scharfsinnig und dabei voller Sympathie für die planlosen Irrungen und Wirrungen der Leidenschaft. „Die Jahre haben deinem Körper eine Vollkommenheit gegeben, die der Vollkommenheit fehlt“, so preist Anwalt Egerman seine verflossene Geliebte.

Klar und hell, hoffnungsvoll und hoffnungsstiftend, Jugendliebe und Liebe der Jugend in all ihrer Strahlkraft: So leuchtet Bibi Andersson in „Das siebente Siegel“ (1962) und in „Wilde Erdbeeren“ (1961).

Ergänzt wird Bibis mädchenhafte Milde durch die unbekümmerte Sinnlichkeit einer Harriet Andersson.

„Es hat im schwedischen Film kein Mädchen gegeben, das einen hemmungsloseren erotischen Charme ausstrahlte als Harriet Andersson“, schwärmte Bergman und schrieb ihr den „Sommer mit Monika“(1953) auf den Leib. Dabei gelingt es Harriet Anderssons so viel unbändige Lebensbejahung zu verkörpern, dass man Kino und Leinwand darüber vergisst. Hinreißend die Szene, wie sie ihre Kleider abwirft und nackt über die Felsen zum Meer springt – eine irdische Vision paradiesischen Glücks. „Sommer mit Monika“ war der reine Spaß, schreibt Bergmann, „dann hat die Zensur geschnitten“.

 

 „In meine Mutter war ich sehr verliebt“

Es sind zwar immer auch Traumfrauen, die vor allem die frühen Filme Bergmans beleben. Das verbindet ihn mit dem frivol-klugen Clown Frederico Fellini. Dass Frauen dabei nicht nur die Ausgeburten männlicher Wunsch- und Angstträume bleiben, verdankt sich dem Ausnahmetalent Ingmar Bergmans, seinen grandiosen Darstellerinnen – und seiner Mutter.

Denn während Bergmans Verhältnis zum strengen Vater, einem protestantischen Pastor, zeitlebens schwierig blieb, war er in seine Mutter, einer „sehr starker Frau“ „sehr verliebt“. So erklärte er sich, dass es für ihn „sehr einfach ist, mich in ein Frauendenken hineinzustellen: Ich glaube, in mir ist viel Frau, sind viele Frauen“.

Selbst in aller Befangenheit und Verzweiflung zeigen Bergmans Frauen ein sicheres Gespür für sich selbst, das ihren egozentrisch vor sich hinhadernden Männern abgeht. Während die Männerwelt dem Leben mit dem kleinen Jein begegnet, antworten seine Frauen meist mit dem großen Ja: mal lauter, mal leiser, aber immer entschieden. Kläglichkeit und Herrlichkeit, Verzweiflung, Verzückung und die Dinge dazwischen: Alles Menschliche hatte Raum unterm weiten Horizont des Ingmar Bergman.
Text: T.L.

Links:
Deutsche Kinemathek – Museum für Film und Fernsehen:
www.deutsche-kinemathek.de
Ingmar Bergman Edition bei Amazon (10 DVDs):
www.amazon.de

Tags: Ingmar Bergmann / Cannes Filmfestival